DAX
- Andreas Deutsch - Redakteur

Vorsicht vor dem Bären

In seinem neuen Buch beleuchtet Thomas Gebert genau jene Themen, die derzeit die Anleger umtreiben: Schulden, Italien, Euro, Gold, Ölpreis. Der Börsenexperte erklärt, welche Risiken real sind und wie man sich dagegen wappnen kann – und rät ganz allgemein zur Vorsicht.
DER AKTIONÄR: Herr Gebert, worum geht es in Ihrem neuen Buch und wie sind Sie auf die Idee dazu gekommen?

Thomas Gebert: Am 1. Januar 2016 ist ein neues Gesetz in Kraft getreten, die Bank Recovery and Resolution Directive. Sie gibt vor, dass, bevor Staaten Banken retten, zunächst die Gläubiger und die Kunden mit großen Guthaben in Anspruch genommen werden, bevor Staaten eingreifen. Diese neue Rechtslage könnte dazu führen, dass im Fall einer erneuten Krise die Menschen die Banken stürmen, um ihre Guthaben abzuheben, da sie im Fall der Pleite der Bank um ihre Guthaben fürchten müssen. Mein Buch dreht sich da­rum, was man anstellen muss, damit man nicht zu denen gehört, deren Guthaben im Fall einer Krise auf einmal weg sind.

Welche möglichen Krisenszenarien betrachten Sie?

Allen voran die Schuldenproblematik. Die Welt – Staaten, Firmen und Privatpersonen zusammengenommen – ist mittlerweile mit 300 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts verschuldet. Bei einem mittleren Zins von zwei Prozent muss das Welt-Bruttoinlandsprodukt mit sechs Prozent wachsen, um die Zinsen für die Schulden zu verdienen Es wächst aber nur mit knapp über drei Prozent. Steigen die Zinsen beispielsweise auf vier Prozent, muss das Bruttoinlandsprodukt um zwölf Prozent wachsen. Vor zehn Jahren war die Welt noch mit 200 Prozent verschuldet. In zehn Jahren werden es 450 Prozent sein. Dann muss bei einem Zins von zwei Prozent das Welt-Bruttoinlandsprodukt mit neun Prozent wachsen. Man muss kein Hellseher sein, um festzustellen, dass die nächste Krise nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann ist.

Glauben Sie an die Zukunft des Euro?

Der Euro kann auf Dauer nur funktionieren, wenn wir eine Haftungsgemeinschaft der Schulden in Europa bekommen. Ich glaube nicht, dass unser Grundgesetz das hergibt. Eigentlich sind wir sogar schon eine Haftungsgemeinschaft eingegangen. Der innereuropäische Zahlungsverkehr wird ja nicht so abgewickelt, dass ein reitender Bote mit Banknoten unterwegs ist, sondern es werden einfach Guthaben und Verbindlichkeiten als sogenannte TARGET2-Salden in den nationalen Notenbankbilanzen geführt. Italienische Bürger haben mittlerweile fast 300 Milliarden Euro auf deutsche Banken überwiesen, möglicherweise weil sie den eigenen nicht trauen. Diese 300 Milliarden sind aber nicht wirklich von Italien nach Deutschland geflossen, sondern die Deutsche Bundesbank hat den Geschäftsbanken diese Guthaben gutgeschrieben. Dafür hat sie eine Forderung in der Höhe von fast 300 Milliarden Euro an die Banca d’Italia. Nehmen wir an, Italien tritt aus dem Euro aus und führt die Lira wieder ein. Die Lira wird dann vermutlich auf die Hälfte ihres Einführungskurses fallen, wie im Jahr 1992, als die Lira aus dem damaligen Wechselkurs-Regime, dem EWS, stürzte. Dann werden aus Sicht der Italiener diese umgerechnet 5.000 Euro pro Italiener auf deutschen Banken in Lira gerechnet doppelt so viel wert sein. Für Italiener mit Auslandsguthaben wird der Euroaustritt dann ein sehr gutes Geschäft werden. Wir können nur beten, dass sie nicht auf diese Idee kommen, denn sonst bleiben wir auf der Forderung von 300 Milliarden Euro an Italien sitzen.

 Kann man die nächste Krise voraussagen?

Dazu müsste man Hellseher sein.

Welches Szenario halten Sie für am wahrscheinlichsten und wie kann man sein Vermögen am besten davor schützen?

Die Höhe der notleidenden Kredite im europäischen Bankensystem, auf die keine Zinsen mehr gezahlt werden, beträgt nach Angaben der Europäischen Bankenvereinigung eine Billion Euro. Bei den niedrigen Zinsen spielt das im Moment keine große Rolle. Diese Forderungen werden als Zombies in den Bankbilanzen weitergeführt. Spätestens bei den Rückzahlungsterminen dieser Forderungen klaffen diese dann als Lücken in den Bankbilanzen. Und diese eine Billion übersteigt die Höhe der europäischen Bankbilanzsumme um ein Vielfaches. Letztlich führt an einer Verstaatlichung der europäischen Banken kein Weg vorbei.

Welche Möglichkeiten haben Anleger sonst noch, ihr Vermögen zu schützen?

Kurzlaufende deutsche Bundesanleihen und US-Staatsanleihen sind die einzigen Anlagen, bei denen der Anleger weiß, dass er sein Geld zu 100 Prozent zurückbekommt.

Sie schreiben, dass die Renditen auch früher nicht höher waren als im heutigen Niedrigzinsumfeld. Wie das?

Die realen Nachsteuerrenditen! Um dies an einem Beispiel zu erläutern, wähle ich die Werte von 1980. Der Diskontsatz, der Eckzins für kurzfristige Ausleihungen, lag damals in der Spitze bei 7,5 Prozent. Der Satz für Tagesgeldanlagen oder Monatsgelder muss damit in etwa in der gleichen Größenordnung oder leicht darunter gelegen haben. Die Inflationsrate im Jahr 1980 betrug 5,4 Prozent. Gut, könnte man denken, immerhin ein Realzins von 2,1 Prozent. Doch nach Steuern sieht die Lage anders aus. Damals mussten die Zinseinnahmen zum persönlichen Steuersatz versteuert werden. Ein Anleger, der durch seine berufliche Tätigkeit ein durchschnittliches Jahreseinkommen erzielte, musste jeden zusätzlichen Euro wegen der Progression mit einem Satz von fast 50 Prozent versteuern. Nach korrekter Versteuerung wären von den 7,5 Prozent bei einem Durchschnittsverdiener 3,75 Prozent angekommen. Nach Abzug der Inflationsrate von 5,4 Prozent wäre so ein Minus von 1,65 Prozent übrig geblieben. Deshalb haben 90 Prozent aller Sparer, die mit den Zinsen über dem Sparerfreibetrag lagen, auch in den Jahrzehnten vor Einführung der Abgeltungsteuer die Zinsen in der Steuererklärung nicht angegeben. 90 Prozent der Anleger haben die Steuern auf Zinsen hinterzogen.

Welche Rolle spielt der Dollar für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands?

Ein hoher Dollar wirkt sich günstig auf die deutschen Exporte aus. Deshalb begünstigt der momentan hohe Dollarkurs die deutschen Unternehmen.

Sie haben eine 16-Wochen-Anomalie entdeckt, aus der sich eine Strategie für die Aktienanlage ableiten lässt. Wie funktioniert diese Strategie?

In den drei freundlichen Wochen dieses 16-Wochen-Rhythmus sollte man auf steigende Kurse setzen und in den drei schwachen auf fallende. Hätte man das seit 1960 so gemacht, hätte sich der Depotwert enorm gut entwickelt.

Der Anleger hätte heute zehnmal so viel Geld wie bei der reinen Aktienanlage – und das bei einem wesentlich geringeren Risiko. Der Anleger war nur in jeweils sechs von 16 Wochen, also nur 38 Prozent der Zeit, investiert. In diesen sechs Wochen war er drei Wochen long und drei Wochen short, also im Mittel marktneutral. Für den Erfolg dieser Strategie war also weder eine Hausse noch eine Baisse notwendig.

Ist diese Strategie auch im jetzigen Umfeld anwendbar? Sollte man im Moment in Aktien investieren und welche Aktien oder Branchen wären sinnvoll?

Diese Strategie ist auch im jetzigen Umfeld anwendbar. Sie lässt sich allerdings nicht sinnvoll mit Aktien, sondern eher mit Indexinstrumenten auf den DAX wie ETFs durchführen.

Kann man durch geschickte Aktienauswahl die Sicherheit des Depots erhöhen?

Ja. Wenn man schon in schwierigen Zeiten auf Aktien setzen möchte, lohnt es sich, immer die relativ starken zu wählen. Die fallenden Aktien zu kaufen und zu denken: „Die sind gerade billig“, entpuppt sich in der Regel als schwerer Fehler. Die Schwachen fallen meist weiter.

Wie funktioniert der Gebert-Indikator? Welche Parameter werden herangezogen?

Die Grundidee des Gebert-Indikators beruht darauf, dass in den vergangenen Jahrzehnten vor allen Rezessionen und damit ungünstigen Börsenentwicklungen die Inflationsraten und die Zinsen deutlich angestiegen sind. Zusammen mit dem Dollarkurs und der Jahreszeit habe ich das zu einem 4-Punkte-Indikator zusammengefasst, der seit Erstveröffentlichung im Jahr 1996 sehr gut funktioniert hat. Nun werde ich oft gefragt, ob dieses Prinzip in dem jetzigen Niedrigzinsumfeld noch gilt. Ich vermute: ja. Die seit sechs Jahren steigenden Kurse und die momentan freundliche Börsenverfassung mit dem Allzeithoch in den USA und dem um die Sonderfaktoren Stromversorger und VW bereinigten Beinahe-Allzeithoch in Deutschland gehen auf die in dieser Zeit fallenden Inflationsraten und sinkenden Zinsen zurück. Die wirklichen Schwierigkeiten fangen an, wenn die Zinsen oder die Inflationsraten wieder steigen. Wie soll da der inzwischen angehäufte Schuldenberg bedient werden? Die in den nächsten Monaten wegen des Wegfalls des Basiseffekts des niedrigen Ölpreises im Februar deutlich ansteigenden Inflationsraten könnten bereits bald den Indikator zu einem Verkaufssignal und die Börse zu einer ungünstigen Entwicklung führen.

Halten Sie ein Investment in Gold für sinnvoll? Wenn ja, in welcher Form?

Begrenzt ja, am besten physisch. Alle anderen Formen über Zertifikate oder ETFs sind letztlich Schuldpapiere.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Weltwirtschaft im Rhythmus des großen Schweinezyklus beim Öl tanzt. Was ist damit gemeint und was wären die Folgen für die Wirtschaft?

Der Ölpreisanstieg Ende der 70er-Jahre auf über 40 Dollar pro Barrel sorgte dafür, dass sich die Erschließung von Tiefsee-Lagerstätten im Golf von Mexiko und der Nordsee lohnte. Die so zugänglich gewordenen Ölquellen ließen den Ölpreis bis zum Jahr 1998 fallen. Bei dem damals erreichten Preis von zwölf Dollar pro Barrel wurde kaum noch in die Erschließung schwerer zugänglicher Quellen investiert. Als dann das Öl aus den Tiefsee-Lagerstätten immer spärlicher floss, stieg der Ölpreis langsam bis zum Jahr 2008 auf fast 150 Dollar pro Barrel. Bei diesem hohen Preis lohnte sich die Erschließung neuer Quellen wieder. Zum Beispiel wurden die Ölsände in Kanada extrahiert, das unter dem Eis verborgene Öl in der Arktis angebohrt und die Schieferöl-Lagerstätten in Texas und Louisiana angezapft. Die dabei gefundenen Mengen ließen den Ölpreis bis heute wieder zurückgehen. Nach diesem Rhythmus des großen Schweinezyklus beim Öl, dem Öl-Zyklus, tanzte die Weltwirtschaft der letzten 50 Jahre. Fast alle wirtschaftlichen Entwicklungen und Kursveränderungen an den Anleihe- und Aktienmärkten kann man dieser Deutung des Öl-Zyklus unterwerfen. Bis zum Jahr 1980 stiegen mit dem Öl die Gold- und Rohstoffpreise, die Inflationsraten und die Zinsen. Im Gegenzug fielen die Aktien und die Anleihen. Von 1980 bis 2000 sanken mit dem abbröckelnden Ölpreis auch die anderen Rohstoffe, das Gold und die Zinsen. Dagegen schossen die Aktien- und die Anleihekurse in die Höhe. Ab 2000 stiegen dann wieder parallel Öl und Gold, während die Aktien von 2000 bis 2011 keinen Kursfortschritt erzielen konnten. Mit den fallenden Ölpreisen ab 2011 stiegen wieder die Aktienkurse.

Wie sehen Sie die Zukunft des DAX?

In den vergangenen Jahrzehnten war es im Mittel über große Zeiträume so, dass der Ertrag einer zehnjährigen Bundesanleihe dem Ertrag der Aktienanlage im selben Zeitraum entsprach. Eine Rendite von momentan null Prozent für zehnjährige Bundesanleihen bedeutet, dass die Aktien in zehn Jahren in erster Näherung da notieren werden, wo sie heute stehen.

Wie lautet in der jetzigen Situation Ihr Rat für die Leser?

Vorsicht walten lassen, das Geld zusammenhalten und kein großes Risiko eingehen.

Vielen Dank für das Interview.

Alle Informationen zum Gebert-Brief erhalten Sie hier. Unter dem Kennwort tgbrief2016 erhalten Sie eine kostenlose Ausgabe, einfach Mail an abo@boersenmedien.de schicken!

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