DAX
von Jochen Kauper - Redakteur

Hellmeyer: „Langfristig klare Kaufkurse im DAX“

Der deutsche Aktienindex steht weiter unter Druck. Die Unsicherheit vor den Wahlen in Griechenland sowie die Abstufung 16 spanischer Banken durch die Ratingagentur Moody`s lassen die Kurse weiter purzeln. Dennoch ist der Chefanalyst der Bremer Landesbank Folker Hellmeyer davon überzeugt, dass die Kurse langfristig wieder deutlich höher stehen werden.

DER AKTIONÄR: Herr Hellmeyer, zuletzt kam wieder Unruhe in den Markt. Die Wahlen in Griechenland und Frankreich sorgten für neue Unsicherheit. Ist diese Berechtigt?

Folker Hellmeyer: Die Unsicherheit ist deshalb berechtigt, da die politischen die mikro- und makroökonomischen Gegebenheiter überzeichnen. In Griechenland ergibt sich unter Umständen  bis zu möglichen Neuwahlen eine Art politischen Vakuums. Dadurch wird die Risikoaversion sowohl an den Finanzmärkten als auch in der Realwirtschaft weiter steigen. In Frankreich dagegen sehe ich die Wahl von Francois Hollande als positiven Katalysator für eine Neuausrichtung der europäischen Krisenpolitik. Es ist an der Zeit, ein neues Gleichgewicht zwischen Strukturreformen und Wachstumspolitik herzustellen. Genau dafür steht Hollande. Fakt ist: Wir werden einen Wachstumspakt bekommen - das sagt auch EU-Kommissionspräsident Barroso. Wir reden hier von rund 200 Milliarden Euro, Dabei steht die Europäische Investitionsbank mit einem Programm für Infrastrukturmaßnahmen im  Zentrum des Diskurses mit mittel- bis langfristiger Wirkung. Ein Wachstumspakt sollte allerdings auch einen konsumtiven Teil haben, der sofortige Wirkung zeigt. Denn schließlich brauchen wir auch Anreize, die kurzfristig die Psychologie in den Reformländern positiv beeinflusst. Um das alles etwas bildhaft darzustellen: In der Mixtur brauchen wir rund 75 Prozent „deutsches Schwarzbrot" (Strukturpolitik) und 25 Prozent französische „Art de Confiture" (als konsumtives Element).

Wo haben Sie die größeren Bedenken: Frankreich oder Griechenland?

Die größeren Bedenken habe ich bezüglich Griechenlands. Allerdings möchte ich hier auch zur Nüchternheit aufrufen. Rund 80 Prozent der Bevölkerung sind für einen Verbleib in der Eurozone. Ich erwarte, dass bei einer Neuwahl, die derzeit möglich ist, die Bevölkerung weniger emotional agiert. Deshalb unterstelle ich, dass Pasok und Nea Dimokratia je 3 bis 5 Prozent mehr Stimmen bekommen, um damit eine solide parlamentarische Mehrheit zu stellen.

Das Duo Merkel und Sarkozy ist passe. Müssen sich die Anleger vor Francois Hollande in Acht nehmen?

Grundsätzlich ist Hollande positiv zu bewerten. Das Blatt würde sich wenden, wenn er den Fiskalpakt unterminierte. Mehr noch, wenn Hollande wesentliche Reformen, die bisher in Frankreich umgesetzt worden sind, zurücknehmen würde, wäre das grundsätzlich kontraproduktiv. Das wären Maßnahmen die opportunistisch ausfallen würden. Auch ein zukünftiger französischer Präsident muss realisieren, dass das Geschäftsmodell Frankreichs notwendigen Strukturreformern unterworfen werden muss, um den Ansprüchen nachhaltiger Genesung zu entsprechen.

Am Dienstag gab es gute Konjunkturdaten für Deutschland. Deutschland robust, Spanien, Italien und Griechenland in der Rezession. Wie sieht es denn generell für die nächsten Monate in Europa aus?

Diese geteilte konjunkturelle Entwicklung werden wir in Europa auch weiterhin feststellen können. Durch die politische Krise ausgehend von der Eurozone finden Kapitalströme sowohl in die Finanzwirtschaft als auch in die Realwirtschaft nicht im erforderlichen Rahmen den Weg in die Reformländer. Somit koppeln sich diese Länder vom globalen Konjunkturzyklus ab. Das ist sehr bedauerlich. Denn die Reformen verdienen Respekt, die einzelnen Länder haben sich Kapitalzuflüsse mehr als verdient. Zurück nach Deutschland: die letzten Konjunkturdaten unterstützen eindeutig meine letzten Thesen, nämlich dass wir in der globalen Wirtschaft eine Untersättigung im Lager- und Investitionsgüterzyklus haben. Deshalb mache ich mir keine Sorgen, was die Weltkonjunktur betrifft. Allerdings bin ich enttäuscht, dass die Reformerfolge der Defizitländer nicht thematisiert werden und als Folge die Reformländer aus diesem positiven  Zyklus herausgehalten werden und es so kurzfristig zu weiteren, sachlich unnötigen Stresszuständen kommt.

Die Unternehmens Ergebnisse jedoch sprechen eine andere Sprache. Hier wurden die Erwartungen ja zumeist übertroffen.

Wir haben derzeit eine politische und keine realwirtschaftliche Bewertung an den Märkten. Das ist sehr zu bedauern. Denn die Wirtschaft wird dadurch nicht so über die Kapitalmärkte gestützt wie sie das verdient hätte. Dadurch wird auch ein Stück Investitionstätigkeit temporär unterbunden. Mittel- bis langfristig sind diese Investitionen sicherlich nachzuholen. Die Bewertungen, die wir jetzt an den Finanzmärkten haben, bieten auf lange Sicht gute Einstiegschancen

Deutschland zum Beispiel braucht das „große Geld", sprich die institutionellen Investoren. Glauben Sie, dass diese trotz der wieder erwachten Probleme in Europa bald wieder an den deutschen Markt zurück kommen?

Die andauernde Krise wird uns noch viel länger beschäftigen, als es einige Experten bislang erwarten. Dies stellt natürlich einen außerordentlichen Belastungsfaktor für ausländische  Investoren dar. Sicherlich werden diese an den deutschen Markt zurückkehren, aber erst wenn das Thema Griechenland vom Tisch ist. Die institutionellen Investoren zurück zu gewinnen, ist ein sukzessiver, zäher Prozess. Schließlich haben wir in den letzten 36 Monaten mit unserer zögerlichen Art der Krisenbekämpfung sehr viel Vertrauen verspielt.

Was erwarten Sie für den deutschen Aktienmarkt?

Wir können nicht ausschließen, dass wir aufgrund der politischen Unsicherheiten bis zu den Neuwahlen in Griechenland im DAX noch einmal die Marke von 6.200 oder gar 6.000 Punkte testen werden. Ganz klar, Risikoaversion dominiert derzeit. Die Welt wird sich aber auch nach Griechenland weiter drehen. Man will weiterhin mit hochwertigen Produktionsgütern versorgt werden. Um die Top-Unternehmen im DAX mache ich mir daher keine Sorgen. Ich bleibe weiterhin optimistisch. Mittel- bis langfristig sind das für mich klare Kaufkurse. Der deutsche aktienmarkt gefällt mir besser als der US-Markt.

Welche Branchen, welche Aktien zählen zu ihren Favoriten?

Die Anleger sollten sich derzeit auf jeden Fall nicht zu sehr von Emotionen leiten lassen. Die großen Unternehmen haben seit der Reichsgründung 1871 alle Krisen überlebt. Wer krisensicher investieren will, der kauft die Top-Unternehmen Deutschlands in Schwächephasen zu günstigen Konditionen, beispielsweise aus dem Bereich Maschinen- und Anlagenbau oder der Chemiebranche. Das ist die beste, nachhaltige Absicherungsstrategie die es gibt.

Herr Hellmeyer, vielen Dank für das Interview.

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