Werner Sperber
Dr. Heinrich Hiesinger will die Bundesregierung um dauerhaft billigen Strom bitten, obwohl schon jetzt die meisten deutschen Branchen von diesbezüglichen steuerlichen "Ausnahmeregelungen" stark profitieren. Die Analysten beschäftigen sich derzeit mit wichtigerem: den aktuellen Zahlen für das erste Quartal des Fiskaljahres 2011/12.
Dr.-Ing. Heinrich Hiesinger fordert im Nachrichtenmagazin Der Spiegel: Die Industrie in Deutschland dürfe nur mehr einen Strompreis bezahlen, der sich am EU-Durchschnitt orientiert. Das müsse für die Industrie festgeschrieben werden. Anders seien bestimmte Standorte auf Dauer nicht konkurrenzfähig. Der Vorstandsvorsitzende von ThyssenKrupp werde der Bundesregierung eine solche dauerhafte Bevorzugung vorschlagen. Auf der anderen Seite lädt Dr.-Ing. Hiesinger derzeit auch private Stromkunden dazu ein, dem in Essen ansässigen Stahl- und Technologiekonzerns Anleihen abzukaufen. ThyssenKrupp begibt derzeit solche Papiere im Volumen von fünf Milliarden Euro und einer Laufzeit von fünf Jahren. Die Ratings für diese Papiere lauten auf: Baa3 und BB+ sowie BBB-.
Gewinntief überstanden
Carsten Riek, Analyst der UBS, erklärt: Steel Americas sei ein Problem für ThyssenKrupp, denn die Profitabilität der US-Tochterfirma bleibe unter Druck. Das Ende September ablaufende Geschäftsjahr 2011/12 werde für den Gesamtkonzern schwierig und der Free-Cashflow dürfte negativ bleiben. Riek ist etwas vorsichtiger bezüglich der europäischen Stahlindustrie geworden und erinnert zudem an die verhaltene Prognose des Vorstands von ThyssenKrupp. Deshalb senkte der Analyst seine Gewinnschätzungen für das laufende und das nächste Fiskaljahr. Da die Aktie im Vergleich zu den Wettbewerberaktien recht hoch bewertet sei, reduzierte er seine Einstufung von "Neutral" auf "Sell" und sein Kursziel von 18,10 auf 17 Euro.
Sylvain Brunet, Analyst von Exane BNP Paribas, erinnert an die weiter gestiegenen, überraschend hohen Verluste der brasilianischen Tochterfirma CSA sowie die deutlich gestiegene Nettoverschuldung. Allerdings sei das Gewinntief überstanden. ThyssenKrupp sollte nun hauptsächlich mit Investitionsgütern die Ergebnisse steigern können. Vor diesem Hintergrund beließ es Brunet zwar bei seiner Einschätzung mit "Neutral", erhöhte jedoch sein Kursziel von 19 auf 20 Euro.
Vorsichtig optimistisch
Björn Voss, Analyst von M.M.Warburg, erkennt sich verbessernde makroökonomische Frühindikatoren und verweist auf jüngst positive Aussagen der Hauptabnehmer von ThyssenKrupp aus der Automobilindustrie. Deshalb wäre es erfreulich gewesen, wenn der Vorstand eine Ergebnisprognose abgegeben hätte. So rät Voss zwar weiterhin zum Halten der Aktie, habe allerdings seine Gewinnschätzungen und sein Kursziel von 26 auf 24 Euro senken müssen.
Stefan Freudenreich, Analyst von Equinet, stellt fest: Die Zahlen von ThyssenKrupp für das erste Quartal des laufenden Wirtschaftsjahres seien schlechter ausgefallen als erwartet. Neben den Problemen von Steel Americas verweist er dabei auch darauf, dass die Kunden in Europa die eigenen Lagerbestände abgebaut hätten. Freudenreich erkennt jedoch im Ausblick des Vorstands vorsichtigen Optimismus. Deshalb rät er weiter zum Nachkaufen der Anteile, reduzierte jedoch sein Kursziel von 26 auf 25 Euro.

Fundamental solide
Die Analysten schätzen die Gewinne von ThyssenKrupp für die Geschäftsjahre 2011/12 bis 2013/14 auf 0,78 Euro, auf 2,26 Euro und auf 3,02 Euro je Aktie. Das entspräche Kurs-Gewinn-Vielfachen von 27, von 9 und von 7. Bei einem Eigenkapital pro Anteilschein von 19,44 Euro beträgt das Kurs-Buchwert-Verhältnis nur 1,06. Selbst wenn nur das den Aktionären zuzurechnende Eigenkapital von 16,74 Euro pro Anteil zu dieser Berechnung herangezogen wird, beträgt das KBV lediglich 1,24. Nach unten sollte die Notierung damit abgesichert sein. DER AKTIONÄR bleibt deshalb beim Kursziel von 26 Euro und beim Stoppkurs bei 16,20 Euro.