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Riesengroßes Kanzler-Chaos

Deutschland hat gewählt - aber das Ergebnis fiel alles andere als eindeutig aus. Nun geht der Kampf weiter: Gibt es eine große Koalition? Oder schließen sich CDU/CSU, FDP und Grüne zusammen? Und welche Auswirkungen hat die Wahl auf die Börse? DER AKTIONÄR hat die aktuelle Wahlsituation analysiert.

Deutschland hat gewählt - aber das Ergebnis fiel alles andere als eindeutig aus. Nun geht der Kampf weiter: Gibt es eine große Koalition? Oder schließen sich CDU/CSU, FDP und Grüne zusammen? Und welche Auswirkungen hat die Wahl auf die Börse?

Von Andreas Deutsch

Welch eine Dramatik, welch eine Überraschung! Mit hauchdünnem Vorsprung sind CDU und CSU am Sonntag zur stärksten Fraktion im Deutschen Bundestag gewählt worden. 35,2 Prozent standen am Ende für Angela Merkel, Edmund Stoiber und Co. zu Buche - im Vergleich zu den Umfrageergebnissen vor ein paar Wochen, als CDU/CSU an der absoluten Mehrheit kratzten, allerdings ein dramatischer Einbruch. Hingegen hat die SPD überraschend 34,3 Prozent geholt - und für Gerhard Schröder ist der Fall damit klar: "Ich bleibe Bundeskanzler."

Das ist allerdings nur möglich, falls sich die SPD, die Grünen und die FDP auf eine Ampelkoalition einigen, es eine große Koalition oder ein Bündnis aus SPD, Grünen und der Linkspartei geben sollte. Möglichkeit 3 scheidet wohl zu 99,9 Prozent aus, auch die Ampel ist sehr unwahrscheinlich. Bleibt die große Koalition, wo aber im Normalfall die Fraktion den Kanzler stellt, die die Wahl gewonnen hat. Und das sind - im Moment jedenfalls CDU und CSU. Demnach wäre Angela Merkel die neue Bundeskanzlerin.

Wenn Schröder aber blockiert, muss sich Merkel nach einem anderen Partner umsehen. Für die angestrebte schwarz-gelbe Koalition haben die beiden Fraktionen keine Mehrheit. Bliebe noch eine Koalition aus CDU/CSU, FDP und den Grünen. Allerdings müssen sich Letztere fragen, ob es im Sinne ihrer Wähler ist, wenn sie nur die Fronten wechseln und mit CDU/CSU und FDP zusammen gehen.

Wie dem auch sei, eins steht jetzt schon fest: Die nächsten Tagen und Wochen werden hochspannend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Dresden aufgrund des Todes einer NPD-Kandidatin noch nicht gewählt hat. Entscheiden etwa die 219.000 Dresdner über die Bundestagswahl? Man erinnere sich: Vor drei Jahren betrug der Vorsprung Gerhard Schröders vor Edmund Stoiber gerade einmal 6.000 Stimmen.

Vertreter aus der Wirtschaft und Forschungsinstituten reagierten enttäuscht auf das Wahlergebnis. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, fürchtet besonders eine große Koalition. Sie würde nur auf einen sehr kleinen gemeinsamen Nenner kommen, so Thumann. Roland Döhrn, Konjunkturexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), sagte der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung": "Die Unsicherheit für die Wirtschaft wird erst einmal größer. Deutschland bleibt in vielen Bereichen eine Baustelle." Bernhard Rohleder, Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM), sagte: "Wer auch immer die künftige Bundesregierung stellt - die begonnenen Reformen müssen beschleunigt werden."

Die Reaktion der Börsianer fällt am Montagmorgen verhalten aus. Nachdem der Dax zunächst zwei Prozent verloren hat, notiert er um 10 Uhr "nur"mit 1,3 Prozent im Minus. Zu den großen Verlierern zählen RWE und E.on. Die Anleger fürchten nämlich, dass die längeren Laufzeiten für Kernkraftwerke von der neuen Regierung - egal, wie sie aussehen mag - nicht genehmigt wird.

Anleger sollten mit einem Investment in deutsche Aktien noch warten, bis sich klar abzeichnet, wer künftig Deutschland regieren wird. Denn, wie man weiß, hassen Börsianer nichts mehr als Unsicherheit.

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