- DER AKTIONÄR

Trade like Jesse Livermore!

Geht es nach dem Schweizer Systemwissenschaftler Artur P. Schmidt, dann können Computer mittlerweile sogar Aktienkurse vorhersagen. DER AKTIONÄR hat sich mit dem Erfinder des "Livermore-Indikators" über das Analyseverfahren und die aktuelle Situation der Märkte unterhalten.

Geht es nach dem Schweizer Systemwissenschaftler Artur P. Schmidt, dann können Computer mittlerweile sogar Aktienkurse vorhersagen. DER AKTIONÄR hat sich mit dem Erfinder des "Livermore-Indikators" über das Analyseverfahren und die aktuelle Situation der Märkte unterhalten.

Der Schweizer Kybernetiker Dr.-Ing. Artur P. Schmidt ist Wissenschaftler, Buchautor und Analyst zugleich. Der von ihm entwickelte "Livermore-Indikator" erregte zuletzt in Finanzkreisen einiges an Aufsehen. Schmidts These: "Mit dieser Software können Computer Trends an der Börse vorhersagen."

DER AKTIONÄR: Herr Schmidt, Sie haben ein computergestütztes Analyseverfahren entwickelt, das in der Lage sein soll, die Entwicklung von Aktienkursen vorherzusagen. Hört sich ein bisschen nach Zauberei an. Was steckt dahinter?

Artur P. Schmidt : Es geht bei unserer Software I-Matrix nicht um Vorhersage, sondern um die Fragestellung, ob ein Markt, eine Aktie, eine Devise oder ein Rohstoffwert robust ist oder nicht. Diese Analyse kann wegen der Berücksichtigung kybernetischer Algorithmen mit einer nahezu hundertprozentigen Genauigkeit geliefert werden.

Wie funktioniert das?

In den 90er-Jahren wurde ich vom Begründer des St. Galler Managementansatzes, Hans Ulrich, mit einer Studie zum Thema Management, Komplexität und Chaostheorie beauftragt. Für mich war es stets unzureichend, wie komplexe Systeme, vor allem Unternehmen, heute gelenkt werden. Das Literaturstudium zum vielleicht bedeutendsten Trader aller Zeiten, Jesse Livermore, brachte mich auf die Idee, dass es nicht darauf ankommt, Prognosen zu treffen, sondern die tatsächlichen Entwicklungen in den Finanzkennzahlen von Unternehmen kybernetisch zu analysieren. Genau dies leistet die Software I-Matrix in atemberaubender Weise. Da es leider zu wenig frei verfügbares Zahlenmaterial von Unternehmen gab, musste ich auf die Finanzmärkte zurückgreifen, um die Software zu testen. Hier stellte ich sehr schnell fest, dass die Algorithmen auch bei Aktien, Indizes, Devisen und Rohstoffen präzise die Robustheit des Systems anzeigen.

Wie präzise diese Indikatoren sind, zeigt der Blick auf die jeweiligen Livermore-Charts (siehe Grafik). Sobald die Entwicklung in den roten Bereich geht, wird verkauft. Sind die Charts im grünen Bereich, kann der Anleger investiert bleiben. Dies hört sich einfach an, aber wenn man 100 oder mehr Aktien als Anlageberater zu betreuen hat, verlieren die meisten den Überblick. Deshalb kann unser System vollautomatisch große Datenbestände von Tausenden von Aktien auswerten.

Wie reagiert Ihr Programm auf externe, systemfremde Schocks? Terroranschläge und Naturkatastrophen treten ja plötzlich und ohne Vorwarnung auf.

Als wir den Livermore-Indikator beim Aktien-Crash 1987, zur Asienkrise 1989 oder vor dem 11. September 2001 untersuchten, stellten wir fest, dass hier jeweils vor den starken Kursabschlägen klare Verkaufssignale gegeben wurden. Was natürlich nicht vom System antizipiert werden kann, sind Firmenübernahmen oder plötzliche Gewinnwarnungen, die Aktien an einem Tag um über 50 Prozent steigen oder um bis zu 80 Prozent fallen lassen. Deshalb gilt es mit dem System nicht nur auf einen einzigen Wert zu traden, obwohl dies bei soliden Werten wie Cisco oder Boeing herausragende Gewinne ermöglicht hätte.

Wir setzen hier auf ein 9er-Muster-Portfolio, das sich gemäß dem Prinzip der Branchenrotation verändern kann. Die Kauf- und Verkauf-Zeitpunkte der Werte im Portfolio werden anhand der Livermore-Analyse ermittelt. Aktuell setzt es sich aus einem Biotech-Wert, einem Biotech- und einem Japan-Fonds, drei Energieaktien, zwei Goldminenaktien sowie einem Bear-Fond zusammen. Investiert wird maximal in sechs Positionen zur selben Zeit. Etwa ein Drittel des Kapitals wird in Cash gehalten. Die Cash-Bestände werden gemäß dem Livermore-Indikator in die jeweils robusteste Währung (aktuell der kanadische Dollar) oder in Edelmetalle investiert.

Welche jährlichen Renditen hätte man mit Ihrem System in den letzten Jahren erzielen können und wie wollen Sie dieses Ihren Kunden zugänglich machen?

Mit einer volatilen Wachstums-Aktie wie beispielsweise Boeing hätte man mit dem Livermore-Analyse-System in den letzten 40 Jahren im Durchschnitt Renditen von deutlich über 100 Prozent erzielt. Wohlgemerkt pro Jahr!

Wir haben im Rahmen unseres Backtesting ähnlich hohe Renditen mit einer Vielzahl von Werten, aber auch mit dem Traden von Indizes erzielt. Das bedeutet, dass das Livermore-System jeden Fondsmanager langfristig geschlagen hätte. Nun können Sie mir vorwerfen: "Ja, dies hat zwar in der Vergangenheit funktioniert, aber die Performance in der Zukunft müssen Sie beweisen!" Nun, dies tun aktuell unsere Kunden.

Seit der Einführung des Systems hat einer unserer Kunden in nur vier Monaten bereits eine Rendite von über 70 Prozent erzielt. Und dies, ohne dass wir ihm irgendwelche Angaben gemacht haben, welche Aktien zu kaufen sind. Der Kunde hat lediglich sein bestehendes Portfolio genommen und tradet dieses nach unserem Indikatoren-System.

Vom "Börsenpropheten" André Kostolany stammt die Weisheit, dass man erst Aktien kaufen und dann Schlaftabletten schlucken soll. Nach vielen Jahren, wenn man dann wieder aufwacht, hätten sich die Aktienkurse, so Kostolany, automatisch vervielfacht. Was halten Sie von der "Schlaftabletten-Strategie"?

André Kostolany war sicherlich einer der erfolgreichsten Spekulanten aller Zeiten. Als er jedoch spekulierte, gab es noch keine Day-Trader und keine kybernetischen Berechnungsmodelle.Vergleicht man die Haltestrategie der Boeing-Aktie von 1962 bis 2005 mit der Livermore-Trading-Strategie, so hätte man mit der Schlafstrategie sein Kapital zwar jährlich um zehn Prozent gesteigert, hätte jedoch massive Opportunitätskosten gehabt. Mit der Livermore-Strategie hätte man dagegen bei konsequentem Traden einen jährlichen Zuwachs von über 100 Prozent erzielen können. Das Problem ist nicht, dass diese Rendite utopisch hoch oder nicht erreichbar ist, sondern dass die menschliche Psyche verhindert, dass Trader zu ihrer Strategie stehen.

Auch der berühmte Trader Jesse Livermore, nach dem die Software benannt wurde, verlor stets wieder alles, wenn er seiner Strategie untreu wurde. Deshalb gilt es kompromisslos, das zu tun, was einem die Indikatoren sagen. Eigeninterpretationen, Wunschkurse oder Crash-Vorstellungen führen einen Trader oder Spekulanten nicht weiter. Das Einzige, was am Markt zählt, ist, was der Markt tatsächlich macht. Der Markt hat leider zum Pech vieler - oder vielleicht sollte ich besser sagen: zum Glück weniger - immer Recht.

Nennen Sie uns bitte Ihre persönliche Investment-Strategie?

Meine persönliche Investment-Strategie orientiert sich an derjenigen der bedeutendsten Trader aller Zeiten: Livermore, Baruch, Loeb, Darvas und O'Neil. Warum ist dies so? Weil sie das Gesetz, dass man den Markt nicht schlagen kann, die so genannte "Effiziente Markthypothese", systematisch durchbrochen haben.

Es wird Zeit, dass dieses falsche Gesetz, welches ich mit meinen Simulationsmodellen eindeutig widerlegen kann, endlich dorthin verfrachtet wird, wo es hingehört: in den Bereich von Grimms ökonomischer Märchenstunde. Die größten Trader aller Zeiten hatten alle gemeinsam, dass sie ihren Trading-Strategien treu blieben. Sie haben bewiesen, dass es nicht eines großen Kapitaleinsatzes bedarf, um an den Finanzmärkten erfolgreich zu sein. Allerdings bedarf es harter Arbeit, um dieses Ziel zu erreichen. Das vielleicht Wichtigste, was den Livermore-Ansatz gegenüber allen anderen Ansätze auszeichnet, ist, dass dieser auf die eigene Forschung setzt, statt auf die Meinung anderer zu hören. Es lohnt sich für Anleger nicht, die Tageszeitungen zu lesen, weil dort bezogen auf die Ökonomie nur die Bewertungen vergangener Ereignisse in den Kursen nachzulesen sind. Von großer Bedeutung für Trader ist es auch, dass man nicht ständig investiert ist. Im Grund genommen reicht ein Drittel der Zeit an den Märkten aus, um bei steigenden Kursen maximale Gewinne einfahren zu können.

Welche Märkte und Branchen bieten Ihrer Einschätzung nach in den kommenden Jahren das größte Wachstumspotenzial und die besten Chancen für den Anleger?

Als Markt sehe ich mittel- bis langfristig den indischen Aktien-Markt als äußerst interessant an. Hier wurde gerade zwischen den USA und Indien ein historischer Vertrag für die wissenschaftliche Zusammenarbeit in den Bereichen Gesundheit, Biotechnologie und Nanotechnologie unterzeichnet. Dort, wo China seine Stärken hat, in der Produktion, werden gerade mal elf Prozent der amerikanischen Jobs generiert, dagegen werden im Service-Sektor 66 Prozent der amerikanischen Arbeitsplätze generiert.

Gerade hier liegt jedoch die große Stärke der indischen Volkswirtschaft. Hinzu kommt, dass bei indischen Firmen der Return on equity mit etwa 24 Prozent doppelt so hoch ist wie in China mit etwa zwölf Prozent. Heute schon ist Indien die fünftgrößte Ökonomie der Welt Die demographische Entwicklung dürfte hier einen Boom auslösen.

Etwa 25 Prozent aller Menschen unter 25 Jahren leben in Indien. Etwa 50 Prozent der indischen Bevölkerung ist unter 25 und etwa 80 Prozent sind unter 45 Jahre alt. Ein weiterer Schlüsselfaktor, der für Indien spricht, ist die Tatsache, dass Inder exzellent ausgebildet sind und perfekt englisch sprechen. Allein in Bangalore gibt es mit 150.000 mehr IT-Ingenieure als im Silicon Valley, wo rund 120.000 IT-Ingenieure arbeiten.

Der Ölpreis ist in den letzten Monaten unaufhörlich gestiegen. Geht es so weiter? Wo sehen Sie den Ölpreis am Jahresende? In fünf Jahren? In zehn Jahren?

Auch beim Ölmarkt ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch dieser wieder zu einer deutlichen Schwäche im Vergleich zu den anderen Rohstoffen neigen wird, auch wenn der langfristige Trend weiter nach oben gerichtet sein wird. Der Livermore-Indikator hat hier in den letzten Wochen präzise Kauf- und Verkaufssignale gegeben. Da jahrelang die Ölreserven zu hoch geschätzt wurden, die Neuerschließung von Ölquellen stagniert und die Nachfrage aus China weiter stark ansteigen wird, könnte ein durchschnittlicher Ölpreis von über 100 US-Dollar in den nächsten Jahren durchaus Normalität werden. Zu bedenken ist hier jedoch, dass dies für den europäischen Verbraucher weniger dramatisch sein wird, wenn sich der US-Dollar nochmals um 30 bis 40 Prozent verbilligen sollte. Außerdem ist man in Europa hinsichtlich alternativer Energien wesentlich besser gerüstet als in den USA, die ihre Kyoto-Arroganz noch teuer bezahlen werden.

Was halten Sie von Gold und Silber?

Gold und Silber sind quasi Ersatzwährungen, wenn das Papiergeld in eine Krise gerät. Diese Krise könnte in den nächsten Jahren immanent werden, insbesondere dann, wenn es in den USA nicht gelingt, das "Deficit Spending" zurückzuführen und wieder zu einer höheren Sparquote zurückzukommen.

Der vielleicht bedeutendste Wirtschaftstheoretiker Ludwig von Mises hat stets hervorgehoben, dass ohne Sparen keine Nationalökonomie funktionieren kann, da sich sonst exorbitante Seifenblasen aufbauen können. Derartige Übertreibungen entwickeln sich momentan vor allem im amerikanischen Immobilienmarkt, aber auch der Aktienmarkt scheint mit einem KGV von über 20 immer noch deutlich zu hoch bewertet.

Gegenüber aufgeblähten Papier-Währungen bieten deshalb Edelmetalle einen hervorragenden Schutz. Als Depotbeimischung sollten diese in physischer Form sowie durch Gold- und Silberminenaktien aktuell mindestens ein Drittel des Gesamtvermögens eines Anlegers ausmachen.

Wie sehen Sie die internationalen Volkswirtschaften? In den USA scheint die Wirtschaft ja zu brummen, in Europa, speziell in Deutschland läuft es nicht so rund. Was macht Europa falsch? Was machen die USA richtig?

Absolutes Wirtschaftswachstum ist ein trügerischer Indikator, um die Robustheit eines Marktes einzuschätzen. Der deutsche Aktienmarkt war gemäss dem Livermore-Indikator in den letzten Monaten sehr robust, was sich in starken Kursavancen widerspiegelte, während der mit hohem Bruttoinlandsprodukt-Wachstumsraten versehene US-Markt nur geringe Kursavancen machte. Weitere Favoriten der letzten Monate waren Österreich und Korea. In Europa macht man sicherlich viel falsch. Ich denke beispielsweise, dass die Erweiterung der europäischen Gemeinschaft viel zu schnell verläuft und dies zukünftig zu einer Euro-Krise führen kann. Jedoch ist es sicherlich nicht falsch, dass der europäische Konsument eher spart und für die Zukunft Vorsorge trägt.

Was die USA richtig machen, ist sicherlich die konsequente Ausrichtung auf eine bürokratiefreie Dienstleistungsgesellschaft. Hier liegen in Europa noch riesige Entwicklungspotentiale. Allerdings erfordert eine solche Ausrichtung auch eine richtige monetäre Steuerung, damit die Konsumentenverschuldung nicht ausufert. Hier hat Greenspan grundlegend versagt, da er den Durchschnittsamerikaner in die Schuldenfalle getrieben hat.

Das Handelsbilanzdefizit weist ein Rekordniveau auf. Sehen Sie darin eine Gefahr für die Weltwirtschaft?

Das Handelsbilanz-Defizit für sich genommen ist kein Gefahrenpotential, da die Erfahrung gezeigt hat, dass dieses einen Anstieg der Aktienkurse (siehe in den 90er Jahren) sogar fördert. Bedenklich an der US-Ökonomie ist jedoch die Überlagerung verschiedenster kritischer Indikatoren, wie der Verschuldung (des Staates, der Unternehmen und der Haushalte), das Handelsbilanzdefizit, die Überbewertung des Dollar, der demographische Faktor (Baby-Boomer gehen in den Ruhestand), aufgeblähte Derivatemärkte (mit der Gefahr von Kettenreaktionen) sowie die Gefahr ein Deflation durch sich weiter aufblähende Immobilienpreise. Die kybernetische Aufschaukelung aller Indikatoren zusammen hat mittlerweile ein gefährliches Niveau erreicht, aber die Märkte werden erst dann massiv einbrechen, wenn diese klare Signale geben.

Wie lange wir noch Zeit haben, um uns auf den Perfekt Storm an den Finanzmärkten vorzubereiten weiss niemand besser genau als der Markt selbst. Deshalb gilt es diesen aufmerksam mit der Livermore-Analyse zu beobachten. Amerika scheint, wie die mangelnde Krisenbewältigung in New Orleans zeigte, auf Störungen von aussen besonders anfällig zu sein. Nicht umsonst zeigt der Livermore-Indikator bei allen grossen Indikatoren (Dow Jones, S&P 500 sowie Nasdaq) im mittel- bis langfristigen Bereich im Vergleich zu allen anderen grossen Finanzmärkten seit längerem deutliche Schwächesignale.

Bereits im Jahr 2000 habe ich die Prognose gewagt, dass es zukünftig Millisekundenpleiten an den Finanzmärkten geben wird. Damals meinte man ich scherze, bis sie dann im Jahr 2002 eintraten, als Internet-Aktien an einem Tag um 80 % fielen und vielen der Humor endgültig verging. Derartige Kettenreaktionen können sich durch Finanzderivate verstärken, die deshalb nicht von ungefähr von Warren Buffet als finanzielle Massenvernichtungswaffen angesehen werden.

Alle reden von China als den Zukunftsmarkt? Sehen Sie das auch so? Ist das Land wirklich eine so große Chance für den Anleger?

Schauen wir uns doch zunächst einmal an, wie die Weltwirtschaft strategisch zu beurteilen ist. China wird sicherlich in den nächsten Dekaden die USA bezogen auf die Wirtschaftsleistung überflügeln. Allerdings erfolgte die Entwicklung von einem Agrarland zu einem modernen Industrieland in einem atemberaubenden Tempo. So etwas läuft nie ohne Verwerfungen ab. Bedenkt man dass China und Japan jeden Tag mit etwa einer Milliarde US-Dollar das amerikanische Schuldenmachen finanzieren, so würde eine durch China absichtlich ausgelöste Krise die ganze Weltwirtschaft treffen.

Eine derartige Krise könnte durch das plötzliche auf den Markt werfen von gehorteten Devisen, Aktien und Anleihen eintreten. Finanziert wurde diese Hortung durch die chinesische Unterwanderung der amerikanischen Volkswirtschaft und riesige Handelsbilanzüberschüsse von mittlerweile 120 Milliarden US-Dollar. Ein von China ausgelöster Wirtschaftskrieg könnte hierbei die gesamte Weltwirtschaft in einen verheerenden Abwärtsstrudel reissen.

Dass China aktuell auch als Aktienmarkt wenig interessant ist, offenbart ein Blick auf den China B-Share-Index (siehe auch dessen Livermore-Indikator auf www.unternehmercockpit.com). Dieser hatte sich vor seiner jüngsten Erholung in den letzten 12 Monaten halbiert. Verdoppelt haben sich zur gleichen Zeit jedoch zahlreiche nicht-chinesische Aktien, die vom Rohstoff-Boom in China profitieren. Es ist aktuell eher ein typisches antizyklisches Ausstiegssignal, wenn jeder chinesische Aktien empfiehlt und sogar die großen Wirtschaftsmagazine diesen Markt preisen. Der chinesische Markt durchläuft wie jeder Wachstumsmarkt nicht nur eine Boom-, sondern auch eine Bust-Phase.

Was sind Ihre fünf Lieblingsaktien?

Lieblingsaktien sollte es nicht geben, sondern es gibt nur robuste und weniger robuste Aktien. Bei Aktien ist es wie beim Wellenreiten. Ist die Welle auf einem hohen Niveau ist es an der Zeit auszusteigen, bevor diese bricht. Ist die Welle auf einem tiefen Niveau kann man einsteigen und auf dieser nach oben reiten. Viele Leute wollen immer wissen, welche Aktien man kaufen soll. Dies ist jedoch gar nicht so ausschlaggebend, da sich die meisten Aktien selbstähnlich verhalten. Werfen Sie doch einfach Dartpfeile auf den Kursteil im Handelsblatt. Sie werden wahrscheinlich besser liegen als die meisten Anlageberater von Banken. Überlebensnotwendig an den Finanzmärkten sind sowieso nicht die Kaufsignale sondern das Herausfinden der richtigen Verkaufszeitpunkte. Dies ist die eigentliche Kunst, die jedoch ohne ein präzises Lenkungssystem oder eine konsequente Anlagestrategie nicht praktikabel ist. Sie sollten in ihrem Börsenmagazin die Rubrik einführen "Welche 5 Aktien würden Sie jetzt verkaufen?" Diese wäre wahrscheinlich die wichtigste zur Bewahrung des Vermögens von Anlegern. Keine Bank, kein Investmentfonds aber auch kein bedeutender Vermögensverwalter hat sich bisher dieser Thematik ernsthaft angenommen. Der Livermore-Indikator dürfte der erste weltweite Indikator sein, der dies in konsequenter Weise tut, in dem er seine Börsenampeln systematisch auf rot stellt, wenn Werte nicht mehr robust sind.

Wie sieht Ihrer Einschätzung nach das Internet in 50 Jahren aus?

Die Erfahrung mit den Prognosen von Zukunftsforschern wie Herman Kahn hat gezeigt, dass man es unterlassen sollte, Prognosen über 50 Jahre zu treffen. Aber so viel kann gesagt werden, es wird bis zu dieser Zeit eine neue Zukunftstechnologie geben, die den relativen Marktanteil des Internet wie heute den des Fernsehens oder des Radios auf ein niedriges Niveau herunterbringen wird. Wie die neue Interface-Technologie aussehen wird, lässt sich nicht exakt beschreiben, aber mit einer gewissen Unschärfe darf man sich anmassen zu sagen, dass diese sehr stark von der Mikrosystemtechnik, der Nanotechnologie sowie der Bio- und Gentechnologie beeinflusst sein wird. Wie in Galouyes Roman "Simulacron III" werden wir neuartige Interfaces bekommen, die unsere Fähigkeiten zu kommunizieren, zu lernen und Komplexität zu lenken nachhaltig steigern werden.

Welche IT-Sektoren haben Zukunft? In welche speziellen Internetbranchen kann man als Anleger investieren?

Grundsätzlich sollte man in Sektoren investieren, wo es Player gibt, die über eine ausserordentlich starke Marktposition verfügen. Microsoft, Dell und Cisco haben solche Positionen in den 90er Jahren eingenommen. Neue Player wie Yahoo, Google und Ebay, haben sich bereits etabliert, auch wenn diese auf dem aktuellen Niveau deutlich überbewertet erscheinen. Nach den notwendigen Korrekturen dürften jedoch diese Werte ihre Schlüsselpositionen als Wachstumswerte weiter ausbauen. Eine ganz entscheidende Rolle werden zukünftig die Simulations-Technologien spielen. In diesem Sektor, den heute die Spielehersteller dominieren, wird es durch die Verknüpfung mit der Robotik und des Biocomputing völlig neue Innovationen geben, die es jungen Firmen erlauben wird zu den grössten Firmen der Welt zu avancieren. Deshalb gilt es diesen Sektor, dessen Hauptmärkte wegen der immensen Bevölkerungszahl China und Indien sein werden, äusserst genau zu beobachten. Die Matrix lässt grüssen!

Herr Schmidt, wir bedanken uns für das Interview.

Das Interview führte Sebastian Grebe.

Artikel aus DER AKTIONÄR (42/05).

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