Call auf DAX
- DER AKTIONÄR

Hoffen auf Angela

Unmittelbar nach der vernichtenden Schlappe bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen wurden für September Bundestagsneuwahlen angekündigt. Welche Auswirkungen hat ein Regierungswechsel auf die Börse? Experten trauen dem Dax eine famose Rallye zu.

Welche Auswirkungen hat ein Regierungswechsel auf die Börse? Experten trauen dem Dax eine famose Rallye zu.

Von Andreas Deutsch

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Unmittelbar nach der vernichtenden Schlappe bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai kündigten SPD-Parteivorsitzender Franz Müntefering und Bundeskanzler Gerhard Schröder Bundestagsneuwahlen für September 2005 an. Laut den Umfragen dürfte es zu einem Regierungswechsel kommen und Angela Merkel Bundeskanzlerin werden. DER AKTIONÄR sagt, welche Auswirkungen dies auf die Börse hätte.

Dax bei 6.000 Punkten?

Ein Machtwechsel würde nach Ansicht vieler Experten den Reformprozess in Deutschland deutlich beschleunigen. In diesem Fall hätte eine politische Börse - wie das Sprichwort sagt - keine kurzen Beine, sondern sollte den Dax in den nächsten Monaten beflügeln. "Man kann die Situation mit 1982 vergleichen, als Helmut Schmidt von Helmut Kohl abgelöst wurde", erklärt Manfred Piontke, Fondsmanager des FPM Stockpicker Germany, im Gespräch mit DER AKTIONÄR. "Damals waren deutsche Aktien mit einer hohen Risikoprämie belastet, da das Vertrauen der Unternehmen und der Privatleute in die Wirtschaftspolitik der Regierung nicht sehr groß war. Nach dem Regierungswechsel wurde die Risikoprämie rasch abgebaut. Falls nun die Opposition die Wahl gewinnt oder sich frühzeitig ein schwarz-gelber Wahlsieg abzeichnet, dürften deutsche Aktien deutlich zulegen". Im Idealfall traut Piontke dem Dax 5.500 Punkte zu. Hendrik Leber, Fondsberater des Acatis Aktien Global, sieht den fairen Wert des Dax bei 6.000 Zählern. "Soweit könnte der Index aber nur steigen, wenn bei einer neuen Regierung eine exzellente marktwirtschaftliche Politik erkennbar werden würde", sagt der Experte.

Wer sind die Gewinner?

Zu den größten Profiteuren eines Regierungswechsels könnten die Versorger gehören. Sollte die Union als Sieger aus der geplanten vorgezogenen Bundestagswahl hervorgehen, will sie die Laufzeiten für die verbliebenen Atommeiler verlängern. Nach dem 2001 beschlossenen Atomausstiegskompromiss müsste das letzte der derzeit 17 deutschen Atomkraftwerke 2021 abgeschaltet werden. Die Dresdner Bank hatte vor ein paar Jahren die Kosten für den Atomausstieg mit fast 1,8 Milliarden Euro bei E.on und mit rund einer Milliarde Euro bei RWE veranschlagt. Laut Piontke könnten auch Finanzdienstleister zu den Wahlgewinnern gehören. "Ich kann mir vorstellen, dass unter einer schwarz-gelben Regierung die private Alters- und Krankenvorsorge eine noch größere Rolle spielen wird", sagt der Experte. "Vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass die Sozialabgaben den Faktor Arbeit deutlich weniger belasten sollen." Dies würde, so Piontke weiter, zum Beispiel MLP und AWD sehr zugute kommen. Ebenfalls profitieren könnten Konsumwerte. "Falls die Bürger wieder Vertrauen in die Politik schöpfen und optimistischer in die Zukunft blicken, werden sie wieder mehr Geld ausgeben", sagt Piontke. "Das gilt auch für größere Anschaffungen wie Möbel oder Autos." Falls Merkel und Co gleich zu Beginn ihrer Amtszeit mehr in den Ausbau der Infrastruktur investieren, dürften auch Bauwerte wie Bilfinger Berger profitieren. Sollte der Arbeitsmarkt endlich liberalisiert werden, gehörten auch Zeitarbeitsfirmen wie DIS zu den Gewinnern. Kursfantasie gibt es zudem bei Immobilienaktien, denn nach einem möglichen Regierungswechsel könnte die gesetzliche Erlaubnis zur Umwandlung in steuerbegünstigte REITs schneller kommen als erwartet.

Die Merkel-Wette

Wenn - wie es aussieht - eine schwarz-gelbe Koalition an die Macht kommt, dürfte der Dax deutlich zulegen. In diesem Fall werden wohl Versorger, Finanzdienstleister und Zeitarbeitsfirmen zu den größten Gewinnern gehören. Auch Auto-, Bau- und Immobilienaktien sollten Anleger unbedingt auf der Watchlist haben.

 

"Solarboom dürfte anhalten"

Mit Max Deml, Chefredakteur des Öko-Invest, sprach Ingo Hübner

DER AKTIONÄR: Anleger befürchten, bei einem Regierungswechsel könnte das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) modifiziert oder gar gekippt werden. Wie beurteilen Sie die Situation?

Max Deml: Auch eine CDU-geführte Regierung dürfte wohl kaum am EEG rütteln, das im Konsens zwischen SPD und CDU/CSU beschlossen worden ist und an dem mittlerweile über 130.000 Arbeitsplätze hängen. In manchen Bereichen kann sich in Zukunft mehr Wettbewerb ergeben. Das mag für manchen unbequem sein, ist aber für die Solarbranche nicht unbedingt schlecht - auch nicht für gut gemanagte börsennotierte Unternehmen. Für die Börsenkandidaten wie etwa Q-Cells dürfte der Ausgang der Wahl ebenfalls keine dominierende Rolle spielen. Entscheidend werden Geschäftszahlen, Margen und Wachstumsraten sein. Und da haben die Kandidaten einiges vorzuweisen.

Weltweit werden die Rahmenbedingungen für die Photovoltaik immer günstiger. Ist die Branche schon international genug, so dass ihr eventuell veränderte heimische Förderbedingungen keinen größeren Wachstumsknick bescheren?

Das ist von Unternehmen zu Unternehmen sehr verschieden, Sunways hat zum Beispiel eine noch sehr geringe Exportquote. Andere expandieren - nicht zuletzt auch durch Übernahmen wie bei Conergy - relativ stark im Ausland. Einbrüche im Heimmarkt können also kurzfristig bei manchen Unternehmen eine mehr oder weniger große Wachstumsdelle erzeugen, was aber noch lange keinen Umsatzrückgang bedeuten muss.

Welche Titel sind zurzeit Ihre persönliche Favoriten, oder sollten Anleger im Moment die Finger von den Papieren lassen?

Langfristig empfehle ich nach wie vor Solarworld mit intakten Expansionsstrategien auch im Ausland. Mittelfristig halte ich auch Phönix Sonnenstrom für aussichtsreich: Die Aktie könnte prozentuell bis Jahresende sogar am besten von allen deutschen Solartiteln abschneiden. Jeder, der die Finger von dieser Branche lässt, hat bis dato gute Chancen verpasst. Die Wachstumsraten mancher Unternehmen werden in Zukunft zwar geringer werden, aber der Solarboom dürfte weltweit noch einige Jahrzehnte anhalten.

Artikel aus DER AKTIONÄR (23/05).

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