Robert Halver: "Die EZB ist die Lebensversicherung der Eurozone"
Die Spekulationen auf neue geldpolitische Maßnahmen der Notenbanken sorgten in den vergangenen Tagen für Auftrieb bei DAX und Co. Bisher hat EZB-Chef Mario Draghi seinen großen Ankündigungen aber keine echten Taten folgen lassen. Worauf müssen sich die Anleger in den kommenden Wochen einstellen?
DER AKTIONÄR sprach mit Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, über die aktuelle Situation in Europa, die jüngsten Rettungsaktionen der EZB und die Rolle der Politik.
DER AKTIONÄR: Hat Europa in seiner jetzigen Form noch eine Chance? Und wie steht es um die Zukunft der europäischen Einheitswährung?
Robert Halver: Wenn ein Unternehmen so wie geführt würde wie Euroland derzeit politisch, wäre es lange schon beim Insolvenzverwalter gelandet. Time is running out sagen die Amerikaner, wenn man sich zu viel Zeit mit der Problemlösung lässt. Und genau das ist das Charakteristikum der Euro-Politik: Zu viele sich widersprechende Köche verderben den Brei. Sollte die Eurozone in ihrer jetzigen Form kollabieren, ist es die Schuld einer zu zaghaften, zu mutlosen, auf Wählerstimmungen und Sicherung von Wahlkreisen schielenden Politik. Das euroländische Kind ist in den Brunnen gefallen und das Einzige, was die Politik tut, ist, sich darüber zu streiten, wie man rettet, aber tatsächlich retten - auch wenn es sein muss unorthodox - tut niemand. Nur gut, dass niemand dieser Damen und Herren bei der Feuerwehr ist. Wenn ich - wie unlängst - in Amerika Freunde besuchen war, die auch aus der Finanzbranche stammen, staunen sie regelmäßig nicht schlecht, wenn sie sich das muntere Schüsseltreiben bei uns anschauen.
Wieso?
Sie sagen mir, dass Amerika bis vor drei Jahren richtig Respekt vor einer Eurozone mit seinem Potenzial einer alternativen Welt-Leitwährung hatte. Und heute sichern sich US-Unternehmen gegen einen Kollaps der Eurozone ab. Sie sprechen wieder vom alten Europa, dass aus seinen katastrophalen Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt hat. Der Zusammenhalt der Länder der Eurozone entspricht einem alten Ehepaar, das nur noch aus rationalen Gründen wie der Steuerersparnis zusammen bleibt.
Woran liegt das?
Euroland lacks leadership, sagen die Amerikaner. Es gibt keinen Politiker mehr, der überzeugend für die europäische Idee steht. Das Führungspersonal innerhalb der europäischen Behörden motiviert nicht, es deprimiert. Ohne Emotion, ohne Euphorie, ohne Tatendrang, der auch höchst unkonventionelle Maßnahmen beinhaltet, steht Euroland zur Disposition.
Was muss sich verändern?
Richtung Berlin und Bundesbank muss man laut schreien, dass die alte Stabilitätspolitik, die man uns jeden Tag gebetsmühlenartig um die Ohren schlägt, bei ihrer Praktizierung - so gut Stabilitätspolitik grundsätzlich auch von mir geschätzt wird - Euroland innerhalb von zwei Wochen in den Zustand mausetot versetzt. Jeder, der fehlerfrei bis drei zählen kann, weiß das auch. Also hören wir endlich auf, diese Lebenslüge der Eurozone weiter zu predigen. Die Politik sollte auch sofort aufhören, die Schuld an der Misere insbesondere in der Finanzindustrie zu suchen. Wer hat noch einmal die deutschen Finanzmärkte Ende der 90er-Jahre reguliert, um auf Augenhöhe mit der angelsächsischen Bankenindustrie zu sein?
Die Politik!
Richtig. Wer die Tür zum Hühnerstall aufmacht, sollte sich nicht wundern, wenn der Fuchs zuschlägt. Es muss noch in diesem Herbst gehandelt werden. Auch mit dem mittlerweile professionellen Durchwurschteln wird das Vertrauen der Bürger und Investoren gegen Null gefahren. Und ist dieses Vertrauen verspielt, hat auch die gemeinsame Währung verloren.
Welche Rolle spielt die EZB?
Die EZB wird eine deutlich größere Rolle, nein, die entscheidende Rolle bei der Rettung der Eurozone spielen müssen. Die politischen Irritationen sind nämlich so groß, dass selbst die in einigen Ländern durchaus ergriffenen, Reformmaßnahmen an den Finanzmärkten und bei Investoren mittlerweile verpuffen. Für Stabilisierung - sprich Drückung von Staatsanleiherenditen angeschlagener Länder - kann nur die EZB sorgen.
EZB-Chef Mario Draghi hat seinen großen Ankündigungen bisher keine echten Taten folgen lassen. Warum reagierten die Aktienmärkte in den letzten Tagen dennoch so euphorisch?
Herr Draghi kann in der Öffentlichkeit natürlich nicht signalisieren, unterstützend einzugreifen, egal, ob die europäische (Fiskal-)Politik ihre Hausaufgaben macht oder nicht. Sonst würde ja das Motto gelten: Sie sähen nicht, sie ernten nicht, aber dennoch hat die EZB sie lieb. Den Reformdruck muss sie insofern aufrechterhalten. Dennoch bleibe ich bei meiner Meinung, dass noch nie ein EZB-Präsident so klar gemacht hat, zur ultimativen Unterstützung bereitzustehen. Die Marktteilnehmer wissen, dass es im Falle eines Falles kein Zögern geben kann. Genauso wie die Feuerwehr bei einem Brand nicht zuschaut, wird ebenso die EZB dann sofort eingreifen. Die EZB ist die Lebensversicherung der Eurozone und ihrer Finanzmärkte.
Deutsche Politiker kritisieren Draghi derzeit heftig. Wie beurteilen Sie seine Vorgehensweise?
Was soll der Mann denn machen? Einerseits sofort loslegen und mit Billionen die Staatsanleihemärkte beglücken, ohne Reformdruck auf die Fiskalpolitik auszuüben? Oder andererseits endlos abwarten, bis die Politik ihre unerträgliche Lethargie aufgibt und handelt? Er muss taktieren, eine Kompromisshandlung einnehmen. Und das macht er klug, schlitzohrartig. Für mich ist er der heimliche Staatspräsident der Eurozone. Ich bin ohnehin davon überzeugt, dass hinter vorgehaltener Hand in Berlin längst verstanden wurde, dass es keine Alternative zu einer zukünftig noch üppigeren Geldpolitik der EZB gibt. Die vorherrschende Stabilitätsrhetorik soll dem deutschen Wähler vor der im nächsten Jahr stattfindenden Bundestagswahl suggerieren, dass die Fahne der Stabilität von deutscher Seite hochgehalten wird. Man sollte sich jedoch vor Augen führen, dass Deutschland es nicht verhindern konnte, dass spätestens seit Frühjahr 2010 eine Stabilitätssünde nach der anderen begangen wurde. Der Sündenfall wird anhalten.
Wie werden Draghi und Co in den nächsten Wochen aus Ihrer Sicht verfahren?
Herr Draghi will nicht als Totengräber der Eurozone in die Geschichtsbücher eingehen, der nicht frühzeitig eingegriffen hat. Er wird aber zunächst die Entwicklungen im September abwarten. Am 12. September entscheidet unser Bundesverfassungsgericht über die Verfassungskonformität des permanenten Rettungsschirms ESM. Zeitgleich wählen die Niederländer ein neues Parlament. Dabei scheinen die Euro-Skeptiker Zulauf zu erhalten. Und auch der Bericht der Troika aus EZB, Europäischer Kommission und IWF über die Sparfortschritte Griechenlands liegen dann vor.
Und dann ...
... wird die dicke Bertha der EZB immer stärker zum Einsatz kommen, damit die Renditen von Staatsanleihen prekärer Länder gedrückt werden. Selbst wenn der ESM zukünftig als Aufkäufer von Staatsanleihen - egal in welcher Form - aktiv sein wird, hat dieser aber niemals auch nur annähernd die Feuerkraft der EZB, die jede beliebige Summe zur Stützung der Finanzmärkte aufbringen kann. Sollte der ESM eine Bankenlizenz erhalten, ist die EZB ohnehin die Refinanzierungsanstalt, bei der die Anleihen wieder in Liquidität eingetaucht werden können. Grundsätzlich sind die Finanzprobleme der Eurozone ohne Hilfe der EZB nicht mehr beherrschbar. Auf der EZB mag noch Deutsche Bundesbank drauf stehen, es steckt längst die US-Notenbank drin.
Wie würden Sie an seiner Stelle agieren?
Genauso. Und diejenigen, die im Hintergrund ihr Messer auf ihn wetzen, sollen mir bitte einmal sagen, was die Alternative ist. Die Monstranz der alten Stabilitätspolitik hochzuhalten, wohlwissend, dass bei ihrer Anwendung die Eurozone aufgrund ihrer Finanzprobleme längst kollabiert wäre, ist absurd. Eine bundesbankähnliche Stabilitätspolitik - so gerne ich sie theoretisch auch hätte - können wir uns praktisch nicht mehr leisten.
Worauf müssen sich die Börsianer in den kommenden Wochen und Monaten einstellen?
Schwankungsintensive Entwicklungen gerade an den Aktienmärkten sind einzukalkulieren. Ich würde sogar von einem heißen Herbst sprechen. Der Wettbewerb heißt: Schwächere Fundamentaldaten von Konjunktur und Politik gegen die Geldpolitik. Dabei sollte man jedoch die Macht der EZB niemals unterscheiden. Zum Vergleich: In den USA fanden die schönsten Kurs-Rallyes gerade wegen einer großzügigen Geldpolitik statt. Die EZB wird noch Dingte tun, die viele heutzutage noch nicht für möglich halten. Diese Entwicklung halte ich auch in Euroland und Deutschland für wahrscheinlich. Dies spricht also für Aktien. Es sei denn die Politik schafft endgültig verbrannte Erde. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!
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