Kapitalmarktexperte Roth: "Die 8.000 wird im DAX noch in diesem Jahr angepeilt"
Die Europäische Zentralbank (EZB) will mit unbegrenzten Anleihenkäufen notleidenden Euro-Ländern unter die Arme greifen. Die US-amerikanische Notenbank Fed öffnet ebenfalls erneut ihre Schleusen und bringt ein weiteres milliardenschweres Anleihekaufprogramm auf den Weg. Ist das Thema Schuldenkrise damit nun vom Tisch?
In den vergangenen Wochen hat sich einiges getan an den Finanzmärkten. DER AKTIONÄR sprach mit Oliver Roth, Kapitalmarktexperte bei Close Brothers Seydler Bank AG, über die Auswirkungen der Liquiditätsschwämme der Notenbanken und fragte nach, wie Anleger nun reagieren sollten.
DER AKTIONÄR: EZB und Fed haben die Geldschleusen geöffnet. Das Verfassungsgericht sagt Ja zum ESM. War das nun der große Wurf? Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Oliver Roth: Das ist nur der große Wurf in Hinblick auf den zeitlichen Rahmen, der nun der Politik von den Notenbanken zur Verfügung gestellt wurde. Die monetären Rahmenbedingungen sind nun optimiert. Aber das ist keinerlei Ersatz für überfällige politische Reformen und Zielvorgaben. Um die Krisen zu endgültig zu besiegen, bedarf es nun mutiger politischer Entscheidungen. Die Weichen müssen gestellt werden. In der Schuldenkrise geht es entweder stramm vorwärts oder radikal rückwärts. Beides ist und bleibt mit großen politischen und wirtschaftlichen Risiken verbunden.

Die Eurokrise belastet die Konjunktur. Die wirtschaftliche Dynamik lässt spürbar nach. Wann nimmt der Wachstumsmotor wieder an Fahrt auf?
Der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft brummt nicht in Europa. Im weltweiten Handelszyklus stehen wir am Anfang der Kette. Gebaut werden die Maschinen in Europa. Benutzt werden sie in Asien. Und konsumiert werden die Endprodukte dann hauptsächlich in China oder den USA. In den USA läuft die Wirtschaft leider nur mit halber Fahrt, obwohl sich das Zinsniveau bereits effektiv im negativen Terrain befindet. Und China mangelt es an Alternativen zum schwächelnden Hauptabsatzmarkt USA. In Europa fallen die Konsumlokomotiven aus den Peripherieländern aus, die unter Wirtschaftskrisen und extremer Arbeitslosigkeit leiden. Der Unsicherheitsfaktor der von der Schuldenkrise ausgelöst wird belastet zusätzlich das Vertrauen in die Weltwirtschaft und sorgt für nachlassende Investments. Bevor die Schuldenkrise nicht gelöst wird, kann kein nachhaltiges, starkes und homogenes Wachstum weltweit entstehen. Doch die Volkswirtschaften Asiens und Südamerikas haben sich bereits in den letzten Jahren als robust gegenüber Krisen in der westlichen Hemisphäre bewiesen. Eine weitere Verschlechterung der Lage, bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen, ist deshalb auch nicht zu befürchten.
DAX und Co sind zuletzt deutlich angestiegen. Wie sollten Anleger reagieren?
Nach den Notenbankentscheidungen der letzten Wochen werden die politischen Reformen nun eingefordert. Dadurch steigt das Enttäuschungspotenzial an den Börsen. Außerdem wird die wirtschaftliche Entwicklung für Tristesse sorgen. Auch technisch gesehen spricht vieles für eine Korrektur. 6.800 Punkte bis 7.000 Punkte werden dabei als stärkste Unterstützungen genannt. Doch das sollte dann eher als Kaufsignal gewertet werden, denn das Geld ist billig wie nie und das ist seit jeher ein Grund Aktien zu kaufen. Ohne weitere Komplikationen wird die 8.000 im DAX noch in diesem Jahr zumindest angepeilt.
Vielen Dank für das Gespräch!
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