DAX
- Michael Schröder - Redakteur

Kapitalmarktexperte Halver: „Wer im Jahr 2016 den Gestank von neuen Bankenkrisen zulässt, hat aus den Stinkbomben des Krisenjahrs 2008 nichts gelernt.“

Der Jahresstart war nichts für schwache Nerven. In den ersten Wochen 2016 schmierte der DAX um satte 17 Prozent ab. Vom Tief bei 8.699 Zählern setzte dann eine Gegenbewegung ein, die den Leitindex sogar wieder über 9.500 Punkte führte. Liegt damit das Gröbste hinter uns, oder droht ein erneuter Rücksetzer?


Nachdem DER AKTIONÄR bereits bei Dirk Gojny von der Essener National-Bank und Nord/LB-Experte Tobias Basse nachgefragt hat, beantwortet heute Robert Halver von der Baader Bank die Fragen vom AKTIONÄR.

Herr Halver, nach dem schwachen Jahresstart hat sich der DAX zuletzt wieder etwas stabilisieren können. Welche Aspekte sprechen aus Ihrer Sicht für eine erneute Fortsetzung der Talfahrt? Sehen Sie eine Parallele zu 2008?

Robert Halver: Wir haben eine Inflation an Krisen: Öl, China, US-Zinswende-Diskussion, weltkonjunkturelle Abschwächung, geostrategische Krisen und das ernste Thema „Eurosklerose“. Denn wenn wir ehrlich, funktioniert Europa nicht. Europa ist zwar ein Debattier- und Subventionsverteilungsverein. Aber als Wertegemeinschaft versagt es kläglich. Das Thema Euro-Sklerose ist zwar kein unmittelbares Thema, aber ein nachhaltiges. Sollte das Ausland sehen, das Europa politisch nicht funktioniert, werden die Kapitalströme austrocknen. Wer will schon in einen Kontinent massiv investieren, der schon bei den Rahmendaten versagt. Weniger Investitionen heißen weniger Arbeitsplätze, weniger Konsum und weniger Steuereinnahmen. D.h. aus der Staatswirtschaft mit Bezahlung der Zeche der Staatsschulden kommen wir nie mehr heraus. Die globale Investitionswelt ist groß und bunt. Auf Europa hat niemand gewartet. Sollten sich die Briten aus der Europäischen Union verabschieden würden, mag es vielleicht um ihre Küche nicht schade sein. Aber käme es zu einem Brexit, dann sind die Bemühungen um Wettbewerb, Marktwirtschaft oder um einen ausgeglichenen Haushalt innerhalb der EU auch weg. Keiner hat dann mehr Muße, seine Wirtschaft zu reformieren, was übrigens auch Deutschland schon lange nicht mehr macht. Der Brexit könnte im Übrigen der erste umfallende Dominostein sein. Spätestens dann sind Europa und die Eurozone - um es mit der australischen Hardrock-Band AC/DC zu sagen - auf dem „Highway to Hell“.

Wie geht es dann weiter?

Dann sind wir mit den Gutmenschen alleine, die meinen, Staatswirtschaft über neue Schulden zu betreiben, die von der EZB als Erfüllungsgehilfen reformunwilliger Politiker finanziert werden müssen. Das wäre der schleichende Tod einer Währungsgemeinschaft und auch einer Europäischen Union. Die europäischen Politiker haben die Pflicht endlich zu begreifen, um was es geht. Nationales Klein-Klein setzt alles aufs Spiel. In unserer globalen Welt sind einzelne europäische Länder nur noch Operettenstaaten. Im Extremfall wird Europa zwischen den Global Playern USA, China und Russland zerrieben wie ein Stück Parmesan in der Käsereibe. Die Politiker müssen begreifen, worum es hier geht. Wenn die gemeinsame EU-Politik versagt, wird Europa auch als Investitionsstandort uninteressanter. Dann gibt es auch weniger Arbeitsplätze, Konsum und Steuereinnahmen. Liebe Politiker, mit der Zukunft Europas spielt man nicht. Virulenter sind die augenblicklichen Probleme. Es riecht wieder etwas nach dem Krisenjahr 2008.

Was riechen Sie derzeit genau?

Die Banken werden zu sehr reguliert in der Form, dass sie auch weniger Kredite vergeben können. Und bei Fracking haben sie auch mitgemacht. Das ist verständlich, weil die gegenüber Staatsanleihen attraktive Renditen boten. Fracking war damals eine sinnvolle Alternative zum Opec-Öl. Jetzt stehen die Banken aber angesichts des rasant gefallenen Ölpreises vor dem Problem, dass schätzungsweise ein Drittel dieser Anleihen akut ausfallgefährdet sind. Und das ausgerechnet jetzt in einer Situation, in denen es den Banken aufgrund massiver regulatorischer Vorschriften ohnehin nicht gut geht. Und wo eine Bankenkrise schwelt, ist auch der Geruch von Staatsschuldenkrise nicht weit weg. Interessanterweise stellen wir fest, dass die Flucht in Qualitätspapiere dafür sorgt, dass deutsche Staatspapiere bei der Rendite wieder in Richtung Allzeittief fallen. Aber in anderen Ländern wie Portugal und Spanien, Italien und Griechenland sieht man Staatspapiere kritischer. Eigentlich ist das absurd, da die EZB mit ihrem Programm mehr Papiere aufkauft als neue Schulden dazukommen. Daran erkennt man die augenblickliche hohe Unsicherheit. Von daher riecht es ein wenig nach 2008.

Im Umkehrschluss: Woher könnten Impulse für eine nachhaltige Stabilisierung und/oder Fortsetzung der Aufwärtsbewegung kommen?

Die Notenbanken haben die Verantwortung, 2016 eine Finanzkrise wie 2008 zu verhindern. Das heißt leider, dass sie aus der geldpolitischen Nummer nicht herauskommen. Wenn man sich vor Augen führt das bereits eine einzige kleine Zinserhöhung der Fed in den Vereinigten Staaten zu einer Kapitalflucht von Asien nach Amerika führt, dann sieht man, wie fragil unser weltweites Finanzsystem ist. Psychologische Finanzmarktberuhigung ist auch in China dringend geboten. Auch im Land der Mitte muss die Geldpolitik den Aktienmarkt stützen. Dieser ist zwar nicht im Entferntesten ein verlässliches Abbild von Chinas Volkswirtschaft. Doch man bedenke die psychologischen Kollateralschäden: Wer finanzwirtschaftlich nachhaltig verunsichert wird, konsumiert und investiert auch weniger. Dann würde der Schwanz mit dem Hund wedeln, obwohl es aktuell keine wirkliche Befürchtung für eine Rezession in China gibt.

Was muss passieren, um diesen Trend zu beenden?

Deshalb muss die KP, die von Planwirtschaft ja Ahnung hat, eingreifen und den Aktienmarkt in China stützen. Leider führt daran kein Weg vorbei, um Schlimmeres zu verhindern. Überhaupt, warum ist man eigentlich so entsetzt, dass China sich von einer export- und investitionsorientierten Wirtschaft hin zu mehr Konsum und Dienstleistungen wandelt? Das ist ein gesundes, weil nachhaltiges, stabiles, wenn auch geringeres Wachstum. Überlegen sie sich einfach, Chinas Wirtschaft würde mit 6,5 Prozent jährlich weiter wachsen. Dann hätten wir es mit einer gigantischen Konjunkturblase zu tun, die natürlich irgendwann platzt. Dagegen wäre das Bersten der Immobilienblase 2008 nur ein Kindergeburtstag gewesen.

Was kann die US-Noitenbak tun?

Für die Fed muss das Motto lauten: Ende der Leitzinswende. Denn wo keine Zinswende, da keine Dollar-Aufwertung und da eine Rohstoffpreiserholung. Rohstoffe und US-Dollar bewegen sich nämlich gegenläufig. Aber auch der disziplinlose Haufen der Opec sollte dringend eine Förderkürzung beschließen, damit der Ölpreis seinen Boden findet und sich nach oben stabilisiert. Das würde die Probleme des Fracking entspannen und den Rohstoffländern mehr Kaufkraft bescheren. Dann hätte man den Ängsten an den Finanzmärkten auch das Wasser abgegraben und der Blick auf die gar nicht so schlechten Fundamentaldaten der Weltkonjunktur würde wieder frei. Sieh das Gute liegt so nah! Aber sie sollten nicht jeweils ihr eigenes Süppchen kochen, sondern sollten sich zusammensetzen und Bandbreiten für die Währungen festlegen.

Wie könnte das im Detail aussehen?

Der weltweite Währungsabwertungswettlauf muss beendet werden. Wenn jeder seine Währung schwach haben will, wird keine Währung schwach sein. Das ist ein Nullsummenspiel. Dadurch entstehen doch nur Fehlallokationen, immer neue Blasen durch viel zu viel Liquidität. Die extremen Schwankungen, die zu real- und finanzwirtschaftlichen Verunsicherungen führen, müssen aufhören. Salopp formuliert: Wir brauchen ein Bretton Woods für Arme. (Anm. der Redaktion: In Bretton Woods wurde 1944 eine neue Weltwährungsordnung mit Bandbreiten geschaffen).

Wie könnte es in Europa weiter gehen?

Die europäische Krise, die Eurosklerose, ist viel schwieriger zu behandeln. Europa muss viel mehr sein als ein Debattier- und Subventionsverteilungsclub. Insbesondere das stärkste Land Europas, Deutschland, muss dem europäischen Gemeinschaftswerk wieder Leben einhauchen. Dazu wird Deutschland aber seinen Preis zahlen: In puncto Stabilitäts- und Migrationspolitik werden wir auf die anderen EU-Länder deutlich zugehen müssen. Nennen wir es Realpolitik. Aber vergessen wir eins nie: Deutschland profitiert von Europa am meisten. Aber das wird ein harter Ritt.

Bemühen wir die Glaskugel: Wohin geht die Reise in den kommenden Wochen und auf 12-Monatssicht?

Die Schwankungsintensität bleibt hoch. Aber ich glaube, dass sich die Aktienmärkte nachhaltig erholen. Der Pflegedienst der Geldpolitik hat verstanden: Wer im Jahr 2016 den Gestank von neuen Bankenkrisen zulässt, hat aus den Stinkbomben des Krisenjahrs 2008 nichts gelernt. Der Ölpreis wird stabilisieren, die Zinswende der USA wird kommen, Geld ist üppig da. Zinsanlagen so attraktiv wie Magenschmerzen. In zwölf Monaten stehen wir wieder bei 11.000 Punkten beim DAX.

Auf welche Aktien sollten Anleger setzen?

Wenn die Märkte wieder zur Ruhe kommen, sollten insbesondere zyklische Aktien gekauft werden. Hierzu zählen unter anderem Maschinenbau-, Elektro-, Automobil- und Chemietitel. Da auf absehbare Zeit der Weltspartag der Volkstrauertag bleibt, sind Dividendentitel eine gute Ersatzbefriedigung zu Zinsanlagen. Wir werden in diesem Jahr insgesamt wieder eine sehr hohe Ausschüttungssumme haben, weshalb Dividendenwerte neben den Zyklikern das A und O sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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