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- Michael Schröder - Redakteur

Halver: "Fed geht langsam die Munition aus"

Europäische Regierungen bemühen sich darum, den Märkten ihren guten Willen zum Sparen zu beweisen. Die US-amerikanische Notenbank Fed erklärt, ihre Nullzinspolitik voraussichtlich noch mindestens zwei weitere Jahre fortzusetzen. Doch das Vertrauen der Anleger in die Schuldenpolitik der Staaten und der Entwicklung der Weltwirtschaft ist momentan nicht wirklich groß. Die Volatilität an den Aktienmärkten dürfte nach dem Kurseinbruch der letzten Tage weiter hoch bleiben.

Im Hintergrundgespräch mit dem AKTIONÄR erklärt Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, wie er die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten bewertet und worauf sich Anleger nach dem Kursrutsch in den kommenden Wochen und Monaten einstellen müssen.

DER AKTIONÄR: Die US-amerikanische Notenbank Fed hat den Leitzins in der Spanne von Null bis 0,25 Prozent belassen. Sie kündigte an, dass dieser noch mindestens bis Mitte 2013 auf diesem historisch niedrigen Niveau bleiben werde. Damit legt sich die Notenbank erstmals in ihrer Geschichte auf ein Datum für ihre Zinsschritte fest. Wie bewerten Sie diesen Schritt?

Robert Halver: Dass die US-Notenbank den die Funktion des Rettungsankers einnimmt, ist grundsätzlich sehr wichtig für die Stabilität der Finanzmärkte. Wenn aber dieser selbst für die US-Notenbank ungewöhnliche Schritt einer Zweijahres-Garantie für niedrige Zinsen abgegeben wird, sieht man, dass der Fed langsam die Munition ausgeht. Die wirtschaftliche Perspektive kann sie nicht bieten, dafür ist die Wirtschaftspolitik der Regierung zuständig. Diese begnügt sich in den USA aber derzeit mit politischen Scharmützeln und arbeitet nicht zusammen an einem zweiten New Deal für die USA. Hier werden die Hausaufgaben aber nicht gemacht. Grundsätzlich kann die Fed die Lage stabilisieren, sozusagen eine stabile Seitenlage für die Finanzmärkte vornehmen. Eine grundsätzliche Gesundung der amerikanischen Wirtschaft kann sie ohne Unterstützung der Politik aber nicht hinbekommen.

Gleichzeitig senkte die Fed ihre Wachstumsprognosen für die amerikanische Wirtschaft. Wie hoch ist Ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit, dass die USA erneut in eine Rezession abgleiten? Wie steht es vor diesem Hintergrund um Europa und vor allem auch um Deutschland?

Es wäre fatal, wenn die USA ein double dip zeigen würden. Dann wäre nicht nur die Munition der Schulden- und Geldpolitik verpulvert worden ohne nachlegen zu können. Dann würde sich auch die wirtschaftliche Unsicherheit über Europa und vor allem seinen exportorientierten Musterschüler legen. Ohne ein wachsendes Amerika ist die Weltwirtschaft zwar nicht verloren, denn es gibt ja immer noch die Schwellenländer. Aber diese neue Erkenntnis, dass Amerika mittellos im Kampf gegen die Rezession ist, wäre eine neue, unheilvolle Erkenntnis für die Finanzmärkte mit Kollateralschäden für die realen Wirtschaftsprozesse.

Fed-Chef Ben Bernanke ließ offen, ob und gegebenenfalls wann er mit einem neuen Anleihekaufprogramm weitere Milliarden in die Wirtschaft pumpen könnte. Was halten Sie von solchen Maßnahmen?

Bislang haben diese Maßnahmen zwar stabilisierende Wirkung gehabt, keine Frage. Liquidität ist stets ein klares Argument für Finanzmärkte. Aber sie ist auch ein Frühindikator, der signalisiert, dass die Wirtschaft wieder anspringt. Kommt dieser Effekt aber aktuell im Vergleich zu früheren Aufschwungzyklen weniger zum Vorschein, muss man anerkennen, dass oberhalb einer Anschubfinanzierung für die Märkte die Substanz fehlt. Dann sind weitere Liquiditätsmaßnahmen oder sollte man sagen -orgien die letzte Möglichkeit, die Anleger zu zwingen, ihre Überliquidität auch in Aktien zu investieren. Ein nachhaltiger Aufschwung, der auf wirtschaftlichen Erfolgen beruht, ist aber deutlich gesünder.

Worauf müssen sich die Anleger nach dem jüngsten Absturz an den Aktienmärkten in den kommenden Wochen und Monaten einstellen? Wie sollen Anleger reagieren?

Es bleibt unsicher mit Blick auf die Politik in den USA und der Eurozone, weil die wirklich nötigen harten Schritte, die sich eben nicht nur um die Schuldenverwaltung drehen, sondern den Wachstumseffekt beinhalten, nicht klar getroffen werden. Womit wollen die USA und die Länder der Eurozone zukünftig Geld verdienen, um ihre Schulden zu bezahlen? Das reine Sparen bringt keinen klaren Erfolg, wenn es nicht mit einer Wachstumskomponente, die auch den Menschen eine soziale Perspektive bietet, verbunden ist, siehe London. Das reine Kaputtsparen ist nicht erfolgreich. Und anschließend Deutschland als letzten Rettungsanker zu sehen, ist auch für deutsche Anleger nicht befriedigend. Aber der fundamentale Blick auf die Unternehmen, die alles andere als teuer bewertet sind und eine Weltwirtschaft, die immer noch mit vier Prozent wachsen soll, sind deutliche pro-Argumente. Nach der Sommerpause muss die Politik klare Fakten schaffen, damit der Blick auf die Fundamentaldaten wieder frei wird. Also runter mit den Scheuklappen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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