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Ölpreis auf Rekordfahrt

Der Ölpreis haussiert. Doch ist diese Entwicklung gerechtfertigt? Kann man gar von einer Ölkrise sprechen? Fundamental ist der Preisanstieg schwer zu begründen.

Der Ölpreis haussiert. Doch ist diese Entwicklung gerechtfertigt? Kann man gar von einer Ölkrise sprechen? Fundamental ist der Preisanstieg schwer zu begründen.

Von Olaf Hordenbach

Thema Nummer eins an der Börse war in den vergangenen Monaten der Ölpreis. Mit über 60 Dollar je Barrel (159 Liter) Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) an der New York Mercantile Exchange hat der Ölpreis in den letzten zwölf Monaten um 70 Prozent zugelegt. Fragt man nach den Gründen der rasanten Rallye, erntet man von den Börsianern meistens nur ein Kopfschütteln. Denn so richtig überprüfbare Fakten gibt es nicht, die den Ölpreisanstieg fundamental untermauern. Eher ist es schon ein Mix aus Angst und Spekulation, der die Rekordfahrt anheizt.

Auf der Suche nach neuem Öl

Da ist zum einen die Angst vor einem Ausbluten der Ölreserven. Niemand weiß heute mit Bestimmtheit, wie viel Öl noch in den Tiefen der Erde schlummert. Experten gehen davon aus, dass noch rund 380 Milliarden Barrel im Boden liegen. Doch die Angaben ändern sich fast täglich, da man bei Bohrungen auf immer neue Vorkommen stößt. So hat man jüngst Lagerstätten mit geschätzten 60 Milliarden Barrel Öl gefunden, die rund um die Falklandinseln verteilt sind. Das ist fast so viel wie die nachgewiesenen Ölreserven in Libyen und Nigeria zusammen und noch halb so viel wie im Irak. Große Ölreserven vermuten Experten auch in der Tiefsee, die bisher noch nicht ausreichend erforscht werden konnten. Man geht von bis zu 180 Milliarden Barrel zusätzlich aus, die unter dem Meeresboden verborgen liegen. Und noch ein Umstand spricht dafür, dass die Reserven nicht schon in den kommenden Jahren zur Neige gehen: Die Technik, mit der die Ölvorkommen aus der Erde gepumpt wird, wird immer raffinierter. Cano Petroleum (vgl. aktionär 03/05) zum Beispiel, eine kleine Gesellschaft aus den USA, hat ein neues Verfahren entwickelt, mit dem auch Öl gefördert werden kann, das in schwierigen Gesteinsformationen gebunden ist. Das Unternehmen pumpt eine Art Chemiecocktail in den Boden, der das Öl aus dem Gestein löst. Ausgezeichnete Kenner der Szene, wie etwa Jeroen van der Veer, Chef des Ölgiganten Royal Dutch, sind sich sicher, dass durch solch neue Verfahren der so genannte Recovery-Faktor von derzeit 30 Prozent auf 50 Prozent gesteigert werden kann. Das heißt, dass in Zukunft die vorhandenen Ölvorkommen viel gründlicher ausgebeutet werden können, was noch einmal die Schätzungen über die globalen Ölvorkommen deutlich nach oben bringen dürfte. Auf der jüngsten Hauptversammlung von Royal Dutch zeigte sich van der Veer denn auch zuversichtlich, dass sein Konzern über fünfmal höhere Ölvorräte verfügt, als in der offiziellen Statistik der US-Börsenaufsicht SEC ausgewiesen sind.

Öl ist ein knappes Gut

All dies ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass Öl ein Rohstoff ist, dessen Vorkommen grundsätzlich endlich sind. Irgendwann einmal wird es kein Öl mehr geben beziehungsweise wird sich die Förderung der paar Barrel, die noch im Boden sind, finanziell nicht mehr lohnen. Bis dahin bleibt Öl eine knappes Gut, das einen entsprechend hohen Preis erzielen wird. Ronald Ganz, Präsident der Schweizerischen Erdölvereinigung, ist eher skeptisch bezüglich der Frage, ob der Preis für Öl bald wieder sinken wird. Er bestreitet zwar vehement, dass die Erdölreserven in den kommenden Jahren zur Neige gehen werden, doch insgesamt sei der Ölmarkt von Knappheit gezeichnet. In den nächsten fünf Jahren, so seine Überlegung, werde die Weltnachfrage nach Öl um rund 1,5 Millionen Barrel pro Tag zunehmen. Zugleich werde die Förderung aus alten Ölfeldern aber um 1,2 Millionen Barrel pro Tag zurückgehen. Daraus folgert er, dass bis zum Jahr 2010 rund 13,5 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich gefördert werden müssen. In die gleiche Richtung stößt auch die Internationale Energie-Agentur, die davon ausgeht, dass in 2015 neun Millionen Barrel pro Tag zusätzlich an den Markt gebracht werden müssen, um die nachlassende Förderung aus alten Ölquellen und das Wachstum der Ölnachfrage, vor allem aus China, bedienen zu können. Das wiederum würde aber ein intensives weltweites Suchen nach neuen Ölquellen bedeuten, was jedoch, so Ganz, derzeit sträflich unterlassen werde.Genau diese Überlegungen scheinen es zu sein, die die Börsianer derzeit im Hinterkopf haben, wenn sie auf immer weiter steigende Ölpreise spekulieren. Und dass gerade diese Spekulation den Ölpreis zusätzlich anheizt, steht außer Frage. Nach Einschätzung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sind es vor allem Termingeschäfte, die den Ölpreis in den vergangenen Wochen klettern ließ. Die am Öl-Terminmarkt offenen Positionen sind laut der Daten der US-Regulierungsbehörde für den Futures-Markt, der Commodity Futures Trading Commission, von Ende 2003 bis März 2005 um mehr als 60 Prozent gestiegen.

Keine Ölkrise in Sicht

Erstens muss festgehalten werden, dass Öl zwar ein knappes Gut ist, man derzeit aber von keiner Ölkrise sprechen kann. Zweitens kann unterstellt werden, dass der Preisschub beim Öl in den vergangenen Monaten vor allem das Ergebnis einer Finanzmarktspekulation war. Dabei ist vor allem von Bedeutung, wie die Knappheit beim Öl von den Börsianern wahrgenommen wird. Im Moment haben ganz klar die Risikoerwägungen die Oberhand. Doch die Knappheit des Öls kann auch ganz anders wahrgenommen werden, nämlich als Chance. Je länger der Ölpreis haussiert, desto lukrativer werden alternative Energieträger. Diese können zwar kurzfristig kaum das Öl als Hauptenergieträger ersetzen, doch langfristig beschleunigt ein hoher Ölpreis die Energiewende. Man könnte auch sagen: Je höher der Ölpreis, desto schneller wird das Ende des Ölzeitalters kommen. Sollte sich diese Ansicht an der Börse einmal durchsetzen, ist mit einem deutlichen Rücksetzer beim Ölpreis zu rechnen.

Artikel aus DER AKTIONÄR 29/05

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