Hat Europa überhaupt noch eine Chance?
Die Spekulationen auf neue geldpolitische Maßnahmen der Notenbanken sorgten in den vergangenen Tagen für Auftrieb bei DAX und Co. Bisher hat EZB-Chef Mario Draghi seinen großen Ankündigungen aber keine echten Taten folgen lassen. Hat Europa überhaupt noch eine Chance?
DER AKTIONÄR sprach mit Roger Peeters, Vorstand bei Close Brothers Seydler Research, über die aktuelle Situation in Europa und die jüngsten Rettungsaktionen.
DER AKTIONÄR: Hat Europa in seiner jetzigen Form noch eine Chance? Und wie steht es um die Zukunft der europäischen Einheitswährung?
Roger Peeters: Der Euro als solches wurde zwar zuletzt immer wieder totgesagt, aber so weit würde ich vom heutigen Stand nicht gehen. Dass es in der Zusammensetzung der Eurozone zu Umbrüchen kommen kann, sollte man hingegen nicht ausschließen, auch wenn auch hier noch nichts entschieden ist.
EZB-Chef Mario Draghi hat seinen großen Ankündigungen bisher keine echten Taten folgen lassen. Warum reagierten die Aktienmärkte in den letzten Tagen dennoch so euphorisch?
Hier kamen sicher einige Faktoren zusammen: Zum Einen wurde die Ankündigung tatsächlich als inhaltlich sehr positiv für die Aktienmärkte aufgenommen. Sie fiel zudem in einer Zeit, die typischerweise eher arm an Nachrichten und Handelsvolumina ist, was die Reaktion verstärkt hat. Darüber hinaus ist zu beachten, dass der steile Anstieg zumindest zum Teil eine Gegenreaktion auf den vorherigen Absturz gewesen ist. Hier dürfte auch der eine oder andere Leerverkäufer auf falschem Fuß erwischt worden sein.
Deutsche Politiker kritisieren Draghi derzeit heftig. Wie beurteilen Sie seine Vorgehensweise?
Sie scheint aus einer rein deutschen Sicht tatsächlich nicht optimal zu sein, aber das ist ja auch nicht seine Aufgabe. Allgemein gesprochen: Ob die insgesamt recht radikalen Maßnahmen der Notenbanken in diesen Zeiten richtig oder falsch waren, wird erst in Jahren zu sehen sein. Bei Draghi speziell kann man sagen, dass er im Wording eine gute Balance hinbekommt, nicht zu viel zu versprechen, aber die Märkte dennoch bei Laune zu halten.
Wie werden Draghi und Co in den nächsten Wochen aus Ihrer Sicht verfahren?
Wie in den voraus gehenden Wochen dürfte stark mit verbalen Absichtserklärungen gearbeitet werden und weniger mit konkreten Maßnahmen.
Wie würden Sie an seiner Stelle agieren?
Sinnvoll fände ich persönlich ein generell strikteres Einfordern von solidem Haushalten seitens der Politik, um die Schuldenspirale als Wurzel des Übels endlich zu durchbrechen. Aber das ist von der Seitenlinie immer leicht gesagt.
Worauf müssen sich die Börsianer in den kommenden Wochen und Monaten einstellen?
Auf andauernd volatile Märkte, die extrem von politischen Stimmungen abhängen. Dabei sollten Investoren, so platt es auch klingt, im Hinterkopf haben, dass Märkte keine Einbahnstraßen sind und wir vor saisonal typischerweise eher schwachen Monaten stehen.
Vielen Dank für das Gespräch!
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