Frank Phillipps
Nach den jüngsten Kursrücksetzern bietet sich bei der Qiagen-Aktie aktuell eine günstige Einstiegsgelegenheit.
Wenn sich Dr. Gilbert Grissom und sein Team auf Spurensuche begeben, dann nicht ohne Equipment der Hildener Biotech-Firma Qiagen. Am Tatort benutzen die Ermittler der erfolgreichen US-Krimiserie CSI etwa Qiagen-Test-Kits zur Sicherstellung von Täter-DNA. Das Erbgut wird dann im Labor in entsprechenden Maschinen ausgewertet. Das CSI-Team arbeitet mit dem EZ1 - natürlich aus dem Hause Qiagen. Was den wenigsten Zuschauern auffallen dürfte, ist für den deutschen Biotechnologie-Konzern eine willkommene Gratis-Werbung.
Gut im Geschäft
Derlei angewandte Testverfahren stehen jedoch nicht nur bei den TV-Ermittlern hoch im Kurs, auch in der realen Welt ist Qiagen mit seinen Produkten für diesen Sektor gut im Geschäft. Im Jahr 2009 machte der Bereich nur etwa sechs Prozent des Gesamtumsatzes der Hildener aus, doch dieser Anteil soll in den kommenden Jahren sukzessive ausgebaut werden, erklärt Qiagen-Finanzvorstand Roland Sackers im Gespräch mit dem AKTIONÄR. "Molekulare Verfahren dringen in immer mehr Anwendungsbereiche vor. Wir wollen hier früh die Weichen stellen, um langfristig von den Wachstumschancen zu profitieren", so Sackers.
Dabei helfen zwar spektakuläre Erfolge wie Qiagens Mitwirkung bei der Stammbaumanalyse des Pharaos Tutanchamun oder der Identifizierung der Zarenfamilie Romanov, doch eigentlich ist die Großzahl der Anwendungsgebiete alltäglicherer Natur. Ein wachsender Markt ist etwa die Lebensmitteltestung. Hier hat sich Qiagen im Mai bestens positioniert. Vom Institut für Produktqualität erwarben die Hildener die Rechte an 70 molekularen Tests für die Lebensmittelanalytik. Die ersten Tests sollen noch im laufenden Jahr auf den Markt kommen, der durchaus beachtlich ist: Experten schätzen das Umsatzpotenzial für entsprechende Tests auf rund zwei Milliarden Dollar jährlich - Tendenz steigend. Hiervon will sich auch Qiagen eine ordentliche Scheibe abschneiden.
Wachstumsmarkt Diagnostik
Doch auch, wenn der Bereich Angewandte Testverfahren im Kommen ist, bleibt der Sektor Molekulare Diagnostik der wichtigste Stützpfeiler für Qiagen. Rund 47 Prozent des Umsatzes stammen derzeit aus diesem Bereich. Die Erlöse übertrafen im abgelaufenen Geschäftsjahr 2009 erstmals in der Firmengeschichte die Marke von einer Milliarde Dollar und sollen laut der vom Finanzdienstleister Bloomberg befragten Analysten im laufenden Jahr auf 1,18 Milliarden anwachsen.
Unter dem Strich soll ein bereinigter Nettogewinn von rund 186 Millionen Dollar stehen. Das wäre zwar nur wenig mehr als ein Jahr zuvor. Angesichts zahlreicher Akquisitionen, die Qiagen getätigt hat, wäre dieses Ergebnis aber durchaus zufriedenstellend. Für die kommenden Jahre gehen die Analysten dann wieder von einem dynamischeren Wachstum aus. So prognostizieren die Experten von diesem auf das kommende Jahr einen Umsatzanstieg um zwölf Prozent. Der Gewinn soll sogar um 15 Prozent zulegen.
Reform als Motor
Rückenwind bekommt Qiagen auch von der Gesundheitsreform in den USA, die mit einem Umsatzanteil von 49 Prozent der mit Abstand wichtigste Markt für den Diagnostik-Spezialisten sind. Die Tatsache, dass durch die Reform mehr als 30 Millionen Menschen zusätzlich Versicherungsschutz und damit Zugang zu medizinischen Leistungen erhalten, sollte auch die Nachfrage nach Diagnostika treiben. Langfristig will davon auch Qiagen profitieren. "Die Entwicklung ist grundsätzlich ermutigend. Wir glauben aber, dass die ersten positiven Effekte auf unser Geschäft erst im Jahr 2014 zu sehen sein werden, wenn die Zusatzeinnahmen anfängliche steuerliche Belastungen übertreffen dürften", erläutert Roland Sackers.
Diagnostik ganz persönlich
Als weiterer Wachstumstreiber soll sich in den kommenden Jahren das Geschäft mit der personalisierten Medizin entpuppen. In diesem Bereich hat Qiagen jüngst einige Kooperationen abgeschlossen. Zuletzt verständigte man sich im Juni dieses Jahres mit dem niederländischen Diagnostikzulieferer Genome Diagnostics über die Entwicklung von sechs molekularen Nachweisverfahren, um bestimmte genetische Variationen frühzeitig zu erkennen.
Im besten Fall könnte man mit dieser Art Tests Krankheiten schon erkennen, bevor sie überhaupt ausgebrochen sind. Und auf der Basis der molekularen Diagnostik dann Therapien entwickeln, die maßgeschneidert auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten sind. „Der personalisierten Medizin gehört die Zukunft", ist sich Qiagen-Finanzchef Sackers sicher. "Personalisierte Medizin bedeutet bessere Behandlungen zu geringeren Kosten. Langfristig kann es sich kein entwickeltes Gesundheitssystem leisten, auf die Einsparpotenziale durch therapiebegleitende Diagnostika und die Prävention zu verzichten."
Analysten raten zum Kauf
Diese Vielzahl guter Aussichten hat auch zahlreiche Analysten dazu bewegt, ihre Einschätzungen zur Qiagen-Aktie in den letzten Wochen zu überdenken. Anfang Juli stufte die WGZ-Bank das Papier von "Halten" auf "Kaufen", ebenso verfuhren die Experten von WestLB und SES Research. Von 31 Analysten, die der Finanzdienstleister Bloomberg in Sachen Qiagen aufführt, raten zwei Drittel zum Kauf, das durchschnittliche Kursziel lautet auf 18,26 Euro. Vom aktuellen Niveau entspräche dies einem Kurspotenzial von knapp 13 Prozent.

Weltmarktführer fürs Depot
Wer der Empfehlung des AKTIONÄRS vom April vergangenen Jahres gefolgt ist, liegt mit dem Papier knapp 30 Prozent vorn und sollte weiter engagiert bleiben. Durch den Kursrücksetzer von Anfang Juni hat sich aber auch eine interessante Chance für Neueinsteiger ergeben.
Diese kaufen sich mit Qiagen einen vergleichsweise konservativen Biotech-Wert ins Depot, der mit einem 2011er-KGV von 20 zwar nicht mehr zu einem Schnäppchenpreis zu haben ist, die Weltmarktführerschaft, die Qiagen im Bereich der Molekularen Diagnostik innehat, rechtfertigt aber durchaus eine gewisse Prämie. DER AKTIONÄR erhöht das Kursziel für den Titel auf 21 Euro.