DEUTSCHE ROHSTOFF
- Marion Schlegel - Redakteurin

Ölpreis mit erstem Lebenszeichen: Großes Experten-Interview nach dem großen Ausverkauf

Nach der monatelangen Talfahrt haben sich die Ölpreise zuletzt stabilisiert und sogar die stärkste Rallye seit 2013 aufs Parkett gelegt. Die Aussicht auf ein sinkendes Angebot war der Auslöser für die höheren Notierungen. Ein starker Rückgang der Ölbohrungen in den USA hatte Deckungskäufe ausgelöst. Zudem haben Ölgiganten wie BP oder Exxon Mobil angekündigt, auf Sparkurs zu gehen. Nach dem jüngsten Preisanstieg ist die Notierung von Brent-Öl mittlerweile an einen wichtigen Kreuz-Widerstand im Bereich von 60 Dollar heran gelaufen. DER AKTIONÄR hat nach dem deutlichen Ausverkauf in den vergangenen Monaten mit einigen Experten über die Einschätzung der aktuellen Lage und die weiteren Aussichten für den Ölpreis.

 

- DER AKTIONÄR: Innerhalb weniger Monate ist der Ölpreis dramatisch gefallen. Was sind die Gründe?


Dr. Rainer Ruckteschler, Vorstand von EurAsia Resource Holdings: Die Relation von Angebot und Nachfrage hat sich anders entwickelt als erwartet. Die Nachfrage steigt zwar, wegen eines geringeren Wirtschaftswachstums aber weniger als geplant. Gleichzeitig kam es durch die stark wachsende Fracking-Industrie in den USA sowie durch höhere Produktion im Iran, Irak und teilweise in Lybien zu einem Überangebot. Es sind nur knapp zwei Millionen bbl/d oder zwei Prozent der Weltproduktion. Aber als Saudi Arabien nicht wie in der Vergangenheit seine Produktion reduzieren wollte, sondern klar auf Marktanteilskampf gesetzt hat, sind die Preise endgültig eingebrochen. Das wird zwar noch eine Weile so weitergehen, mittelfristig wird aber viel Öl benötigt, das man nur zu höheren Kosten fördern kann. Dann fehlen (billige) Förder-Kapazitäten und die Preise werden steigen.


Dr. Thomas Gutschlag, Vorstand der Deutschen Rohstoff AG: Aus meiner Sicht spielt ein Überangebot am Markt die entscheidende Rolle. Entscheidend für eine Erholung der Preise werden ein Rückgang der Schieferölproduktion in den USA und eine Kürzung der OPEC-Förderung sein.

 

- Viele sprechen von einer Verschwörung – wie sehen Sie das?


Dr. Rainer Ruckteschler: Ich sehe hier keine Verschwörung, sondern einen Machtkampf um Marktanteile angeführt von Saudi-Arabien. Die Saudis verlieren zwar auch Einnahmen, können sich das wegen der sehr hohen Reserven aus den letzten Jahren aber im schlimmsten Fall sogar mehrere Jahre lang leisten. Die Saudis kämpfen einerseits gegen die schnell gewachsene amerikanische Fracking-Industrie und können gleichzeitig ihren großen regionalen Rivalen Iran schwächen.

 

- Welche Rolle spielt die Opec? Welche Taktik verfolgt sie oder sind ihr die Hände gebunden?


Dr. Thomas Gutschlag: Die Produktion außerhalb der OPEC ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Wenn die OPEC einseitig kürzt und die Preise stützt, verliert sie Marktanteile und löst weitere Investitionen aus. Insofern befindet sie sich in einem Dilemma. Ich glaube nicht, dass die OPEC sich gegen den Preisrückgang stemmen kann.

 

- Was bedeutet das für die Schiefergas-Industrie in den USA?


Dr. Thomas Gutschlag: Die Investitionen in neue Bohrungen werden stark gekürzt. Wir sehen das jetzt schon. In unserem Umfeld werden Bohrgeräte außer Betrieb genommen und Personal verringert. Ich schätze, dass sich in Colorado der Rückgang der Investitionen auf 40 bis 50 Prozent beläuft. In anderen Gebieten in den USA ist das sicher nicht viel anderes. Im Laufe des Jahres wird deshalb vermutlich die Produktion in den USA zurückgehen.


Stan Szary, Vorstand der Saturn Minerals: Das hängt alles von den Produktionskosten ab. In der aktuellen Situation ist es schwer für Schiefergas-Produzenten Geld zu verdienen. Die Banken, die solche Unternehmen finanziert haben, dürften ebenfalls nervös werden, aufgrund von möglichen Zahlungsausfällen.

 

- Wie lange glaube Sie, werden die Ölpreise noch so niedrig bleiben? Und woher könnte eine Wende kommen?


Dr. Thomas Gutschlag: Ich sehe einen relativ starke Korrelation zum Dollar. Solange der Dollar stark bleibt, wird es meines Erachtens keine wesentliche Erholung geben. Ich erwarte allerdings eine Trendwende beim Dollar im Laufe des Jahres 2016.


Stan Szary: Die Antwort ist nicht einfach und komplex. Es hängt von der globalen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung ab. Sollte sich zum Beispiel die Wirtschaft in China abschwächen, dann sinkt die Nachfrage möglicherweise. Zugleich sorgt der niedrige Ölpreis momentan für eine Art Konjunkturprogramm in Europa und den USA. Des Weiteren ist der Einfluss von Russland, Saudi-Arabien und den USA bei der Ölpreis-Bildung offen. Ich kann mir vorstellen, dass wir das Tief bei rund 44 Dollar pro Barrel gesehen haben und für eine Weile, vielleicht sechs Monate, in dem Bereich bis möglicherweise 65 Dollar pendeln werden. Ich halte es auch für wahrscheinlicher einen neuen Höchststand beim Ölpreis zu sehen, als einen neuen Tiefststand.

 

- Was bedeutet der derzeit niedrige Ölpreis für die Weltwirtschaft?


Dr. Rainer Ruckteschler: „Der niedrige Ölpreis stellt eine riesige Umverteilung in der Größenordnung von über 1.200 bis 1.500 Milliarden Dollar jährlich dar zu Lasten von Ölproduzenten und zu Gunsten von Ölverbrauchern. Es leiden die großen Öl-produzierenden Länder wie zum Beispiel Russland, Venezuela, Iran oder Nigeria und es profitieren Länder wie Europa aber auch Japan und viele Entwicklungsländer. Der niedrige Ölpreis wirkt wie eine riesige Konjunkturhilfe. Auch in Deutschland sparen die Verbraucher bei jedem Tanken – und geben das Geld am Ende für anderen Konsum aus. Auch die USA profitieren, selbst wenn die Ölfirmen leiden und einige Firmen im Fracking wahrscheinlich sogar insolvent werden.

 

- Und was bedeutet er für neue Projekte?
Dr. Thomas Gutschlag: Wir gehen neue Projekte sehr vorsichtig an. Wir gehen keine größeren finanziellen Verpflichtungen ein, sondern versuchen, uns Optionen zu sichern, die wir ausüben können, wenn die Preise attraktiv genug sind.

 

- Und für Saturn Minerals?


Stan Szary: Saturn Minerals ist fokussiert auf konventionelle Öl-Projekte, die durch vertikale Bohrungen in Produktion gebracht werden können. Das aktuelle Ölpreis-Niveau gefährdet nicht die mögliche Profitabilität im Rahmen einer Entdeckung, da die Produktionskosten von Gebieten dieser Art üblicherweise bei unter 25 Dollar liegen. Die allgemeine Stimmung für Öl-Exploration ist momentan negativ, aber für konventionelle Projekte, wie die von Saturn Minerals interessieren sich professionelle Öl-Investoren umso mehr.

 

- Wie ist der Zeitplan für Saturn Minerals? Wie steht es mit der Finanzierungsseite?


Stan Szary: Wir haben kürzlich das letzte seismische Programm auf dem Bannock Creek Gebiet abgeschlossen und befinden uns in der Genehmigungsphase für die erste Bohrung. Wir haben die finanziellen Möglichkeiten die Arbeiten umzusetzen, aber wir führen auch Gespräche mit Investoren, die unsere Gebiete und uns als Einheit als Investment-Gelegenheit sehen. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass der Ölpreis-Verfall viele neue Interessenten auf die Öl-Branche aufmerksam gemacht hat. Auch Saturn Minerals profitiert davon, denn wenn wir unsere Annahmen durch die Bohrung bestätigen können, dann wird der Wert unserer 1.500 km2 großen Öl-Gebiete vom Markt sicherlich neu bewertet werden.

 

- Meine Herren, vielen Dank für das Gespräch.

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