Markus Bußler
Bricht ein neues Stahlzeitalter an? Oder schlittert die Stahlbranche in die nächste Krise? Im Interview mit dem AKTIONÄR zeigt sich Dr. Ekkehard Schulz, Vorstandsvorsitzender von ThyssenKrupp, vorsichtig optimistisch, dass die Stahlbranche das Schlimmste überstanden hat und auch die Explosion bei den Rohstoffkosten kompensiert werden kann.
DER AKTIONÄR traf den Vorstandsvorsitzenden von ThyssenKrupp, Dr. Ekkehard Schulz, zum exklusiven Hintergrundgespräch.
DER AKTIONÄR: Herr Schulz, auf dem Markt wächst die Sorge, der Stahlpreis könnte im zweiten Halbjahr wieder unter Druck geraten. Andererseits ist die Nachfrage aus der Autoindustrie robuster als von Experten angenommen. Ist die Gefahr eines Preisrutsches bei Stahl also ungerechtfertigt?
Dr.-Ing. Ekkehard Schulz: Die Nachfrage unserer Kunden nach Stahlprodukten, insbesondere nach hochwertigen Güten ist im ersten Halbjahr 2010 gegenüber dem Vorjahr deutlich angestiegen. Ein Teil dieser positiven Entwicklung war auf einen Lageraufbau der Kunden zurückzuführen. Daher erwarten wir für das zweite Halbjahr nicht mehr diese enormen Zuwächse bei Aufträgen und Produktion. Insbesondere die deutsche Automobilindustrie aber auch der Maschinenbau hat sich zuletzt deutlich besser entwickelt, so dass wir davon ausgehen, dass unsere Aufträge im Jahresverlauf auf einem weiterhin guten Niveau liegen.
Wichtig für unsere Preisgestaltung ist aber auch das heftig diskutierte Thema Rohstoffpreise. So mussten die Stahlerzeuger seit dem 1. April je nach Güte bis zu 100 Prozent höhere Erzpreise akzeptieren, Kokskohle verteuerte sich um zirka 55 Prozent. Wir haben daher zum 1. Juli unsere Stahlpreise erhöhen müssen, um unsere gestiegenen Kosten zumindest teilweise weiterzugeben. Wie die Preisentwicklung dann im Oktober ausfallen wird, hängt natürlich stark von den Notierungen an den sehr volatilen Rohstoffmärkten ab.
Auch ThyssenKrupp musste in den vergangenen Monaten bei den Rohstoffpreisen hohe Aufschläge verkraften. Ist es Ihnen gelungen, einen Teil davon an Ihre Kunden weiterzugeben?
In einem ersten Schritt ist es uns gelungen, bei den verhandelbaren Verträgen die Preiserhöhungen an unsere Kunden weiterzugeben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns das auch weiterhin gelingen wird. Bei langfristigen Preismodellen wird uns durch die Koppelung der Rohstoffpreise an den Spotmarkt nun die Kalkulationsbasis entzogen. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, sprechen wir derzeit intensiv mit unseren Kunden über die künftige Form der Preisgestaltung. Hierzu haben wir für Jahresabschlüsse neue Formeln und Systeme erarbeitet, mit dem Ziel, den Preis nicht von Quartal zu Quartal neu aushandeln zu müssen, jedoch mit den Kunden einvernehmlich nachvollziehbare Preisfestlegungen treffen zu können.
Bei Jahresverträgen werden wir auf einen so genannten Rohstoffanhänger übergehen. Die Preise setzen sich dann aus einem festen Basispreis, der im Wesentlichen über die aktuelle Marktsituation gesteuert wird, einem Aufpreis für Güten und Abmessungen sowie einem variablen Bestandteil zusammen.
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Während Kollegen über Überkapazitäten auf dem Markt klagen, hat ThyssenKrupp rund neun Milliarden Euro in den Bau eines Stahlwerks in Brasilien und eines Walzwerks in den USA investiert. Versprechen die süd- und nordamerikanischen Märkte ein derart hohes Wachstumspotenzial für ThyssenKrupp?
Das neue Hüttenwerk in Brasilien ist die Basis unsere internationale Wachstumsstrategie im Stahlsektor. Wir werden hier 5 Mio. Tonnen kosteneffiziente und qualitativ hochwertige Brammen produzieren. Davon werden 2 Mio. Tonnen in unseren deutschen Werken weiterverarbeitet und 3 Mio. Tonnen gehen nach Alabama, wo wir ein neues Werk zur stärkeren Erschließung des NAFTA-Marktes errichten. In Nordamerika wollen wir eine Position unter den Top 5 der Qualitätsflachstahlproduzenten erreichen und einen Marktanteil von mehr als 5 Prozent. Wir haben in den letzten Wochen noch einmal 800 Kunden besucht, die nur darauf warten, mit unseren Produkten versorgt zu werden.
Für das Edelstahlwerk auf dem Gelände in Alabama stimmen ebenfalls die Rahmenbedingungen. Schon jetzt verfügen wir in Nordamerika bei nichtrostendem Stahl über einen Marktanteil von mehr als 10 Prozent. Es macht aus unserer Sicht weiterhin Sinn, sich mit einem eigenen Stainless-Standort in den USA an der Entwicklung in der NAFTA-Region zu beteiligen. Zum einen ermöglicht uns ein eigenes Werk eine höhere Verfügbarkeit von Kapazitäten, zum anderen sind wir damit vor Ort, das heißt nah bei unseren Kunden beispielsweise aus der Haushaltsgeräte-Industrie.
Es gibt also keinerlei Notwendigkeit, Korrekturen an unserer Strategie vorzunehmen. Alle Indikatoren signalisieren, dass die Weltkonjunktur in drei Jahren wieder das Niveau vor der Krise erreichen wird. Dann sind wir mit unseren hochmodernen Anlagen in Brasilien, in den USA und Deutschland bestens aufgestellt, um unsere Position auf dem Markt für hochwertigen Qualitätsflachstahl weiter auszubauen.
Wenn man sich die einzelnen Bereiche bei ThyssenKrupp ansieht, dann erkennt man, dass die Sparte Elevator die Krise gut bewältigt hat. Sie haben in diesem Bereich eine EBIT-Marge von 12,5 Prozent. Ihr Konkurrent OTIS verfügt über eine Marge von 21,8 Prozent. Sind das Bereiche, in die auch ThyssenKrupp über kurz oder lang vorstoßen möchte?
Zunächst einmal: Solche Zahlen kommentieren wir grundsätzlich nicht. Für uns ist es wichtig, dass wir in den letzten zwei Jahren unsere Marge deutlich gesteigert haben. Unsere Business Area Elevator Technology ist hervorragend aufgestellt und unser Ziel ist es, stetig weiter zu wachsen, auch in der Marge. Mit unserem breiten Produktportfolio für Personenbeförderungsanlagen sowie den dazu gehörigen Servicedienstleistungen sind wir dafür gut positioniert. Wir werden nach wie vor alle Chancen in den unterschiedlichen Märkten nutzen, um langfristig erfolgreich zu sein und damit unser Ergebnis zu steigern. Dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden, zeigen Beispiele wie die Großaufträge für die Metro Barcelona, den Hanoi-Tower in Vietnam, den Freedom-Tower in New York, den neuen Flughafen in Delhi sowie zwei Stadtentwicklungsprojekte in Ägypten.
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Wirtschaftswissenschaftler brachten in den vergangenen Wochen immer wieder das Szenario eines Double Dip der Wirtschaft ins Spiel. Bereiten Sie sich bei ThyssenKrupp auf ein solches Szenario vor?
Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland war in den ersten Monaten dieses Jahres besser als zum Jahresbeginn erwartet. Insbesondere die Industrie wirkt als Stabilisator, die positiven Nachrichten vom Arbeitsmarkt sind allseits bekannt. Dennoch sind die konjunkturellen Risiken gestiegen. Eine internationale Finanzmarktregelung steht noch aus, Banken haben noch einen hohen Abschreibungsbedarf. Positiv wirkende Konjunkturprogramme laufen aus und fast alle Staaten müssen ihre ausufernden Budgetdefizite mit Sparprogrammen reduzieren. Wir müssen deshalb insbesondere 2011 als Bewährungsprobe ansehen. Auf ein schwieriges, nächstes Jahr müssen wir vorbereitet sein. Mit einem Double-Dip, d.h. einer erneuten Rezession rechnen wir nach allen uns zurzeit vorliegenden Daten und Informationen nicht.
Wagen Sie einen Ausblick auf das kommende Jahr? Wird ThyssenKrupp auf den Wachstumspfad zurückkehren und können Anleger mit einer steigenden Dividende rechnen?
Wir bleiben bei unserer Einschätzung und beurteilen die Nachhaltigkeit der derzeitigen wirtschaftlichen Erholung vorsichtig optimistisch. Die Umsetzung und Ergebniswirkung unserer strukturellen Verbesserungsmaßnahmen bewegen sich voll im Rahmen unserer Erwartungen und werden die Ertragskraft des Konzerns dauerhaft stärken. Für das Geschäftsjahr 2009/2010 gehen wir nach wie vor von einer Stabilisierung des Umsatzes aus. Für die Ergebnisentwicklung wird eine signifikante Verbesserung hin zu einem wieder positiven Ergebnis erwartet, zu dem die eingeleiteten Kostensenkungsprogramme erheblich beitragen werden. Das bereinigte Ergebnis vor Steuern erwarten wir in niedriger dreistelliger Millionen-Euro-Höhe. Dieses Ergebnis wird durch Anlaufverluste in der Business Area Steel Americas im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich erheblich belastet werden. ThyssenKrupp wird nicht, sondern ist bereits auf den Wachstumspfad zurückgekehrt und vorbehaltlich der weltweiten Wirtschaftsentwicklung werden wir unser Wachstum in den nächsten Jahren forcieren. Dazu tragen unsere Investitionsprogramme nicht nur im Stahlbereich ganz entscheidend bei.
Zum Procedere bei unserer Dividende nur soviel: Der Vorstand unterbreitet dem Aufsichtsrat nach Feststellung des Jahresabschlusses einen Dividendenvorschlag. Der Aufsichtsrat legt diesen nach Beschlussfassung der Hauptversammlung zur Abstimmung vor. An dieser Vorgehensweise werden wir nichts ändern.
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