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Macht Geld glücklich?

Dichter, Sänger und Philosophen haben immer wieder Aphorismen geprägt, die den Wert des Geldes relativieren und das Streben nach Reichtum verurteilen. „Genug zu haben ist Glück, mehr als genug zu haben ist unheilvoll. Das gilt von allen Dingen, aber besonders vom Geld“, sagte der chinesische Philosoph Lao-tse. Platon fragt in seiner Politeia: „Steht es mit dem Unterschied von Reichtum und Tugend nicht so, dass die gleichsam auf die Schalen einer Waage gelegt sind, von denen die eine steigt, während die andere sinkt?“

„Ein gesunder Mensch ohne Geld ist halb krank“

Auf der anderen Seite gab es immer auch Dichter und Philosophen, die das ganz anders sahen. „Ein gesunder Mensch ohne Geld ist halb krank“ – dieser Satz stammt von Johann Wolfgang von Goethe. Und der niederländische Philosoph Benedictus de Spinoza brachte seine Skepsis gegenüber Reichtumskritikern zum Ausdruck: „Der Arme, der gern reich sein möchte, redet unaufhörlich vom Missbrauch des Geldes und den Lastern der Reichen, wodurch er aber nichts anderes erzielt, als dass er sich ärgert und anderen zeigt, wie er nicht bloß über seine eigene Armut, sondern auch über der anderen Reichtum Unmut hegt.“
Die deutsche Dichterin Gertrude Stein meinte: „Ich war reich und ich war arm. Es ist besser, reich zu sein.“ Und der Schriftsteller Oscar Wilde, der es stets liebte, durch übertriebene Aussagen Widerspruch zu provozieren und Wahrheiten ans Tageslicht zu bringen, schrieb: „Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß ich: Es stimmt.“
Macht Geld unglücklich, oder macht eher der Mangel an Geld unglücklich? Bei jeder Ehescheidung spielt der Streit um das Geld eine zentrale Rolle, doch Wissenschaftler fanden heraus, dass Geld auch ein Hauptstreitpunkt während der Beziehungen ist.
Lauren Papp von der University of Wisconsin ließ 100 Paare mit Kindern über zwei Wochen hinweg ein Tagebuch führen. Darin sollten Männer und Frauen getrennt voneinander notieren, welche Streitthemen im Laufe eines Tages auftauchten, wie lange die jeweilige Auseinandersetzung dauerte und woran sie sich entzündete. Ergebnis: Die Paare stritten über kein Thema so zäh und ausdauernd wie über Geld. Die Mehrzahl der Paare empfand den Streit um das Geld als bedrohlich für die gemeinsame Zukunft. Bei keinem anderen Konfliktthema fiel es den Eheleuten so schwer, eine Lösung zu finden.
Der Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler von der Universität Wien ging der Frage nach, worüber sich Ehepaare unterhalten und worüber sie streiten. Dazu ließ er 40 Paare ein Jahr lang Tagebuch führen. Wirtschaftliche Themen waren die konfliktträchtigsten von allen. Die Paare stritten immer wieder darüber, für welche Dinge wie viel Geld ausgegeben werden solle.

Das Sorgentagebuch

Machen Sie selbst einmal ein Experiment: Schreiben Sie einen Monat lang auf, worüber Sie sich Sorgen machen. Das können alle Bereiche sein: der Be-ruf, die Gesundheit, die Kindererziehung, die Finanzen, die Partnerschaft, das Körpergewicht usw. Nach einem Monat werten Sie aus: Wie viele dieser Probleme wären nicht aufgetreten, wenn Sie Geld im Überfluss hätten? Sie werden sehen, dass es eine ganze Reihe von Sorgen gab, die Sie nicht gehabt hätten, wenn Sie genug Geld hätten. Sie werden aber auch sehen, dass es viele Sorgen gibt, die Sie auch mit genügend Geld gehabt hätten. Bei diesen Sorgen schreiben Sie bitte auf, ob sie leichter zu ertragen gewesen wären oder ob die damit verbundenen Schwierigkeiten besser hätten gelöst werden können, wenn Sie deutlich mehr Geld besäßen.
Die Sozialwissenschaftlerin Dorothee Spannagel ist in ihrer 2013 erschienenen Dissertation zum Thema „Reichtum in Deutschland“ auch der Frage nachgegangen, worüber sich Menschen Sorgen machen. Verglichen wurde dabei die Gesamtbevölkerung mit „Reichen“, also mit Menschen, die mindestens das Doppelte und Dreifache des Durchschnittsbürgers verdienen. Die Befragung wurde im Jahre 2005 durchgeführt. 25 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber nur 6 Prozent der Reichen machten sich „große Sorgen“ über ihre eigene wirtschaftliche Lage. Und 54 Prozent der Reichen machten sich darüber keinerlei Sorgen, aber nur 27 Prozent der Gesamtbevölkerung gaben an, sich über die eigene wirtschaftliche Lage keine Sorgen zu machen.
Das Sprichwort „Lieber arm und gesund als reich und krank“ haben Sie sicher schon gehört. Die Verfasserin der Dissertation kam jedoch zu dem eindeutigen Ergebnis: „Der Vergleich mit dem Gesundheitszustand in der Gesamtbevölke-rung lässt sich prägnant zusammenfassen: Bei steigendem Reichtum wächst der Anteil der Personen mit gutem Gesundheitszustand. Dieses Ergebnis gilt gleichermaßen für West-, Ost-, wie auch für Gesamtdeutschland.“

Was uns die „Glücksforschung“ verrät

Was kann es Wichtigeres geben als die Frage, durch was wir glücklich werden im Leben? Damit befasst sich eine ganze wissenschaftliche Forschungsrich-tung, die sogenannte „Glücksforschung“. Immer wieder konnte man die These lesen, die wissenschaftliche Glücksforschung komme zu dem Ergebnis, Geld mache nicht glücklich. Die Wissenschaftler Joachim Weimann, Andreas Knabe und Ronnie Schöb haben in ihren Forschungsarbeiten jedoch nachgewiesen, dass das so nicht stimmt.
Dass „Geld nicht glücklich macht“, hat erstmals 1974 Richard Easterlin wissen-schaftlich zu belegen versucht. Auf der Basis von Befragungen kam er zu dem Ergebnis, nicht das absolute Einkommensniveau sei wichtig dafür, ob ein Mensch glücklich werde oder nicht, sondern die relative Position in der Gesell-schaft sei dafür entscheidend, also ob man mehr oder weniger besitze als die anderen. Zumindest gelte das weltweit ab einem Einkommensniveau von 15.000 Dollar im Jahr. Ausgenommen wurden hier also die ganz Armen, bei denen es auf der Hand liegt, dass eine Steigerung des Einkommens erhebli-chen Einfluss auf ihre Lebenszufriedenheit hat.
Neuere Forschungen haben jedoch die Mängel der Untersuchungen von Easterlin gezeigt und belegt, dass diese These nicht aufrechtzuerhalten ist. Je höher das Einkommen, so die Ergebnisse der modernen Forschung, umso zu-friedener die Menschen. Sogar für diejenigen, die mehr als 120.000 Dollar ver-dienten, traf das zu. Die Forschungen zeigten sogar, dass der gleiche prozen-tuale Einkommenszuwachs bei höheren Einkommen einen stärkeren Effekt auf die Lebenszufriedenheit hat als bei niedrigerem Einkommen.
Natürlich gibt es zahlreiche Lebensumstände, die nicht direkt etwas mit Geld zu tun haben. Arme wie reiche Menschen werden krank, arme wie reiche Men-schen haben Beziehungsprobleme oder werden von ihrem Partner verlassen.
Die meisten Menschen wissen, dass es besser ist, mehr Geld als weniger Geld zu haben. Zwar behaupten sie oft etwas anderes, um sich selbst über den Zu-stand finanziellen Mangels hinwegzutrösten. Aber dennoch spielen jeden Monat 20 Millionen Deutsche Lotto. Vielleicht wissen sie sogar, dass die Wahrscheinlichkeit, sechs Richtige zu tippen, nur bei 1:15 Millionen liegt, aber dennoch machen sie jede Woche ihre Kreuze – und sagen dann vielleicht später bei einer Diskussion am Stammtisch: „Geld ist nicht wichtig“, oder: „Geld macht nicht glücklich“.

 

Von Dr. Rainer Zitelmann, Autor des Buches „Reich werden und bleiben: Ihr Wegweiser zur finanziellen Freiheit“, FinanzBuch Verlag 2015, 256 Seiten, 24,99 Euro

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