Verbio Vereinigte Bioenergie
- Michael Schröder - Redakteur

VERBIO-Chef: "Ich will mehr, viel mehr … "

Biokraftstoffe erobern den Markt. Die Leipziger VERBIO AG ist für diesen Trend hervorragend positioniert. Die nächsten Quartale werden zeigen, welches Potenzial in der Firma steckt. Im Gespräch mit dem AKTIONÄR verrät der Vorstandsvorsitzende Claus Sauter worauf sich die Anleger in Zukunft einstellen können.

VERBIOs Produktionskapazitäten belaufen sich auf 450.000 Tonnen Biodiesel und 300.000 Tonnen Bioethanol pro Jahr. Damit könnten 9.000 Lkw oder 120.000 Autos ein Jahr lang umweltfreundlich fahren. Fundamental läuft der Motor zwar noch nicht ganz rund. Das dritte und vierte Quartal 2011 sollten allerdings einen erfreulichen Vorgeschmack auf 2012 geben. DER AKTIONÄR fragte nach bei dem VERBIO-Vorstandsvorsitzenden Claus Sauter.

DER AKTIONÄR: Herr Sauter, die Einführung von E10 zu Anfang des Jahres wurde durch eine negative Berichterstattung begleitet. Mittlerweile hat sich die Diskussion rund um das Thema gelegt. Wie bewerten Sie die Entwicklung der letzten Monate?

Claus Sauter: Den Schwarzen Peter haben sich unnötig lange alle Beteiligten gegenseitig zugeschoben und damit für ein Kommunikationsdesaster gesorgt. Die Diskussion um das Thema hat sich zunehmend versachlicht, die Akzeptanz von E10 nimmt zu. Für mich ist es jedoch nach wie vor unverständlich, dass es Autofahrer gibt, die noch immer bereit sind, für einen minderwertigen Kraftstoff bis zu vier Cent/Liter mehr zu zahlen.

Welchen Weg wird E10 an den Tankstellen langfristig gehen?

E10 wird sich als Kraftstoff durchsetzen, da besteht kein Zweifel. Ich bin sogar der Überzeugung, dass wir in Richtung E20 und E25 gehen wie in Brasilien. Natürlich nicht, solange der Verbraucher bereit ist für E5 Super fast vier Cent/Liter mehr zu bezahlen als für das hochwertigere E10. In diesem Fall besteht kein Handlungszwang, sondern es heißt, leicht verdientes Geld mitzunehmen. 

Inwieweit hat Ihr Geschäft unter der ganzen Diskussion gelitten?

Das Leiden beschränkte sich auf das zweite Quartal, in dem selbst bereits kontrahierte Mengen von den Mineralölgesellschaften nicht abgenommen wurden. Kein Mensch hatte damit gerechnet, dass der Verbraucher trotz erheblichem Mehrpreis für E5, E10 nicht akzeptieren könnte. Aber mittlerweile haben sich alle auf die Situation eingestellt, verdienen Geld und alles läuft wunderbar.

Welche Absatzentwicklung erwarten Sie in den kommenden Monaten?

Unsere Produktion ist für 2011 ausverkauft. Für 2012 haben wir auch schon erste Mengen im Buch, wobei die eigentlichen Vertragsverhandlungen in den nächsten Wochen laufen.

Durch ein selbst entwickeltes Verfahren kann VERBIO aus den Nebenprodukten der Bioethanolproduktion Biogas gewinnen. Wie steht es hier um die Nachfrage?

Die Nachfrage nach unserem Biogas ist sensationell. Entscheidend ist dabei, dass unser Biogas nicht aus Nahrungsmitteln gewonnen, sondern aus Reststoffen hergestellt wird und damit ein Kraftstoff der zweiten Generation ist. Wir konzentrieren uns allerdings im Moment primär auf Biogas für Erdgastankstellen. Wir wollen mit unserem Biogas in die Mobilität. Jedes Erdgasfahrzeug kann sofort auf 100 Prozent Biogasbetrieb umgestellt werden. Biogas und Erdgas sind dasselbe Molekül. Probleme wie mit E10 wird es mit Biogas als Kraftstoff nicht geben. Und nachdem wir das Biogas zum selben Preis wie Erdgas als Kraftstoff anbieten, ergeben sich auch keine Mehrkosten. Das ist nachhaltiger Umweltschutz zum Nulltarif.

Wann können Sie beim Biogas unter Volllast arbeiten?

Der Prozess der Monovergärung in Großanlagen, wie wir sie gebaut haben, ist hoch komplex und kompliziert. Die Anlagen laufen stabil. Wir machen gegenwärtig noch eine Reihe von Tests zur Optimierung der Anlagen, die wir als Grundlage für den weiteren Ausbau und für den Bau neuer Anlagen benötigen. Daher wird es sicher noch bis Mitte 2012 dauern bis wir wirklich Volllast fahren werden.

Für Analysten ist vor allem die kommende Biogasnachfrage das zentrale Thema bei VERBIO. Sehen Sie das genauso?

Es ist nicht nur die Biogasnachfrage, sondern vor allem die Technologie aus Reststoffen in industriellen Großanlagen zu minimalsten Investitions- und Prozesskosten Biogas zu produzieren. Das Absatzpotential für Biogas ist gigantisch. Aber es muss günstig sein und das ist auf der Grundlage der gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland nicht machbar. Auf der Grundlage des EEG besteht keinerlei Anreiz, Biogas günstiger zu produzieren und in den Markt zu bringen. Die kleinsten und damit unwirtschaftlichsten Biogasanlagen genießen die höchste Vergütung. Das ist der falsche Weg! Wir gehen einen anderen Weg, und wir werden damit erfolgreich sein. 

Neben dem Ausbau der bestehenden Biogasanlagen in Schwedt und Zörbig laufen konkrete Planungen für eine weitere Biogasanlage in Ungarn. Warum forcieren Sie gerade die Expansion nach Osteuropa?

Ganz einfach, weil dort noch großes ungenutztes Rohstoffpotential schlummert. Alle Experten und auch die Politik sind sich einig, dass wir den Bedarf an Biomasse für erneuerbare Energien in Deutschland mit deutscher Biomasse nicht decken können. Bis 2020 sollen sechs Milliarden cbm Biogas im Erdgasnetz sein. Das wäre aus heutiger Sicht mehr als eine Verzehnfachung der Biogasproduktion. Sagen Sie mir, wo dafür die Rohstoffe herkommen sollen. Dieselbe Situation stellt sich für andere europäische Länder.
Wir setzen ausschließlich auf Reststoffe, d. h. Getreidestroh, Gülle, Mist, Hühnerkot usw. VERBIO wird keinen Mais bzw. keine Nahrungsmittel zur Biogasproduktion einsetzen. Das Getreidekorn gehört auf den Teller oder an Tiere verfüttert, das Stroh bzw. der Hühnerkot, Gülle und Mist gehen in die Biogasanlage zur Energieproduktion. Es gilt: nicht mehr Agrarfläche für die Bioenergie, sondern vorhandene Flächen und vorhandenes Anbaupotential intensiver zu nutzen. Und damit werden wir einen signifikanten Beitrag zur Energiewende leisten.

Wie wollen Sie den Ausbau der Anlagen finanzieren?

Das bisherige Ausbauprogramm finanzieren wir aus unserem laufenden Geschäft. Aber ich will mehr, viel mehr... Wir prüfen im Moment verschiedenste Optionen bis hin zu Kooperationen zur Finanzierung unserer Ausbaupläne.

Sie erwarten 2011 eine positive Geschäftsentwicklung und wichtige Erkenntnisse für das weitere Wachstum. Was muss man sich darunter vorstellen?

Bis einschließlich 2010 war weltweit das große Sterben der Biokraftstoffproduzenten. VERBIO ist der einzige Überlebende unter den reinrassigen, konzernungebundenen Biokraftstoffproduzenten in Deutschland. In 2011 haben wir uns von den Tiefs gelöst und sind operativ in unserem Kerngeschäft wieder profitabel geworden. Wichtige Entscheidungen und Richtlinien wurden in Brüssel verabschiedet, die unserem Geschäft klare Leitlinien und eine klare Perspektive geben. Außerdem gibt es nach Fukushima klare Entscheidungen und Aussagen zum Ausbau der Erneuerbaren Energien bis 2020. Darüber bin ich sehr froh, da die Politik in der Vergangenheit nicht sehr verlässlich in ihren Aussagen war. Wissen Sie, mir ist es egal, ob ich Basketball, Handball, Fußball oder Rugby spiele. Entscheidend ist, dass mir jemand sagt was wir spielen und dass auch alle anderen wissen, was wir spielen und wie die Spielregeln sind.

Analysten erwarten für 2011 einen Umsatz von knapp 650 Millionen Euro und einen Gewinn je Aktie von 0,06 Euro. 2012 soll der Umsatz bereits bei 674 Millionen Euro liegen und das EPS auf 0,38 Euro ansteigen. Ein realistisches Szenario?

Wir haben für 2011 eine klare Guidance gegeben und die werden wir erfüllen. Für 2012 laufen im Moment die Planungen, wobei ich keine übermäßige Euphorie schüren möchte. 2012 ist ein sehr wichtiges Jahr für uns, weil wir in 2012 die Weichen für das weitere Wachstum der VERBIO stellen werden. Unser Geschäftsmodell ist einzigartig und mir ist es wichtig, nachhaltig dauerhaft profitabel zu sein. Ich will raus aus der Abhängigkeit von der Mineralölwirtschaft, die uns, verständlicher Weise, nicht liebt.

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