DAX
- Thorsten Küfner - Redakteur

Quo vadis DAX: Das raten jetzt die Experten (Teil 3)

Droht eine Korrektur beim DAX? Wo liegen die größten Risiken? Wir haben bei den besten Börsenexperten Deutschlands nachgefragt – wie etwa bei Andreas Lipkow, Marktstratege bei Kliegel & Hafner. Er gibt Antworten darauf, wie es mit dem DAX weiter geht, welche Aktien man jetzt haben muss und welche man aus dem Depot verbannen sollte. 

Herr Lipkow, wie schätzen Sie den Markt derzeit ein? Wird es bald weiter nach oben gehen oder müssen wir Angst haben, dass es bald knallt?
Es wird weiter eine Zitterpartei bleiben und genau darin liegt auch vorerst die Chance für weitere Kursgewinne. Viele Profis und die meisten privaten Anleger trauen sich nicht wirklich noch in dem Aktienmarkt zu investieren. Dadurch sind Aktien in vielen Depots noch untergewichtet bzw. die bestehende Positionen noch nicht weiter angepasst worden. Das wird dazu führen, so lange sich die geopolitische Gemengelage nicht ändert, vorerst jegliche Rücksetzer für Käufe genutzt werden. Als gutes Beispiel für dieses Handelsvorgehen kann man sich den Bund Future Handelsverlauf zwischen den Jahren 2014 bis 2016 ansehen. Viele Marktteilnehmer waren der Meinung, dass der Bund Future zu teuer ist und haben diesen im schlimmsten Fall sogar geshortet. Die Folge war, dass die dann folgenden notwendig gewordenen Shorteindeckungen für weitere Kursaufschläge führten und es vorerst kein Ende der Aufwärtsbewegung gab. Dieses Beispiel zeigt gut, dass die fundamentale Bewertung in den vergangenen Jahren größtenteils keine Rolle mehr gespielt hat. Es waren die Notenbanken, welche durch die expansive Geldpolitik die Finanzmärkte mit immer neuer Liquidität indirekt befeuert haben.

Ich würde aber trotzdem mit möglichen größeren, dafür aber kurzen und schnellen Kursrückschlägen rechnen. Diese Bewegungen können evtl. nur wenige Handelstage andauern aber ausschliessen kann ich diese nicht. Dafür gibt es einfach zu viele mögliche Katalysatoren auf den politischen und konjunkturellen Ebenen. Ein besonderes Augenmerk sollte weiterhin auf die derzeit inkonsistente Aussen- und Handelspolitik der USA oder den politischen Ereignissen in Syrien gelegt werden. Des weiteren gilt es die konjunkturelle Entwicklung in China und Japan zu beobachten. Speziell in Japan ist die Enttäuschung gut wahrnehmbar nach dem dort die wirtschafts- und geldpolitischen Interventionen von Politik und der Bank of Japan schnell wieder verschwunden sind. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es in Europa und den USA ebenfalls nicht zu nachhaltigen Wirtschaftsaufschwüngen kommen wird.

Amerikanische Aktien sind recht hoch bewertet, deutsche sind im langfristigen Vergleich günstig. Wird der DAX den Dow Jones mittelfristig outperformen?
Für die deutschen Aktien fällt derzeit einfach der richtige Antreiber. Die politische Situation in Deutschland gibt nichts investionsfreundliches wider. Die politischen Entscheidungen in den vergangenen Monaten waren einfach zu unausgegoren und kaum berechenbar. Nehmen sie beispielsweise den Atomausstieg oder die politischen Absage einiger angestrebten Übernahmen durch z.B. chinesische Investoren und Unternehmen. Solche Massnahmen schrecken nicht nur die Investoren aus den betroffenen Ländern ab, sondern strahlen auch auf Interessenten anderer Länder aus.
Grundsätzlich besitzen die Aktien der deutschen Unternehmen einen soliden fundamentalen Boden durch die teilweise hohe Dividendenrendite. Das Exportland Nummer eins in Europa und Nummer drei in der Welt hat in den vergangenen Jahren die globale Position weiter gefestigt. Deutsche Produkte und Dienstleistungen sind gefragt und daran hat sich noch nichts geändert. Ob das zukünftig noch für alle betroffenen Branchen weiterhin Bestand haben wird bezweifle ich aktuell. Die solide Gewinnsituation der börsennotierten Unternehmen spiegelt sich oft in einer aktionärsfreundlichen Dividendenpolitik wider oder führt zu Aktienrückkaufprogrammen der Unternehmen. Diese Sharholder-Value Massnahmen haben die Aktien der Unternehmen vor größeren Kursverlusten geschützt.

Wo sehen Sie derzeit die größten Risiken für den Markt?
In China durch die eher hinkende konjunkturelle Entwicklung. In den USA durch die politische Trendwende nach den US-Präsidentschaftswahlen und den dann folgenden Richtungswechseln und Rückschlägen für die aktuelle politische Führung in den USA. Das macht es für internationale Unternehmen und institutionelle Investoren schwierig das wirtschaftliche Klima in den USA langfristig bestimmen zu können. Allein die politischen Personalien in den vergangenen Tagen und die Abstimmungsschlappen bei einigen Gesetzesänderungsvorhaben lassen Zweifel über die weitere politische Schlagkraft des Präsidenten Trump aufkommen. Allein das Bewertungsagio durch die erhofften Trumpenomics nach der gewonnen US-Wahl beträgt bei dem S&P 500 Index ca. 200 Punkten oder ca. 8,5 Prozent.

Seien Sie bitte visionär: Wo steht der DAX in 5 Jahren?
Wenn man bei dieser Schätzung mögliche Rückschläge innerhalb dieser Zeitperiode zwischen 10 und 15 % ausläßt, kann der DAX INDEX in den kommenden Jahren durchschnittlich weiterhin eine Performance von 5-7 % vollziehen. Das würde final auf einen potentiellen Stand im Jahre 2022 von 15.500 bis 17.000 Punkten hinauslaufen.

Die Fed will noch in diesem Jahr auf die geldpolitische Bremse treten. Was bedeutet das für die Aktienmärkte?
Nicht viel. Die Zinsen werden nur mässig angehoben werden und die Zinsschritte nur einen rein obligatorischen Charakter haben. Die wirtschaftliche Erholung in den USA ist noch zu schwachbrüstig als das diese massive Zinserhöhungen verkraften könnte. Das wissen auch die Notenbanker und werden sehr besonnen handeln. Der US-Arbeitsmarkt hat sich zwar etwas erholt aber wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, wie schnell sich diese vermeintliche Stärke schnell wieder umkehren kann. Das gleiche gilt auch für den US-Häusermarkt. Die US-FED Gouverneure haben aus der Vergangenheit gelernt und insbesondere die Entwicklung in den Jahren 2000-2003 vor Augen. Es wird eher einem Eiertanz mit vielen Verbalinterventionen gleichen als einer wirklichen Phase der Zinstrendumkehr auf Normalniveau.

Wann wird die EZB frühestens nachziehen?
Nicht vor 2018. Die Situation in Europa ist durch die vielen verschiedenen autonomen Staaten komplett verschieden. Es ist ohnehin fraglich, ob der eingeschlagene Weg der EZB zum erhofften Erfolg führen wird. In Japan und den USA waren die Massnahmen nachvollziehbar und leichter umsetzbar. In Europa stellt sich schon die Frage, ob die Anleihekäufe der EZB eines deutschen Unternehmens z.B. den Peripherieländern Portugal, Italien und Spanien nachhaltig helfen werden. Die Probleme in den einzelnen europäischen Ländern ähneln sich zwar sind aber nicht mit einer Einheitsbehandlung lösbar.
Nehmen sie vier Patienten bei einem Arzt als Beispiel. Einer hat sich den rechten, der Andere den linken Arm, der dritte Patient hat sich das rechte Bein und der Vierte das linke Bein gebrochen. Der behandelnde Arzt, in diesem Fall die EZB, hat sich dazu durchgerungen jedem einen Kopfverband zu verpassen und zu hoffen, dass die Brüche jeweils gut verheilen.
Wie robust bewerten Sie aktuell die Konjunktur in Deutschland, Europa und in den USA?
Es steht noch vieles auf sehr gläsernen Böden. Harte Bewährungsproben können zu einem zerbrechen dieses Bodens führen. Die Politik als auch die Notenbanken wissen dies und agieren entsprechend vorsichtig, Die Massnahmen der vergangenen Jahren waren ein einmaliges Vorgehen und können keine Vergleiche zu ähnlichen wirtschaftlichen Phasen ziehen. Das hat aber gleichzeitig zu einer erhöhten Fragilität des Konstrukts Realwirtschaft und Finanzmärkte geführt. Es kam an den Finanzmärkten zu etliche Fehlallokationen und Bewertungsasymmetrien und einer vollkommen verschobenen Risikowahrnehmung. Viele der jüngeren Marktteilnehmer kennen keine wirklichen Bärenmärkte, da es seit 2008 mit der Unterstützung der Notenbanken im Endeffekt nur zu steigenden Kursen gekommen ist. Dies beeinflußt das Anlageverhalten und die Einschätzung von Krisensituation massgeblich und wird entsprechende negative Effekte verursachen.

Welche Aktien muss man jetzt haben?
Ich würde zum einen auf die Kellerkinder der letzten Jahre setzen. Die Bankaktien wurden in den vergangenen Jahren zu Recht von vielen Investoren gemieden. Es fehlten die gewinnbringende Geschäftsmodelle und Zukunftsvisionen. Ich denke, dass eine zukünftige Symbiose vieler Fintechansätze mit dem herkömmlichen Banking einen echten Mehrwert für die Kunden und die Finanzinstitute bringen werden. Des weiteren werden Digitalisierungsprozesse zu höheren Margen führen und die Kosten nachhaltig senken können. Deutschland galt lange Zeit als overbanked und diese Situation hat sich nun zu großen Teilen aufgelöst. Als aussichtsreich sehe ich aktuell die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank AG aus der ersten Reihe und die Aareal Bank AG aus der zweiten Reihe an.

Als weitere lukrative Investmentansätze sehe ich Technologieunternehmen aus den Bereichen autonomes Fahren und 3 D Druck. Das sind zukünftige Boombranchen und haben das Potential disruptiv in alteingesessenen Märkten wirken zu können. Weiterhin wird der Online-Handel seinen Siegeszug fortsetzen können.

Aus den beschriebenen Sektoren könnten sich die Aktien der Splunk Inc, Ansys Inc,, Palo Alto Networks Inc und 3 D Systems Corp in den kommenden Monaten gut entwickeln.

Welche Aktien sollte man sofort verkaufen?
Die Aktien der herkömmlichen Automobilhersteller sehe ich aktuell eher als verkauf an. Die Unternehmen haben es verpasst die kommenden Trends umzusetzen. Die Entwicklungs- und Produktionszyklen bei den Unternehmen sind zu lang und können auf die Konsumentennachfragen nicht mehr schnell genug reagieren. Die Zeiten sind vorbei bei denen die Unternehmen den Konsumenten ihre Produkte nach dem Motto: „Friss oder stirb“ aufgedrängt haben. Zukünftig verlagert sich das Erlebnis Autofahren weg von der Strasse hin zu dem Bildschirm in der Mittelkonsole. Dadurch sind für mich die klassischen Vertreter aus diesem Sektor, wie die Daimler AG, die BMW AG und die Volkswagen AG auf den aktuellen Kursniveaus keine kaufenswerten Aktien.

Unternehmen aus den Branchen Healthcare, Pharma und Biotechnologie werden durch die kommenden Etatkürzungen im Gesundheitssektor in vielen Ländern zu den Verlierern gehören. Die Aktien waren in den vergangenen Jahren durch den eher defensiven Charakter stark nachgefragt gewesen. Des weiteren winkten für viele Investoren zusätzliche Gewinne durch Aufkäufe und Übernahmen in den Sektoren. Es gab einen größeren Konsolidierungsdrang in den Branchen, welcher u.a. zu Megafusionen internationaler Unternehmen geführt hat. Diese Phase dürfte zu Ende sein und der erfolgte Bewertungsaufschlag für Unternehmen aus diesen Sektoren sehr bald wieder abgebaut werden. Hier sind insbesondere die Vertreter aus den USA auf sehr hohe Bewertungsniveaus gekommen. Dazu zählen aktuell bspw. die Aktien von Amgen und Bristol-Myers-Squibb.

Als dritte Branche mit Verkaufscharakter sehe ich aktuell Unternehmen aus dem Immobiliensektor. Die Party ist im Immobiliensektor vorbei. Die Preise in den Boomstädten sind extrem hoch und auch wenn sich diese in den kommenden Jahren vorerst halten werden, ist das Limit bei den Mietpreisen vorerst größtenteils erreicht. Weitere Steigerungsmöglichkeiten sind eher noch in den B und C Lagen erzielbar mit den entsprechenden Risiken. Diese Risiken sind aus meiner Sicht noch nicht bei den Aktien der Unternehmen eingepreist, da einfach alle Aktienkurse der Unternehmen aus dem Immobiliensektor gestiegen sind. Es wurde eher auf die Trends und das Momentum der Branche gesetzt als auf die Qualität und Zukunftsperspektiven der gehaltenen Immobilien zu achten.
Als ambitioniert bewertet sehe ich aus dem Immobiliensektor derzeit die Unternehmen Vonovia SE und die Deutsche Wohnen AG. Die Aktien beider Unternehmen sind in den letzten Jahren hervorragend gelaufen und es ist bereits sehr viel Optimismus und Kursphantasie in den aktuellen Kursen eingepreist worden.

Wie andere Börsenprofis wie etwa Hans A. Bernecker, Max Otte, Marc Faber, Robert Halver oder Thomas Gebert die aktuelle Lage einschätzen, bei welchen Aktien sie zugreifen würden und wovon sie tunlichst die Finger lassen würden, erfahren Sie exklusiv in der neuen Ausgabe 17/2017 des AKTIONÄR.

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