DAX
- Michael Schröder - Redakteur

Happy Birthday, DAX! Rückblick, Teil 2

Am 1. Juli feiert der DAX Geburtstag. Der heimische Leitindex wird 25. Die Performance im letzten Vierteljahrhundert kann sich sehen lassen: Seit seiner Einführung hat der DAX jährlich um durchschnittlich 8,6 Prozent zugelegt. Ab 1997 dann auch im elektronischen Handel. Teil 2 des großen Rückblicks.

Mit dem elektronischen Handelssystem Xetra - kurz für „Exchange Elec­tronic Trading" - brach am 28. November 1997 für die Börse ein neues Zeitalter an. Dank schneller Abwicklungszeiten wurden immer mehr Aktien auf Xetra gehandelt. Der Händler auf dem Parkett verlor an Bedeutung. „Emotional betrachtet waren die alten Zeiten für mich die schönsten", so Aktien-Stratege Halver. „Ich erinnere mich an tumultartige Zeiten auf dem Frankfurter Parkett, als die Händler sich noch gegenseitig angeschrien haben. Damals wusste man beim Betreten der Börse sofort, was an der Börse ‚gespielt' wurde. Menschenschlangen am Börsenschalter der Telekom, der Deutschen Bank oder Daimler verrieten mir damals sofort, dass da etwas im Busche war", so der Finanz-Profi.

Negerküsse in 1.000-Stück-Einheiten

Auch Fidel Helmer blickt mit einer Träne im Auge zurück: „Die menschlichen Begegnungen fehlen natürlich schon etwas. Die Händler waren nahezu alle unten auf dem Parkett. Und wenn Stress abgebaut werden musste, dann wurden spaßeshalber schon mal alle möglichen Dinge gehandelt, wie zum Beispiel kiloweise Gummibärchen, Negerküsse in 1.000-Stück-Einheiten. Highlight war sicherlich das Angebot von lebenden Goldfischen eines Kollegen. So hat man dann doch das ein oder andere Mal den Stress abbauen können", schmunzelt Helmer. Er räumt aber dennoch ein, dass er die Zeit nicht zurückdrehen möchte.

Apropos Zeit: Erst im September 1999 haben die Börsen Europas ihre Handelszeiten auf 9:00 bis 17:30 Uhr angeglichen. Vor der Xetra-Einführung hatte die Frankfurter Wertpapierbörse nur von 10:30 bis 13:30 Uhr geöffnet.

Modernisierung hat viel Gutes

Heute haben die Maschinen die Regentschaft übernommen. Von Hektik fehlt auf dem Parkett mittlerweile jede Spur. „Wenn die Eurokrise tobt oder US-Notenbankchef Ben Bernanke seinen mahnenden geldpolitischen Finger hebt, verläuft das leider ohne die aufgepeitschte Stimmung. „Es ist wie bei einem Fußballspiel ohne Zuschauer", trauert Halver der alten Zeit nach. Roger Peeters, Vorstand bei Close Brothers Seydler Research, sieht aber auch die andere Seite: „Natürlich war das Geschehen vor 20 Jahren persönlicher, doch hat die Modernisierung sehr viel Gutes gerade für den Anleger mit sich gebracht." Der Börsen-Profi spricht dabei Dinge wie die Transparenz, Ausführungsgeschwindigkeiten oder Transaktionskosten an. „Gleichwohl ist es schön, wenn etwas Nostalgie erhalten bleibt. Deshalb gefällt mir das heutige Nebeneinander von reinem Computerhandel und dem Spezialistenmodell recht gut", führt Peeters aus.

Infineon-Börsengang ein Highlight

Und dieses Nebeneinander funktionierte vor allem Ende der 90er-Jahre. Bis zum Jahr 2000 kannten die Kurse nur noch eine Richtung. Die 8.000er-Marke wurde erstmals geknackt. Auf dem Höhepunkt der Euphorie kam am 12. März die Siemens-Tochter Infineon zu 35 Euro je Aktie an die Börse. Der Börsengang war 33-fach überzeichnet. Die Aktie stieg am ersten Handelstag in der Spitze auf 85 Euro. Unvergessen die Bilder, als Infineon-Vorstand Ulrich Schumacher mit dem Porsche an der Börse in Frankfurt vorfährt.

Doch dann platzte die Blase: „Als dicker Fehltritt für den DAX erwies sich die Technologie-Blase", sagt Halver. „Obwohl der DAX im Vergleich zum Neuen-Markt-Index deutlich weniger von diesen tagträumenden Unternehmen durchsetzt war, wurde er dessen ungeachtet gewaltig in Mithaftung genommen. Das hat ihn auch viel Reputation gekostet und die Axt an die wachsende Aktienkultur in Deutschland gelegt", führt der Stratege aus.

Die Talfahrt des Leitindex wurde im September 2001, als die Anschläge in New York nicht nur die Börsen, sondern die ganze Welt erschütterten, weiter beschleunigt. Alleine dieses Ergebnis würde Börsenaltmeister Helmer gerne aus seinem Gedächtnis streichen. „9/11 war unglaublich. Anfangs dachten wir alle ja fast, wir sind in einem Science-Fiction-Film. Das war ein Erlebnis, welches ich kein zweites Mal mitmachen möchte", so Helmer.

Auch danach ging es holprig weiter. Im Frühjahr 2003 schickte der erneute Konflikt im Irak die Kurse weiter in die Tiefe. Eine Woche vor Ausbruch des Irakkriegs fiel der DAX auf 2.188 Punkte - und damit auf den tiefsten Stand seit 1995.

Was dann folgte, war der größte Bullenmarkt der DAX-Geschichte. Dieser hielt von März 2003 bis Juli 2007 stolze 1.587 Tage lang an und trieb den Leitindex bis zum Sommer 2007 um 269 Prozent auf 8.105 Punkte in die Höhe.

Krisenerprobter Index

Die Auswirkungen der Subprime-Krise in den USA und der Eurokrise hat der DAX ebenfalls weggesteckt. Schließlich hatte er ja bereits in mehr als 20 Jahren eine Menge Erfahrung darin gesammelt, wie man erfolgreich derartige Kurszusammenbrüche meistert und sogar gestärkt daraus hervorgeht. So setzte der Leitindex im Vorjahr genau dann zu seiner Kehrtwende an, als die Angst der Anleger vor einem kompletten Zusammenbruch des Eurosystems am größten war. Und dass die Konjunktur in Europa sowie den USA noch immer am Krückstock geht, scheint dem Börsenbarometer nur gerade recht. In der Hoffnung auf weiter sprudelnde Geldquellen vonseiten der Notenbanken sowie niedrige Zinsen setzte der DAX seine Klettertour bis vor wenigen Wochen unvermindert fort. „Die weltweiten Notenbanken sorgen mit ihrer Liquiditätsschwemme alternativlos für Ruhe an der Krisenfront", erklärt Halver das Phänomen. „Schon historisch betrachtet waren Liquiditätshaussen die schönsten Aktienhaussen."

Zu wenig Aktionäre

Am 22. Mai 2013 markierte der DAX bei 8.557 Punkten ein Allzeithoch. Dennoch ist die Zahl der Aktionäre in Deutschland weiter sehr gering. Es gibt aktuell rund 4,2 Millionen deutsche Aktionäre - das sind nur rund sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. „Die Aktie war in Deutschland noch nie so verbreitet als Anlageinstrument, wie sie dies in vergleichbaren Industrieländern ist", sagt Franz-Josef Leven, Direktor des Deutschen Aktieninstituts (DAI). „Das liegt zu einem großen Teil an einer allgemeinen Risikoscheu, kombiniert mit gravierenden Fehlvorstellungen über das tatsächliche Chance-Risiko-Profil eines breit gestreuten Aktiendepots", führt der Experte aus. Der entscheidende Schlüssel zur nachhaltigen Steigerung der Quote der deutschen Aktienanleger liegt aus seiner Sicht in einer besseren ökonomischen Bildung. „Das Ziel muss sein, möglichst vielen Privatanlegern den Zugang zu einer langfristig rentablen und sicheren Anlageform zu erschließen", so Leven. Bleibt zu hoffen, dass die deutschen Privatanleger nicht bis zu einem DAX-Stand von 10.000 Punkten warten, um an den Aktienmarkt zurückzukehren. Natürlich muss man mit schwankungsintensiven Aktienkursverläufen rechnen. Dies ist aber kein Grund, nicht in Aktien zu investieren. DER AKTIONÄR hat in den vergangenen Ausgaben mehrfach darauf hingewiesen, dass die Bewertungsniveaus auch auf dem aktuellen Niveau noch immer moderat sind, die Dividendenrenditen in der Durchschnittsbetrachtung höher als Staatsanleihen mit Top-Bonität sind und Aktien sogar einen eingebauten Inflationsschutz haben.

Ausländische Investoren dominieren

Ganz nebenbei bemerkt genießt der DAX auch über die Landesgrenzen hinaus eine großartige Popularität. „Der DAX gehört zu den weltweit Top-5-Aktienindizes. Amerikaner, Engländer, Araber, Chinesen und Russen lieben ihn regelrecht, weil sie damit in einem Aufwasch unsere exportstarken Vorzeigeunternehmen abdecken können, die sie für das Beste halten, was die Industrie weltweit zu bieten hat", erklärt Baader-Bank-Experte Halver. So ist es auch zu erklären, dass im Dezember 2007 erstmals die 30 größten deutschen börsennotierten Konzerne mehrheitlich im Besitz ausländischer Investoren waren. Gegenüber 2005 ist ihr Anteil um 20 auf nunmehr 53 Prozent gestiegen. Mittlerweile liegt der Anteil bei rund 70 Prozent. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Auf die nächsten 25 Jahre

Beim Blick in die Zukunft sind sich alle Profis einig: „Der DAX wird auch in 25 Jahren noch ein gutes Abbild der deutschen Wirtschaft bieten", lautet der Tenor. „Wer in Konjunktur investieren will, kommt am DAX so wenig vorbei wie der Fleischliebhaber an Steak und Schnitzel", hat Börsen-Orakel Halver auch das passende Bild parat. Die Zuneigung der deutschen Kleinanleger sollte daher weiterhin kontinuierlich steigen. Denn auch in puncto langfristiger Altersvorsorge ist und bleibt der DAX eine echte Erfolgsstory - und das vermutlich auch noch über das Gold-Jubiläum im Jahr 2038 hinaus.

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