Michael Lang
Trotz hoher Anlaufkosten hat die Softwarefirma OpenLimit im zweiten Quartal 2010 einen positiven Meilenstein gesetzt. Vorstandschef Marc Gurov sieht sein Unternehmen nicht zuletzt dank vielversprechender Kooperationen auf einem guten Weg.
Die schweizerisch-deutsche Software-Firma erzielte erstmals einen positiven Cashflow, obwohl hohe Akquisitions- und Entwicklungskosten das Ergebnis belasteten. Das Gesamtjahr will die innovative Softwareschmiede mit schwarzen Zahlen abschließen. DER AKTIONÄR im Interview mit OpenLimit-Chef Marc Gurov.
DER AKTIONÄR: Herr Gurov, wie zufrieden sind Sie mit dem Halbjahresabschluss?
Marc Gurov: Wir bewerten das Umsatzplus von 49 Prozent auf 2,08 Millionen Schweizer Franken gegenüber der Vorjahresperiode mit 1,40 Millionen Schweizer Franken als positive Entwicklung hin zur Erreichung unseres Umsatzziels im Gesamtjahr von rund 5,8 Millionen Euro. Historisch betrachtet befindet sich OpenLimit im Verlauf des Jahres bis hin zum vierten Quartal, dem umsatzstärksten Quartal, in der Verlustzone. Der aktuelle Verlust von 2,73 Millionen Schweizer Franken ist also nicht untypisch. Bereinigt man zudem diesen Verlust um die Kursverluste aufgrund des schwachen Euros gegenüber dem Schweizer Franken, sieht man außerdem, dass unsere Kostenstruktur in diesem Jahr annähernd konstant geblieben ist. Erfreulich ist, dass wir das erste Mal in der Unternehmensgeschichte einen positiven freien Cashflow ausweisen können. Zusammenfassend kann man sagen, dass wir auf dem richtigen Weg hin zur Erfüllung unserer Ziele 2010 sind.
Läuft das Projekt "AusweisApp" - die Anwendersoftware für den neuen Personalausweis - planmäßig?
Wir haben letzte Woche die vierte Betaversion des AusweisApps dem Bundesministerium des Innern und somit den Teilnehmern des Anwendertests zur Verfügung gestellt. Entwicklungsseitig liegen wir demnach im Zeitplan. Entsprechend dem Halbjahresbericht des Kompetenzzentrums für den neuen Personalausweis ist das Feedback der Anwendertester positiv. Auch die Anzahl der teilnehmenden Unternehmen und Behörden ist mittlerweile auf zweihundert angestiegen. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die nicht nur das Interesse an dem Thema zeigt, sondern auch den großen Nutzen für sichere und beweisbare Prozesse im Internet. Das Bundesministerium des Innern wurde außerdem für das neue Personalausweisprojekt auf der European Identity Conference 2010 in München als "Bestes Projekt in der Kategorie eGovernment/eHealth" ausgezeichnet. Mit diesem Award werden herausragende Projekte sowie Innovationen und Weiterentwicklungen von Standards honoriert. Wir sind stolz darauf, in einem solchen Projekt eine wichtige Rolle zu spielen.
Wie bewerten Sie die zwiespältige Presse zu diesem Thema?
Gerade im Sommerloch wird wieder viel geschrieben und auch viel durcheinander gebracht. Das ist bei einem Großprojekt sicherlich nicht untypisch und sogar zu erwarten. Mit der Einführung des neuen Personalausweises und den einhergehenden Informationen wird sich das wieder richten.
Welche Fortschritte macht die Zusammenarbeit mit Fujitsu?
Wir entwickeln aktuell mit Fujitsu eine gemeinsame Technologie. Das Fujitsu-Produkt SecDocs ist eine Lösung für die Langzeitspeicherung von Daten und Dokumenten und baut auf den diesbezüglichen OpenLimit-Middleware-Technologien auf. Wir hatten im März das Produkt zur Zertifizierung beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik angemeldet und rechnen mit der Fertigstellung im vierten Quartal 2010. Der Weltkonzern Fujitsu wird dieses Produkt international verkaufen. Die Akquisitionstätigkeiten haben bereits begonnen, wobei die Resonanz im Markt durchweg positiv ist. Die Erweiterung der Zusammenarbeit mit Fujitsu hin zu einer strategischen Zusammenarbeit ist von immenser Bedeutung für uns und zeigt, dass ein Weltkonzern international einen Markt für die OpenLimit-Technologien sieht und OpenLimit auch für den richtigen Partner hält. Fujitsu ist von unserer Perspektive ein starker Multiplikator für unsere Technologien und der beste Weg unsere Technologien international zu platzieren.
Ein weiteres interessantes Entwicklungsprojekt ist das DATEV-Portal, bei dem Angestellte in Deutschland ihre monatliche Gehaltsabrechnung einsehen können. Wann wird dieses Projekt abgeschlossen sein und zum Umsatz beitragen?
Das Marktinteresse an dem eID-Server ist groß. Der eID-Sever ermöglicht unternehmensseitig die Kommunikation mit dem neuen Personalausweis via der Anwendersoftware AusweisApp. Beide Technologien stammen von OpenLimit. DATEV und viele anderen Unternehmen testen das Gesamtkonzept im Rahmen eines offenen oder offiziellen Anwendertests. Wir finden das Szenario Lohnabrechnung bei DATEV besonders spannend. Einblick in die Gehaltsabrechnung wird mittels des Personalausweises möglich. Das ist eine Personalausweisanwendung, die der Nutzer oft verwenden kann beziehungsweise können wird. DATEV plant nach eigenen Angaben diese Anwendung im kommenden Jahr zur Verfügung zu stellen. Mit den vertraulichen Projektmeilensteinen generiert OpenLimit natürlich auch Umsätze.
Die Kooperation mit der Bundesdruckerei wurde vor 1,5 Jahren begonnen. Welche Erwartungen haben Sie an diese Zusammenarbeit?
Wir arbeiten mit der Bundesdruckerei sehr eng auf technologischer Ebene im Rahmen des AusweisApp/eID-Server-Projekts zusammen. Die Beauftragung ist für OpenLimit immerhin der größte Auftrag in der bisherigen Unternehmensgeschichte. Demnach ist die Zusammenarbeit mit der Bundesdruckerei auch entsprechend wichtig. Die gemeinsam entwickelten Technologien, insbesondere der eID-Server, werden auch zukünftig über die Vertriebskanäle beider Unternehmen als Produkt oder Dienst verkauft werden. Das Marktinteresse an einem eID-Server-Dienst oder -Produkt kann man der regen Teilnahme am Anwendertest entnehmen. Etwa zweihundert Unternehmen testen aktuell eine breite Palette an Anwendungsszenarien mit diesen neuen Technologien. Die Firma Impuls, Deutschlands größter Versicherungsmakler für private Krankenversicherungen, hat sich bereits jetzt für die Inbetriebnahme eines eID-Servers entschieden. Das sind gute Zeichen für eine starke Zusammenarbeit auch in den kommenden Jahren.
Nach dem ersten Halbjahr steht ein beeindruckendes Umsatzplus von 49 Prozent zu Buche. Werden Sie dieses Wachstum bis zum Jahresende durchhalten können?
Wir gehen für das Gesamtjahr von einer Umsatzsteigerung von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus. Die bisherigen Periodensteigerungen zeigen, dass wir in der Tat auf dem richtigen Weg sind. Maßgeblich wird, wie bei OpenLimit historisch üblich, das vierte Quartal sein. Die Projektpipeline sowie das Timing betreffend dem Rollout des neuen Personalausweises mit dem AusweisApp sowie die Fertigstellung des Produkts SecDocs deuten auf ein starkes viertes Quartal hin und somit auch auf die Erreichung unserer Planzahl.
Braucht OpenLimit für die Entwicklungsfinanzierung der bevorstehenden Produkte eine Kapitalerhöhung in den nächsten Monaten?
Wir sehen aktuell keine Notwendigkeit eine Kapitalerhöhung durchzuführen und können die geplanten Entwicklungen mit eigenen Mitteln finanzieren.
Sie haben in einem früheren Interview gesagt, dass Sie spüren, dass der Markt OpenLimit in der Zwischenzeit sehr viel mehr Vertrauen entgegenbringt als noch vor drei Jahren. Können Sie dafür einige Beispiele nennen?
Die besten Beispiele sind die zwei vor kurzem akquirierten Großprojekte sowie die kooperative Produktentwicklung mit Fujitsu. Das in unserem Haus entwickelte AusweisApp wird perspektivisch an etwa 60 Millionen Bürger ausgerollt werden. Mit anderen Worten traut man OpenLimit zu, eine entsprechend den Vorgaben sichere Software zu entwickeln und langfristig weiterzuentwickeln. In dem zweiten Großprojekt werden bis zu drei Milliarden Dokumente in den kommenden fünf Jahren mit den OpenLimit-Technologien signiert. OpenLimit spielt demnach eine wichtige Rolle in Europas größtem Digitalisierungsprojekt. Maßgeblich für eine kooperative Produktentwicklung mit einem Weltkonzern ist das Vertrauen des Weltkonzerns in seinen Partner, dass dieser langfristig und verlässlich seine Leistungen erbringen kann. Fujitsu und OpenLimit haben eine solche Art der Zusammenarbeit geschlossen und bereiten das Produkt SecDocs für die internationale Vermarktung vor. Drei gute Beispiele für das gestiegene Vertrauen in OpenLimit.
Der Aktienkurs konnte in den letzten Monaten mit den operativen Erfolgsmeldungen jedoch nicht Schritt halten.
Wir gehen davon aus, dass der Markt, wenn wir konsequent unsere steigenden Ziele erfüllen, diese Ergebnisse in Form eines steigenden Aktienkurses honorieren wird. Mit dem geplanten Newsflow, dem Rollout der besprochenen Projekte und Technologien werden potenzielle Investoren nicht nur mehr und mehr über die Erfolge unseres Unternehmens erfahren, sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch selbst mit unseren Technologien arbeiten.
Herr Gurov, vielen Dank für das Gespräch.

Die Ruhe vor dem Sturm?
OpenLimit will in den nächsten Quartalen die Früchte seiner Entwicklungsarbeit ernten. Nach der beeindruckenden Rallye im Vorjahr hat die Aktie um rund 45 Prozent korrigiert. Risikobereite Anleger greifen auf aktuellem Niveau mit Zielkurs zwei Euro zu. Ein Stopp bei 1,15 Euro sichert die Position ab.