DAX
- Andreas Deutsch - Redakteur

Robert Halver: Die Kurse werden weiter steigen

Der Leiter der Kapitalmarktanalyse Baader Bank sieht Europa in einer kritischen Situation. Den Anlegern rät Halver zum Einstieg in Aktien. Vom Bargeld können wir uns seiner Meinung nach so langsam verabschieden.

DER AKTIONÄR: Herr Halver, Value-Investoren haben es derzeit nicht leicht. Viele Qualitätsaktien sind schon sehr gut gelaufen und nicht mehr günstig. Welche Aktien sind Ihrer Meinung nach noch unterbewertet?

ROBERT HALVER: Ich halte zyklische Aktien für interessant, zumal sie ja seit Anfang April nachgegeben haben. Allerdings darf es zu keiner wirklichen Renditewende an den Zinsmärkten kommen.

Und welche Aktien sind viel zu teuer?

So manche Aktie aus dem Hightech- beziehungsweise Biotech-Sektor ist zu heiß gelaufen.

Der schwache Euro war lange ein Kurstreiber für europäische Aktien. Zuletzt hatte der Euro zwischenzeitlich kräftig zugelegt. Ist das die Trendwende?

Nein. Die US-Wirtschaft wird die witterungs- und streikbedingten Behinderungen ab dem zweiten Quartal zügig aufholen und der Zinswende und damit einem Stärkerwerden des Dollar neue Nahrung geben. Für die Wirtschaft im Euroraum gilt hingegen: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Daher wird die EZB an ihrem renditedrückenden Ankaufprogramm unbeirrt festhalten. Mario Draghi hat klargemacht: Mit mir wird es keine Zins- und Renditewende geben.
Ergo: Die verschobene, aber nicht aufgehobene US-Zinswende einerseits und Anleiherenditen im Euroraum andererseits, die auch künftig unter den attraktiveren US-Renditen verlaufen, sprechen bis Jahresende für einen Euro von etwa 1,04 Dollar.

Das sind gute Voraussetzungen für die europäischen Aktienmärkte. Trotzdem ging es zuletzt rauf und runter mit den Kursen.

Keine Frage, deutsche Aktien waren im April überkauft. Außerdem nähert sich die Dividendensaison ihrem Ende. Und die immer noch unbeantwortete griechische Frage sorgt auch nicht gerade für gute Laune bei den Börsianern.
Trotzdem sind grundlegende Zweifel an Aktien, die zu nachhaltigen Gewinnmitnahmen animieren oder sogar einen Crash nahelegen, nicht gerechtfertigt. Die Aktienhausse ist noch nicht vorbei.

Die Griechenland-Krise beschäftigt die Märkte seit vier Jahren. Angenommen, Griechenland geht raus aus dem Euro. Wie werden die Anleihe- und die Aktienmärkte reagieren?

Unsere Euro-Politiker drohen zwar mit Konsequenzen, wenn die griechische Reformliste – die es aber offenbar so wenig gibt wie das Bernsteinzimmer – nicht vorgelegt wird. Aber hinter vorgehaltener Hand will sich niemand bei einer hellenischen Pleite die peinliche Blöße geben und zugeben, dass dann die Aushebelung de Euro-Stabilitätskriterien und all die teuren Hilfsmaßnahmen für Griechenland seit fünf Jahren in Höhe von 240 Milliarden Euro für die Katz gewesen sind.
Sollte Griechenland den Euro wirklich verlassen, täte scheiden anfänglich sicher weh, aber am Ende werden auch die Griechen, befreit vom Euro-Korsett, sagen: Hätten wir uns doch bloß schon früher getrennt. Die Oasen der wirtschaftlichen Vernunft – die Anleihe- und Aktienmärkte der Eurozone – würden es honorieren.


Schauen wir in die Zukunft. Was sind für Sie die Megatrends der kommenden Jahre?

Bislang galt es eher als Verschwörungstheorie, doch mittlerweile ist das Thema im Mainstream angekommen: die Abschaffung des Bargelds. Ist das Bargeld weg, lassen sich Negativzinsen auch ohne Bank Run und ohne Bargeldhortung umsetzen. Wer sieht, dass sein Sparguthaben bereits nominell – also vor Inflation – weniger wird, dürfte sein Geld retten, indem er es für Immobilien, Autos oder Möbel ausgibt. Das wäre doch eine smartere Version von „Der Staat will an unser Geld“, als Steuern oder Sozialabgaben zu erhöhen.

Wann wird es so weit sein?

Es wird nicht über Nacht kommen. Die Politik wird den Bürgern Zeit lassen, sich an die Umstellung zu gewöhnen. Der 500-Euro-Schein wird der erste sein, der weg ist, dann der 200-Euro-Schein und dann der 100er. Das Klimpergeld ist ohnehin frühzeitig weg. Gleichzeitig wird die Möglichkeit der Bargeldabhebung zunehmend erschwert.

Herr Halver, vielen Dank für das Interview.

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