- DER AKTIONÄR

Tiger auf dem Sprung

Investoren konzentrieren sich in Fernost nach wie vor auf Indien und China. Doch auch der vietnamesische Markt bietet risikofreudigen Anlegern enormes Potenzial. DER AKTIONÄR hat den Asienexperten Marc Faber zu Chancen und Risiken in dieser Region befragt.

Investoren konzentrieren sich in Fernost nach wie vor auf Indien und China. Doch auch der vietnamesische Markt bietet risikofreudigen Anlegern enormes Potenzial.

Von Sebastian Grebe

Die sozialistische Volksrepublik Vietnam verbucht seit Jahren atemberaubende Wachstumsraten. Das Bruttosozialprodukt hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, die Volkswirtschaft legte in dieser Zeit um durchschnittlich 7,5 Prozent pro Jahr zu. Damit liegt sie hinter China weltweit auf Platz zwei. Garant für diese Entwicklung ist der Export, der beispielsweise 2004 um fast 30 Prozent auf 26 Milliarden Dollar zulegte. Ein weiterer Pluspunkt ist die Altersstruktur: Vietnam hat gemeinsam mit Kambodscha die jüngste Bevölkerung der Welt - von 100 Vietnamesen sind 70 jünger als 35 Jahre. Auch wenn Geldanlage für Ausländer in Vietnam nach wie vor risikoreich und kompliziert ist, so lohnt doch ein zweiter Blick.

"Doi Moi"

Der wirtschaftliche Aufschwung des Landes begann im Jahr 1986 mit dem so genannten "Doi Moi"-Programm der Regierung. "Doi Moi" bedeutet "Erneuerung" und markiert im Fall Vietnams den Beginn des Übergangs von der Plan- zur Marktwirtschaft.

Die Staatsmacht erlaubte unter anderem private Bodennutzung, löste die meisten Genossenschaften auf und schloss unrentable Staatsbetriebe. Im Juli 2000 nahm dann in Saion die vietnamesische Börse den Handel auf. Der Zugang ist allerdings kompliziert: Nach wie vor existiert eine Vielzahl an Regularien, die ausländischen Investoren den Handel erschweren. Zudem sind die Alternativen begrenzt.

Wer direkt in Aktien investieren möchte, der muss sich bei einer Bank registrieren, die lizenziert ist, Wertpapiere stellvertretend für ausländische Anleger zu halten. Aktuell sind das beispielsweise die Deutsche Bank oder HSBC. Sowohl Bank als auch Investor müssen sich einen so genannten Trading Code zuteilen lassen. Anleger müssen zudem ihre persönlichen Angaben von der Botschaft oder einem Notar beglaubigen lassen.

Auch bei Investmentfonds und Derivaten ist die Auswahl noch minimal. Deutsche Anleger finden momentan lediglich im Ausland aufgelegte Vietnam-Fonds. Diese sind in Deutschland in der Regel nicht zum Vertrieb zugelassen und somit steuerlich benachteiligt. Derivate gibt es überhaupt nicht.

Noch etwas Geduld

Momentan erschweren die genannten Probleme deutschen Investoren noch den Zugang zum vietnamesischen Kapitalmarkt. Das sollte sich jedoch schon bald ändern. Die Attraktivität der dortigen Volkswirtschaft wird in Kombination mit dem zunehmenden öffentlichen Interesse zur Auflegung neuer Fonds und zur Kreation neuer Derivate führen. Im Zuge einer weiteren Öffnung des Landes dürfte auch der direkte Zugang zur Börse vereinfacht werden. Dann wird aus dem Geheimtipp Vietnam aller Voraussicht nach der nächste boomende Aktienmarkt in Fernost. Wen die zahlreichen Hürden nicht abschrecken, der wird bereits jetzt aktiv. der aktionär hat sich mit einem der renommiertesten Asienexperten der Welt über Vietnam unterhalten. Im folgenden Interview erläutert Marc Faber seine Einschätzung zu Land, Börse und Volkswirtschaft.

DER AKTIONÄR: Herr Faber, wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung der vietnamesischen Volkswirtschaft?

Marc Faber: Vietnam verfügt gemeinsam mit China und Indien über die am schnellsten wachsende Wirtschaft in Asien. In dem Land wohnen 80 Millionen Menschen. Anders als die Thais, die Indonesier oder die Philippinos sind sie sehr zielstrebig und sehr fleißig. Hier liegt enormes Potenzial.

Vietnam versucht offensichtlich dem "chinesischen Weg" zu folgen, also nur das wirtschaftliche, aber nicht das politische System zu ändern. Glauben Sie an den Erfolg dieser Strategie?

In Vietnam begann der Öffnungsprozess im Jahr 1989, also ganze elf Jahre, nachdem China seine "Open Door Policy" ausrief. Was die Liberalisierung seiner Wirtschaft und seines politischen Systems angeht, ist das Land noch weit hinter China zurück. Allerdings haben sich in den letzten vier Jahren bedeutende Veränderungen ergeben.Die wirtschaftlichen Aussichten Vietnams sind ausgezeichnet. Ich bin sicher, dass das Bruttoinlandsprodukt des Landes bald über dem Thailands oder der Philippinen liegen wird.

Welche Industriezweige dominieren in Vietnam? Welche bergen das meiste Potenzial?

Die Landwirtschaft ist nach wie vor der wichtigste Sektor - Vietnam ist beispielsweise der weltweit zweitgrößte Produzent von Kaffee. Das Land verfügt auch über große Ölreserven und kann sich selbst mit dem Rohstoff versorgen. Weitere wichtige Wirtschaftszweige sind die Textil- und die Möbelindustrie. In Zukunft wird die Tourismusindustrie sehr wichtig werden, die sich mit hoher Geschwindigkeit entwickelt. Aufgrund der bevorzugten geografischen Lage Vietnams sehe ich hier sehr großes Potenzial.

Die Regierung Vietnams bemüht sich derzeit, das wirtschaftliche Umfeld für ausländische Unternehmen und Investoren zu verbessern. Was muss unternommen werden, damit Vietnam für beide Gruppen ein attraktiver Markt wird?

Früher konnten ausländische Konzerne lediglich Joint Ventures mit den staatlichen Gesellschaften gründen. Mittlerweile kann ein Unternehmen auch vollständig im Besitz ausländischer Investoren sein. Natürlich gibt es noch Probleme: Die Eigentumsrechte sind beispielsweise noch nicht zu 100 Prozent geklärt. Wie in den meisten asiatischen Ländern können Ausländer kein Grundeigentum erwerben. Das zu ändern würde dem Land enorm helfen. Auch die Korruption ist nach wie vor ein Hemmschuh. Dazu kommt, dass noch sehr viel für die Infrastruktur getan werden muss. Diese Verbesserungen sind jedoch bereits in Arbeit und werden in den kommenden Jahren Früchte tragen.

Wie stehen Sie zum vietnamesischen Aktienmarkt? Ist er für ausländische Anleger bereits interessant?

Vietnamesische Aktien sind im Vergleich zu anderen Märkten sehr günstig bewertet. Ich denke, dass wir hier den besten asiatischen Markt der nächsten Jahre vor uns haben.

Würden Sie empfehlen, Aktien vietnamesischer Unternehmen zu kaufen oder würden Sie eher zu Investmentfonds raten?

Ausländer könnten meiner Meinung nach auch direkt in die Aktien investieren. Allerdings dürfte es sehr kompliziert sein, ein Depot zu eröffnen. Deswegen würde ich aus Gründen der Einfachheit zu Investmentfonds raten.

Wie sehen Sie als Investor Vietnam im Vergleich zu Indien und China?

Sowohl indische als auch chinesische Aktien sind deutlich höher bewertet als vietnamesische Aktien. Hinzu kommt, dass ausländische Geldanleger in China und Indien bereits große Summen investiert haben. In Vietnam kommen sie gerade erst auf den Geschmack.

Artikel aus DER AKTIONÄR (31/05)

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