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Wirecard AG: Macht alles, nur das bitte nicht! (Kommentar)

Wirecard steht weiterhin im Brennpunkt. Der Crash – beinahe einmalig im Ausmaß – bleibt nicht ohne Folge. Forderungen werden laut: Mehr Anlegerschutz. Mehr Transparenz. Mehr dies, mehr das. Die Liste ist lang. Bei einer Forderung allerdings hört der Spaß auf. Mehr noch: Man darf sie nicht einfach stehen lassen. Am besten ruft man laut aus: Macht (fast) alles was ihr wollt, aber bitte nicht das!

Im Wirtschaftsmagazin Capital hat sich der frühere Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer zu Wort gemeldet. Er stellt fest: "Als neuster Dax-30-Wert ist die Wirecard-Aktie noch nicht wirklich in der Welt von Daimler, BASF oder Adidas angekommen." Er meint damit vor allem das Management des Unternehmens, mehr noch aber den Aufsichtsrat, indem er schreibt: "Das Führungspersonal von Wirecard entspricht nicht den Anforderungen, die man an einen Dax-30-Konzern stellen muss."

Wirklich? Hätte ein anderer Aufsichtsrat den Sturz verhindert?

Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank besteht aus 20 Mitgliedern.

Jener der Commerzbank zählt ebenfalls 20 Mitglieder.

Das liegt an den Instituten selbst, auch an rechtlichen Vorgaben, mit denen sich Aktiengesellschaften auseinandersetzen müssen. Die Deutsche Bank ist eine große Aktiengesellschaft. Die Commerzbank ebenfalls. Wirecard ist im Vergleich dazu klein. Die Deutsche Bank hat über 91.000 Mitarbeiter. Bei Wirecard stehen „nur“ etwa 5.000 auf der Gehaltsliste.

Was hat es den „großen“ genützt? Die Deutsche Bank-Aktie war im vergangenen Jahr die schlechteste im ganzen DAX. Die Aktie der Commerzbank zählt gar nicht mehr zum Kreis der 30 wichtigsten deutschen (börsennotierten) Unternehmen. Denn: Sie flog raus, ist jetzt im MDAX gelistet. Ersetzt wurde sie – sorry, die Geschichte hat nunmal diese dramatische Komponente – durch die Aktie der Wirecard AG.

Während bei Wirecard Bilanzpraktiken hier und da kritisch beäugt werden, stand die Deutsche Bank mehrfach vor dem Kadi. Dabei ging es nicht etwa um „ein paar Millionen“, sondern um Milliarden.

Mehr Kontrolle (durch den Aufsichtsrat) gleich mehr Sicherheit für Aktionäre also? So einfach ist die Rechnung dann wohl doch nicht.

Für die Kontrolle der Bilanzen sind ohnehin andere verantwortlich. Die Bilanzprüfer nämlich. Wirecard hat nicht irgendwen mandatiert. Sondern mit Ernst & Young einen der Big Four (EY, PWC, Deloitte, KPMG). Mehr Renommee geht nicht. Oder anders gesagt: Wenn die es nicht können, wer dann? Übrigens, kleine Randanekdote: Wissen Sie, wer noch auf Ernst & Young vertraut? Die Antwort lautet: Die Deutsche Bank. Wissen Sie, wer noch? Die Commerzbank. Sowie etliche weitere DAX-Konzerne. Wenn die das können, warum sollte Wirecard es nicht dürfen?

Wenn Erwachsenwerden im Sinne von Ziesemer bedeutet, den Aufsichtsrat aufzublähen und den Vorstand durchzuwirbeln, dann habe ich nur eine Bitte an Wirecard: Bitte bleib jung. Erwachsen, das sind genügend andere. Die Dynamik einer Wirecard AG allerdings lassen sie vermissen. Mehr als Wirecard deren vermeintliche Erhabenheit würde ihnen die Jugendlichkeit stehen, die bei Wirecard angeprangert wird – dann würden vielleicht auch ihre Aktien wieder eine freundlichere Richtung einschlagen.

Ganz im Sinne der Aktionäre.

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Ein Kommentar von Leon Müller, Chief-Editor des Börsen.Briefing. – des neuen täglichen Newsletter des AKTIONÄR. Registrieren Sie sich hier für den kostenfreien Bezug und bleiben Sie mit dem Börsen.Briefing. börsentäglich bestens informiert.

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