Michael Schröder
Krise? Welche Krise? An den Börsen herrscht Hochstimmung. Mit seiner Jahresanfangsrallye markierte der DAX den stärksten Januar-Anstieg seit 39 Jahren. Auch im Februar sind die Bullen bislang weiter am Drücker. Die psychologisch wichtige 7.000-Punkte-Marke scheint zum Greifen nah. Auch in Übersee läuft die Hausse. Der US-Leitindex Dow Jones notiert bereits deutlich höher als vor der Finanzkrise. Wie lange behalten die Bullen die Oberhand?
Den entscheidenden Schritt hat die Europäische Zentralbank (EZB) bereits am 20. Dezember gemacht. Über einen 3-Jahres-Tender hat die EZB Kredite in Höhe von rund 500 Milliarden Euro mit einer Verzinsung von einem Prozent an Geschäftsbanken vergeben. Diese Gelder haben die Geschäftsbanken im Anschluss größtenteils dazu genutzt, um Staatsanleihen von Italien, Spanien und Co mit höherer Verzinsung zu kaufen. "Die Aktienmärkte haben es mit Genugtuung aufgenommen, dass die EZB mit einem Pseudo-Quantitative-Easing die Staatsanleihekrise in Spanien und Italien technisch zumindest deutlich eingedämmt hat", erklärt Robert Halver von der Baader Bank. "Der Markt ist damit aus seinem permanenten Krisenmodus gestiegen und hat Scheuklappen abgenommen, welche die Sicht auf die fundamentalen Fakten verdeckt haben", führt der Kapitalmarktexperte aus.
Weiteres Wachstum erwartet
Und die fundamentalen Eckdaten sehen gar nicht schlecht aus. Im Gegenteil: In Deutschland drehen Konjunkturindikatoren ins Plus. Die Exporte haben im vergangenen Jahr erstmals die 1-Billion-Euro-Marke geknackt. Auch die Erholung des US-Arbeitsmarkts hat die Hoffnungen weit übertroffen. Das Plus bei den neu geschaffenen Stellen war im Januar so groß wie seit neun Monaten nicht mehr. Die Weltwirtschaft wird 2012 voraussichtlich um drei Prozent wachsen. Auch aus China kommen positive Signale. Das Land dürfte auch in Zukunft die Rolle als Wachstumsmotor der Weltwirtschaft erfüllen.
Wenig Alternativen
Zudem gibt es kaum lohnende Alternativen zu Aktien. Die Wertpapiere sind auf Basis der Gewinnschätzungen für die kommenden zwölf Monate deutlich günstiger bewertet als im 10-Jahres-Durchschnitt. Die laufende Gewinnsaison bestätigt diesen Trend. Die Zinsen liegen mittlerweile auf einem historisch niedrigen Niveau. Anlagen wie Bundesanleihen oder Tagesgeldkonten werfen damit nur schwache Renditen ab, die meist unter der Inflation liegen. Zudem planen die großen Zentralbanken schon neue Eingriffe, um die Konjunktur zu stützen. Am 28. Februar wird die EZB den Bankenmarkt aller Voraussicht nach erneut mit einer gewaltigen Summe fluten. In Finanzkreisen macht die unglaubliche Summe von einer Billion Euro die Runde. "Die Quantitative-Easing-Politik der G3-Notenbanken Europa, Japan und USA dürfte sich bis auf Weiteres fortsetzen, womit wir eine der wichtigsten notwendigen Bedingungen für steigende Aktienkurse als erfüllt ansehen", erklärt Ekkehard D. Link, Kapitalmarktstratege bei der National-Bank.
Hausse nährt Hausse
Die Geschichte zeigt: Liquiditätsgetriebene Haussen laufen in der Regel sehr dynamisch ab. Hinzu kommt ein nicht zu verachtender psychologischer Aspekt. Die meisten Investoren sind nach dem Kurseinbruch 2011 skeptisch ins neue Jahr gestartet und haben sich bisher noch etwas zurückgehalten. Diese Skepsis lässt mit den steigenden Kursen nach. "Viele Investoren wurden auf dem falschen Fuß erwischt und durch die Hausse in Verlegenheit gebracht. Dies wiederum sorgt für Anschlusskäufe", so Roger Peeters von Close Brothers Seydler.
Gewinnmitnahmen möglich
Bei aller Euphorie nimmt das Risiko von Gewinnmitnahmen dennoch weiter zu. Zudem gibt es noch einen zentralen Aspekt, der für einen kurzfristigen Rücksetzer sorgen könnte. "Das politische Risiko, dass es zu einem Lastwechsel in der europäischen Politik kommt, ist für mich das Kardinalrisiko", so Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank. "Die mir zugänglichen Informationen deuten aber an, dass dieses Risiko derzeit als gering einzuschätzen ist", führt der Chefstratege aus. Die Bullen sollten also auch in den nächsten Wochen die Oberhand behalten.
7.000-Punkte-Marke im Visier
Auch aus charttechnischer Sicht stehen die Ampeln weiter auf Grün. Der deutsche Leitindex konnte die vergangene Woche auf einem neuen Jahreshoch beenden. Mit dem Kaufsignal im Rücken dürfte nun die 7.000-Punkte-Marke anvisiert werden. Nachdem der überkaufte Zustand bei den technischen Indikatoren zumindest teilweise abgebaut werden konnte, ist nun ein Anlauf auf die 7.000-Punkte-Marke ausgemachte Sache. Mit dem frischen Kaufsignal im Rücken bieten sich prozyklische Long-Engagements an. Das bisherige Jahreshoch bei 6.838 Punkten fungiert nun als horizontale Unterstützung.
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