Rocket Internet
- Nikolas Kessler - Redakteur

Westwing-IPO: Rocket möbelt die Börse auf

Mit dem Online-Möbelhändler Westwing steht innerhalb von eineinhalb Jahren die fünfte Beteiligung der Start-up-Schmiede Rocket Internet vor dem Börsengang. Bekommt die Rakete dadurch neuen Schub?

Rocket Internet macht dem Ruf als Start-up-Fabrik derzeit alle Ehre und produziert Exits wie am Fließband: Nach Delivery Hero, HelloFresh, Marley Spoon und Home24 steht mit Westwing die fünfte Beteiligung innerhalb von eineinhalb Jahren vor dem Börsengang. In der Vorwoche hat das Unternehmen, an dem Rocket rund 30 Prozent der Anteile hält, die Eckdaten für das IPO veröffentlicht. Demnach werden 4,4 Millionen neue Aktien aus einer Kapitalerhöhung angeboten, zusätzlich stehen weitere 660.000 Aktien als Platzierungsreserve bereit. Die Preisspanne wurde auf 23 bis 29 Euro festgelegt.

Bei erfolgreicher Platzierung aller neuen Aktien und vollständiger Ausübung der Mehrzuteilungsoption würden sich nach dem Börsengang rund 25 Prozent der Aktien im Streubesitz befinden. Je nach tatsächlichem Ausgabepreis fließen dem Unternehmen somit bis zu 146,8 Millionen Euro brutto zu. Nach Unternehmensangaben ist geplant, den IPO-Erlös „in erster Linie für Investitionen in die Technologieplattform sowie die Kundenerfahrung einzusetzen und das internationale Marktwachstum“ zu fördern. Ein Teil soll auch der Schuldentilgung dienen.

Bei einer Platzierung in der Mitte der Angebotsspanne wäre das Start-up rund 520 Millionen Euro wert, am oberen Ende der Spanne etwa 578 Millionen Euro. Legt man die Prognose des Managements zugrunde, wonach die Umsatzerlöse im laufenden Geschäftsjahr um 15 bis 20 Prozent auf rund 306 bis 319 Millionen Euro steigen sollen, ergibt sich daraus ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 1,6 bis 1,9.

So funktioniert das Geschäft

Westwing selbst beschreibt das Geschäftsmodell als „Shoppable Magazine“, das Aspekte eines kuratierten (Online-) Einkaufsmagazins mit täglichen, zeitlich begrenzten Themenangeboten und einem dauerhaften Warensortiment aus dem Bereich Möbel und Wohnaccessoires kombiniert. Das Konzept kommt bei der – überwiegend weiblichen – Kundschaft in Deutschland und zehn weiteren europäischen Ländern gut an: Der Umsatz ist seit 2013 pro Jahr im Schnitt um 26,5 Prozent gestiegen, allein im ersten Halbjahr 2018 gingen rund 1,2 Millionen Bestellungen ein, 16 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Gemessen an zuletzt 709.000 aktiven Kunden ist Westwing kleiner als Home24 (1,2 Millionen) und Wayfair (11,8 Millionen), die Nutzer sind aber besonders treu: 82 Prozent der Bestellungen kamen im Q2 von Bestandskunden, die zuvor schon mindestens zweimal dort bestellt haben. In den zurückliegenden drei Quartalen war Westwing auf Basis des bereinigten EBITDA bereits profitabel, die bereinigte EBITDA-Marge lag im ersten Halbjahr 2018 bei zwei Prozent. Für das Gesamtjahr wurde ein bereinigtes EBITDA von zwei bis fünf Millionen Euro in Aussicht gestellt. Die beiden Konkurrenten werden dieses und nächstes Jahr dagegen noch operative Verluste schreiben.

Jede Menge Wachstumspotenzial

Perspektivisch profitiert Westwing von dem Trend, immer mehr online zu erledigen – auch den Möbelkauf, eine der letzten Bastionen des stationären Handels. In den Ländern, in denen Westwing aktiv ist, lag die Online-Penetration im sogenannten „Home & Living“-Markt 2017 erst bei fünf Prozent, doch die Tendenz ist stark steigend: Laut der Unternehmensberatung PWC werden die Online-Umsätze im deutschen Möbelhandel zwischen 2017 und 2020 mit durchschnittlich 13 Prozent zehnmal stärker wachsen als der Gesamtumsatz der hiesigen Möbelbranche. Potenzial zur Steigerung der Profitabilität sieht DER AKTIONÄR darüber hinaus bei der Fokussierung auf margenstärkere Eigenmarken. Deren Anteil soll von zuletzt 15 Prozent der Umsätze langfristig auf 50 Prozent steigen. Bei der Entwicklung entsprechender Produkte kann das Unternehmen dank umfangreicher Nutzerdaten gezielt auf die Wünsche der Kunden eingehen.

Frische Impulse für Rocket Internet?

Rocket Internet will im Zuge des Börsengangs keine Westwing-Anteile verkaufen – warum auch? Nach den erfolgreichen Exits der letzten Monate und weiteren Beteiligungsverkäufen hat die Start-up-Schmiede für das erste Halbjahr 2018 einen Gewinn von 297 Millionen Euro ausgewiesen. Der Netto-Cashbestand lag zum Stichtag 31. August bei satten 2,1 Milliarden Euro. Damit hat das Unternehmen auch so genug auf der hohen Kante, um eine neue Investitions- oder Neugründungsoffensive zu starten.

Dafür sehe man sich neben dem Online-Handel inzwischen auch Geschäftsfelder wie Fintech, Software, KI oder Immobilien an, doch die Suche gestaltet sich schwierig. In der Zwischenzeit versucht CEO Oliver Samwer, die Investoren mit einem weiteren Aktienrückkauf im Volumen von bis zu 150 Millionen Euro bei Laune zu halten. Denen reicht das langsam aber nicht mehr, sie warten auf das nächste große Ding. Nach bis zu 49 Prozent Kursplus seit Jahresbeginn ist die Aktie daher zunächst wieder in den Korrekturmodus übergegangen. Die wichtige 200-Tage-Linie blieb dabei aber unverletzt.

Mittelfristig aussichtsreich

Die Rocket-Aktie wurde unglücklich ausgestoppt, bietet mittelfristig aber weiteres Aufwärtspotenzial. Mutige Anleger wagen den zügigen Wiedereinstieg. Ein Stopp bei 23 Euro sichert die Position ab. Bei Westwing sollte zunächst der auf den 9. Oktober vorgezogene Börsengang am abgewartet werden. Gelingt dieser, können Anleger hier ebenfalls einen Fuß in die Tür stellen.

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