Evotec
- Michael Schröder - Redakteur

"Investoren wollen die nächste Vertex"

Nach der Premiere im vergangenen Jahr traf DER AKTIONÄR erneut, dieses Mal in München, sieben Vorstandschefs deutscher Biotech-Firmen. Thema der Runde war unter anderen die Akzeptanz der Branche bei den deutschen Investoren. Lesen Sie jetzt den zweiten Teil mit den Highlights der zweistündigen Diskussion.

Nach der Premiere im vergangenen Jahr traf DER AKTIONÄR erneut, dieses Mal in München, sieben Vorstandschefs deutscher Biotech-Firmen. Thema der Runde war unter anderen die Akzeptanz der Branche bei den deutschen Investoren. Hier geht es zum ersten Teil des großen Biotech- Round-Tables.

Was Sie gerade angesprochen haben, Herr Söhngen, ist die Akzeptanz am Kapitalmarkt. Welches Geschäftsmodell hat denn die größte Akzeptanz am Kapitalmarkt?

Dr. Simon Moroney: Ich glaube, niemand weiß das wirklich. Das ist ein bisschen das Problem. Die Investoren wissen das wohl auch nicht ganz genau. Sie wollen die nächste Dendreon oder HGS oder Vertex ...

Und das am liebsten ohne Risiko ...

Prof. Dr. Olaf G. Wilhelm: Wenn Marktkapitalisierung der Maßstab ist, dann ist ganz klar, dass das eigene Geldverdienen, Profitabilität und Risikoinvestment in eigene Produkte durch eigenes Geld, eher honoriert werden als andere Strategien.

Dr. Thorsten Hombeck: Solange es den deutschen Kapitalmarkt betrifft. Ich denke, das hängt vielleicht auch mit der Historie zusammen. Viele deutsche Marktteilnehmer haben, nachdem sie sich bei ein paar Transaktionen ein paar Mal zu oft die Finger verbrannt haben, unabhängig davon, ob es nun Biotech war oder nicht, das Risiko aus ihren Investmententscheidungen herausgenommen. Ich bin überzeugt davon, dass die Herausnahme von Risiko am deutschen Kapitalmarkt zur Zeit honoriert wird.

Dr. Werner Lanthaler: Es gibt aber doch kein Argument gegen etwas, das man konsequent macht. Ich glaube auch, dass der Kapitalmarkt es sogar honoriert, wenn man konsequent scheitert.

Die Aktienkursentwicklung von 4SC nach dem Rückschlag spricht aber dagegen.

Dr. Werner Lanthaler: Das ist aber eine Momentaufnahme. Warten Sie mal zwei Jahre. Es gab in der Industrie schon viele Fashions. Orphan-Drug-Medikamente sind derzeit zum Beispiel nicht mehr so gefragt. Man muss einfach konsequent sein in dem, was man tut und kapieren, dass wenn man auf etwas setzt, es 10 bis 15 Jahre dauert und manch­mal auch fünf bis sechs Jahre länger dauern kann, als man gedacht hat.

Dr. Wolfgang Söhngen: Nehmen wir einmal das Beispiel Genzyme. Es wird oft nur geschaut, wo Genzyme heute steht.  Um das aber wirklich mit uns vergleichen zu können, muss man bedenken, dass  wir sozusagen Unternehmen haben, die noch in den Kinderschuhen stecken im Vergleich zu einer Genzyme, da es zehn Jahre Unterschied sind: Wenn man sich einmal die ersten fünf oder zehn Jahre von Genentech und Genzyme ansieht, dann ist da auch nicht alles so glatt gelaufen. Sie hatten allerdings den Vorteil, dass sie sich immer gut refinanzieren und das aushalten konnten. Und dass deren Aktionäre Unterstützung gegeben haben, wenn eine Genzyme wieder einmal eine neue Firma gekauft hat.

Ein Banker, den ich sehr hoch schätze, hat einmal zu mir gesagt: „Wolfgang, there are a lot of good companies which have been built on a series of bad deals, or not so good deals." Das ist aber etwas, was man in Deutschland nicht umsetzen kann. Aus verschiedenen Gründen. Uns geht es nicht um schlechte Deals, aber leider gibt der Kapitalmarkt in Deutschland derzeit auch wenig Unterstützung für gute Deals.

Dr. Frank Mathias: Ich glaube auch, dass man in Amerika ganz anders damit umgeht. Man akzeptiert das Scheitern und fängt gleich wieder von vorne an. Also die Konsequenz, wie Herr Lanthaler es bereits gesagt hat: "Okay, das hat nicht funktioniert, wir machen weiter." In Deutschland oder in Europa allgemein werden sie zuerst noch richtig bestraft. Da sind sicherlich andere Mentalitäten unterwegs. Im Übrigen, bei den Amerikanern ist Scheitern der Anfang von Erfolg.

Prof. Dr. Olaf G Wilhelm: Vollkommen richtig, aber wir dürfen eines nicht vergessen: In Amerika gibt es einige Erfolgsbeispiele. Beispiele, durch die Investoren schon einen Haufen Geld verdient haben.

Dr. Frank Mathias: Aber deswegen sind wir auch nicht glaubwürdig genug, weil wir noch nicht genügend Erfolge gezeigt haben in Deutschland. Bis vielleicht auf zwei Firmen, die hier vertreten sind. Das fehlt uns noch, die Glaubwürdigkeit, um dann vielleicht in das US-Modell des erfolgreichen Scheiterns reinzukommen. Wir müssen also liefern. Wir müssen endlich mal, ein, zwei, drei Produkte nachhaltig auf den Markt bringen und zeigen: Wir können entwickeln, wir können zulassen, wir können Erstattung bekommen.

Ich glaube auch, wir müssen hier etwas differenzieren. Die Biotech-Industrie als solche ist ja hoch erfolgreich. Nehmen Sie einmal den Pharmamarkt und den Anteil von Biopharmazeutika in Deutschland. Deren Anteil wuchs konstant über die letzten Jahre. Im Moment liegt er bei 17 bis 18 Prozent. Es gibt Gebiete wie Rheuma, da liegt er schon bei 70 Prozent, Onkologie bei 30 bis 35 Prozent. Die Biotechnologie ist ja erfolgreich. Problematisch ist, dass die Produkte bislang nicht von börsennotierten deutschen Biotech-Firmen kommen.

Avastin hatte Genentech damals zum Durchbruch verholfen. Was denken Sie, könnte das nächste "große Ding" sein in der Branche?

Dr. Frank Mathias: Ich würde sagen, es gibt zwei große Trends. Die personalisierte Medizin, die immer mehr an Gewicht gewinnen wird. Aber das ist nicht neu. Ich glaube, der nächste große Trend wird, wir werden gegen Krankheiten impfen. Gegen Alzheimer, gegen Multiple Sklerose, gegen Krebs, vielleicht auch eines Tages gegen Schlaganfall.

Dr. Werner Lanthaler: Das sagt man in der Impfstoffindustrie seit 30 Jahren. Es ist richtig, aber es wird wohl noch einmal 30 Jahre dauern.

Dr. Simon Moroney: Die sogenannte personalisierte Medizin hat aber auch gerade erst angefangen. Wir werden Erfolgsbeispiele sehen in diesem Bereich über die nächsten fünf, zehn, 20 Jahre, die wirklich manche Krankheiten total ändern werden.

Dr. Werner Lanthaler: Oder nehmen Sie Hepatitis C. In dem Bereich haben Firmen wie Vertex und Pharmasset das Feld in den vergangenen zwei Jahren komplett neu gestaltet. Vor 20 Jahren hätte man gesagt: "It's over, nothing can be done." Aber es hat auch zehn Jahre gedauert.

Dr. Wolfgang Söhngen: Alzheimer ist ein Thema, das viele Familien betrifft. Dort wurde in den vergangenen Jahren so viel Geld investiert, dass meine Einschätzung wäre, dass man hier dem Ziel näher gekommen ist, eine Lösung zu finden.

Meine Herren, vielen Dank für das Gespräch.

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| Marion Schlegel | 0 Kommentare

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