DAX
- Michael Schröder - Redakteur

Kapitalmarktexperte Halver: "Die Allmacht der Notenbanken wurde unterschätzt"

Die Europäische Zentralbank (EZB) will mit unbegrenzten Anleihenkäufen notleidenden Euro-Ländern unter die Arme greifen. Die US-amerikanische Notenbank Fed öffnet ebenfalls erneut ihre Schleusen und bringt ein weiteres milliardenschweres Anleihekaufprogramm auf den Weg. Ist das Thema Schuldenkrise damit nun vom Tisch?

In den vergangenen Wochen hat sich einiges getan an den Finanzmärkten. DER AKTIONÄR sprach mit Robert Halver, Kapitalmarktexperte bei der Baader Bank, über die Auswirkungen der Liquiditätsschwämme der Notenbanken und fragte nach, wie Anleger nun reagieren sollten.

DER AKTIONÄR: Herr Halver, EZB und Fed haben die Geldschleusen geöffnet. Das Verfassungsgericht sagt Ja zum ESM. War das nun der große Wurf? Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

Robert Halver: Jetzt haben wir zunächst Ruhe im Karton. Die Probleme in Euroland sind mit der Aktivschaltung des ESM und der Einrichtung der EZB als Intensivstation der euroländischen Staatsanleihemärkte sozusagen sterilisiert worden. Und die gleiche Rolle übernimmt die Fed in den USA. Die Geldpolitik übernimmt zunehmend die euroländische Staatsfinanzierung und erniedrigt gleichzeitig auch noch drückerkolonnenhaft die Anleiherenditen. Der ESM fungiert dabei als Inkassobüro der EZB. Er soll die Reformaktivitäten der Nehmerländer überwachen. Das wird jedoch nur auf dem Papier erfolgen. Das Motto ist: Sie sähen nicht, sie ernten nicht und dennoch hat sie der ESM lieb.

Wieso ist das so?

Fakt ist, dass Verschuldung in der Eurozone zur Wirtschaftsstabilisierung wieder hoffähig werden wird. Und die negativen Konsequenzen an den Finanzmärkten sollen ESM und EZB nach Meister Proper-Art verhindern.  Der Preis hierfür wird allerdings groß sein. Mehr Verschuldung, mehr Preisdruck bei inflations- und bonitätsunfairer Verzinsung, oder präziser die Beendigung der Marktwirtschaft an den Rentenmärkten.  Der Anleger in Staatspapieren zahlt die Zeche.

Die Eurokrise belastet die Konjunktur. Die wirtschaftliche Dynamik lässt spürbar nach. Wann nimmt der Wachstumsmotor wieder an Fahrt auf? 

Mein Eindruck ist, dass die Weltkonjunktur im nächsten Jahr wieder fahrt aufnimmt.

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Erstens bin ich mir sicher, dass die Sparorgien in Euroland gemäßigter ausfallen werden. Der Wind hat gedreht. Mit der Wahl Hollandes in Frankreich hat die keynesianische Wirtschaftsauffassung wieder Hochkonjunktur. Die Argumentation wird sein, zunächst einmal die Wirtschaft wieder staatsseitig zu stabilisieren und dann zu sparen. Es ist immer das Gleiche.

Und zweitens ...

... bin ich nicht pessimistisch für die USA. Am Immobilienmarkt, in der Industrie - viele nach Asien ausgewanderte US-Unternehmen kommen reumütig zurück, auch weil die Produktionskosten in China beispielsweise zu teuer geworden sind - und am Arbeitsmarkt sind auch gewisse Belebungen zu sehen. In China und Co wird hart an der Stabilisierung der Binnenkonjunktur durch Konsumanreize und den Aufbau eines Sozialversicherungsnetzes gearbeitet.

Und drittens ...

... setzen sich die Notenbanken weltweit - auch in Euroland - konsequent für Konjunkturstützung und nicht mehr Inflationsbekämpfung ein. Eine Weltwirtschaftskrise wie 2009 soll mit allen Mitteln verhindert werden. Dazu wird die Abschwungphase in einem typischen Wirtschaftszyklus auf Teufel komm raus verkürzt.

DAX und Co sind zuletzt deutlich angestiegen. Wie sollten Anleger reagieren?

 Wir haben einen dramatischen Anlagebedarf. Viele institutionelle Anleger sind kaum im Aktienmarkt investiert. Die Allmacht der Notenbanken wurde unterschätzt. Und es wird weiter Liquidität regnen. Ein Ende ist nicht abzusehen, da die Zentralbanken auf Nummer Sicher gehen wollen und daher keinen konjunktur- oder Finanzmarktschock über Liquiditätsabsorbierung oder Zinsanhebungen wagen. Der Blick in die Historie zeigt klar, dass die schönsten Haussen Liquiditätshaussen sind. Es ist zu vermuten, dass der Anlagenotstand viele Investoren in Aktien treiben wird. Nicht zuletzt dürfte die Liquidität auch die Konjunktur und damit die Aktien stimulieren. Immer mehr wird sich auch herauskristallisieren, dass die typische Übergewichtung von Staatsanleihen in deutschen Depots anlagepolitische Verlustgeschäfte sind, da die Inflationierung höher als die Renditen ausfällt.

Eine reine Einbahnstraße aufwärts werden die Aktienmärkte aber nicht sein, oder?

Nein. Wie immer sind schwankungsintensive Kursverläufe einzukalkulieren. An der positiven Einschätzung von internationalen Aktien im Trend ändert dies aber nichts. Eine gesunde Aktienmischung sollte zunächst aus Konjunkturzyklikern bestehen, die bereits 2009 im Annus Horribilis der Weltkonjunktur Steherqualitäten bewiesen haben und die durch die Konjunkturstütze der Notenbanken und den stabilen Wirtschafts-Staus Quo der Emerging Markets profitieren. Hinzu kommen Defensivwerte aus den konsumnahen Branchen mit hohen Dividendenrenditen, die die Zinsen von Festgeld und Staatspapieren deutlich hinter sich lassen. Ich bin ein großer Anhänger von regelmäßigem Aktiensparen. Steigen die Kurse, ist man reicher, fallen sie, bekommt man für seinen Anlagebetrag mehr Anteile.

Also sollen Anleger weiter auf Aktien setzen?

Grundsätzlich sollte man aufgrund der Gemengelage keine Angst vor Aktien, sondern vor zu vielen Staatspapieren haben. Wer heutzutage nur auf Zins- statt auf Sachvermögen setzt, ist ein Spekulant. Und das ist alles andere als deutsche Mentalität.

Vielen Dank für das Gespräch!

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