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Experte: "Es ist richtig, bei Eurokrise auf Zeit zu spielen"

Michael Schröder

Die Spekulationen auf neue geldpolitische Maßnahmen der Notenbanken sorgten in den vergangenen Tagen für Auftrieb bei DAX und Co. Bisher hat EZB-Chef Mario Draghi seinen großen Ankündigungen aber keine echten Taten folgen lassen. Worauf müssen sich die Anleger in den kommenden Wochen einstellen?

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DER AKTIONÄR sprach mit Tobias Basse, Aktienstratege bei der Nord/LB, über die aktuelle Situation in Europa, die jüngsten Rettungsaktionen der EZB und die Rolle der Politik.

DER AKTIONÄR: Herr Basse, hat Europa in seiner jetzigen Form noch eine Chance? Und wie steht es um die Zukunft der europäischen Einheitswährung?

Tobias Basse: Der Euro ist natürlich in einer Krise. Die Kosten eines Scheiterns der Gemeinschaftswährung wären für die Beteiligten allerdings so hoch, dass wir dieses Szenario nicht an die Wand malen wollen. Zudem sind Politiker auch Menschen mit entsprechenden Bedürfnissen; niemand will wirklich als Totengräber des Euro in die Geschichtsbücher eingehen. Momentan geht es der Politik daher wohl vor allem um die Verteilung der Kosten der Rettung. Man spielt also Rotkäppchen und der böse Wolf - sowohl die Helfenden als auch die Hilfesuchenden sehen sich dabei als Rotkäppchen und wollen keinesfalls gefressen werden.

EZB-Chef Mario Draghi hat seinen großen Ankündigungen bisher keine echten Taten folgen lassen. Warum reagierten die Aktienmärkte in den letzten Tagen dennoch so euphorisch?

Leider muss man an dieser Stelle vor allem auf den Faktor "Alternativlosigkeit" der nach Rendite suchenden Anleger verweisen. Liquidität in Kombination mit zuletzt recht erfreulichen US-Wirtschaftsdaten und der Hoffnung einer zumindest perspektivischen Rettung des Euro haben sicherlich auch geholfen.

Deutsche Politiker kritisieren Draghi derzeit heftig. Wie beurteilen Sie seine Vorgehensweise?

Die von einigen führenden EZB-Offiziellen favorisierte weitere Vorgehensweise folgt sicherlich nicht der Tradition der Bundesbank. Insofern sollte die Kritik aus Deutschland die Akteure eigentlich nicht überraschen. Die Lage ist momentan allerdings kritisch. Folglich ist es durchaus nachvollziehbar, dass man „kreativere" Lösungen diskutiert, die eher in der Tradition der italienischen Notenbank stehen.

Wie werden Draghi und Co in den nächsten Wochen aus Ihrer Sicht verfahren?

Angesichts der unterschiedlichen Interessenlage und der offensichtlichen Konflikte zwischen den verschiedenen handelnden Personen wird man weiter versuchen, auf Zeit zu spielen und einen sinnvollen Kompromiss zu finden. Diese Strategie wird auch Herr Draghi umsetzen wollen.

Wie würden Sie an seiner Stelle agieren?

Ich bin zunächst froh, nicht an seiner Stelle zu stehen. Angesichts der Komplexität der Situation und der Konflikte innerhalb Europas ist es wahrscheinlich richtig, auf Zeit zu spielen. Grundsätzlich ist das Problem aber mittels der Geldpolitik ohnehin nicht zu lösen, die EZB kann der Politik nur kurzfristig zusätzliche Freiheitsgrade schaffen. Diese müssen dann sinnvoll genutzt werden. Es ist insbesondere nötig, glaubwürdige Signale auszusenden, die den Marktteilnehmern zeigen, dass Staatsanleihen aus Ländern der Euro-Zone wieder ein hinreichend sicheres Investment sind.

Worauf müssen sich die Börsianer in den kommenden Wochen und Monaten einstellen?

Die Diskussionen um ein mögliches Ende der Euro-Zone werden anhalten. Dies erhöht die Risikoprämien und ist per se belastend für die Aktienkurse. Allerdings helfen einige Maßnahmen zur Krisenbewältigung dem Aktienmarkt auch. Ohne die global extrem expansive Geldpolitik und die dadurch verfügbare Liquidität wären die Kurse wahrscheinlich niedriger. Angesicht der zunächst zu erwartenden kontroversen Diskussionen um mögliche Maßnahmen zur Rettung des Euro dürfte es immer wieder Verunsicherung geben, was in jedem Fall für eine hohe Volatilität am Aktienmarkt spricht.

Vielen Dank für das Gespräch!

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