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- Jochen Kauper - Redakteur

Volkswirt Felsenheimer: "Die aktuelle Situation ist mehr der Hoffnung geschuldet als ökonomisch rational"

Viele Marktteilnehmer hoffen darauf, dass nach dem energischen Einschreiten von EZB und FED die Märkte weiter nach oben streben. Zumindest in den letzten Handelstagen ist die Risikobereitschaft der Investoren weiter gestiegen. Geht es nach Jochen Felsenheimer von Assenagon, sind die Maßnahmen der Notenbanken vergleichbar mit einer "Reparaturmaß" nach einem ausgiebigen Besuch des Münchner Oktoberfest.

DER AKTIONÄR: Herr Felsenheimer, Die Europäische Zentralbank EZB und die Fed haben zuletzt die Geldschleusen geöffnet. War das ihrer Meinung nach jetzt nun der große Wurf, sprich, die richtige Strategie? 

JOCHEN FELSENHEIMER: Die aktuelle Situation ist mehr der Hoffnung geschuldet als dem ökonomischen Rational und kann schnell zu Ende gehen. Zentralbanken haben nicht das Instrumentarium zur Verfügung, um strukturelle Ungleichgewichte in einer Ökonomie zu beseitigen. Sie können einzig dazu beitragen, dass der Anpassungsschock an die ökonomische Realität möglichst gering ausfällt. Genau dort liegt allerdings die Gefahr der Politik der exzessiven Liquiditätsbereitstellung: sie verringert den Druck auf die Marktteilnehmer die ökonomisch notwendigen Reformen umzusetzen. Wenn sie nach dem Besuch des Münchner Oktoberfests einen Kater haben, kann eine Reparaturmaß die Symptome lindern. Die Ursache des Katers bleibt allerdings bestehen und man sollte diese Lösungsstrategie unbedingt zeitlich begrenzen.

Die Eurokrise belastet die Konjunktur. Die wirtschaftliche Dynamik hat in den letzten Monaten deutlich nachgelassen. Wann nimmt der Wachstumsmotor wieder an Fahrt auf? 

Die Aktionen der letzten Monate lassen ein Japan-Szenario in Europa wahrscheinlicher werden. Dieses ist durch verhaltenes Wachstum, leicht deflationäre Tendenzen, niedrige Kapitalmarktzinsen und schwachen Aktienmärkten charakterisiert. Je länger die notwendigen Reformen innerhalb der Europäischen Union verzögert werden, desto länger kann dieses Szenario andauern. Da alle europäischen Institutionen bemüht zu sein scheinen, die nötigen harten Anpassungseffekte möglichst gering zu halten, wird diese Phase nicht schnell überwunden werden können.

DAX und Co sind zuletzt deutlich angestiegen. Wie sollten sich die Anleger jetzt verhalten?

Der japanische Nikkei bewegt sich auch nach 20 Jahren weit von seinen historischen Höchstständen entfernt. Wenn man an ein Japan-Szenario glaubt, stellen Aktien in der Breite kein erfolgversprechendes Investment dar. Allerdings sind in einem Niedrigzinsumfeld mit deflationären Tendenzen die Alternativen auch wenig attraktiv. Trotz der relativ geringen Risikoaufschläge von Unternehmensanleihen profitieren diese in dem oben beschriebenen Szenario, da durch den Liquiditätsüberschuss auch die Ausfallraten niedrig bleiben. Man kann also getrost einen Teil seines Geldes auf dem Oktoberfest investieren.

Herr Felsenheimer, vielen dank für das Gespräch.

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