- Andreas Deutsch - Redakteur

Von Guns N' Roses zum Anlageprofi - so investiert ein Rockstar

Duff McKagan hat als Bassist von Guns N' Roses Millionen verdient. Dann hätte er sich fast zu Tode gesoffen. Heute ist er immer noch ein Rockstar und kümmert sich um das Geld anderer Leute.

Ein Mann liegt am Boden. Schwitzt. Zittert. Weint vor Schmerzen. Er ist ein Star, weltbekannt, hat vor Hunderttausenden von Rockfans gespielt und Millionen Platten verkauft. Sein bester Freund kommt zufällig vorbei, findet ihn, bringt ihn ins Krankenhaus. Die Ärzte geben dem Mann Morphium - aber die Schmerzen gehen nicht weg. Er fleht die Ärzte an: "Ich kann es nicht mehr ertragen. Töten Sie mich." Aber die Ärzte töten Duff McKagan nicht. Sie kämpfen fieberhaft um das Leben des Bassisten von Guns N' Roses. Und sie haben Erfolg. Sie stoppen die lebensgefährliche Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Wie durch ein Wunder springt Duff dem Tod von der Schippe. Er ist 30 Jahre alt. Sein Leben fängt von vorne an.

König der Biere am Abgrund

Wenn man diesen durchtrainierten Typen mit der gesunden Gesichtsfarbe heute sieht, kann man sich kaum vorstellen, was er durchgemacht hat. Für Duff, der heute eine professionelle Vermögensverwaltung betreibt, gab es früher lange Zeit nur Sex, Drugs und Rock 'n' Roll bis zum Exzess. Ein Leben, wo nichts mehr ging ohne Alkohol. Morgens nach dem Aufwachen der erste Schluck Schnaps, damit das Zittern aufhört, und dann manchmal tagelang literweise Wodka, dazu Kokain, um mehr Wodka trinken zu können.

Die Depressionen, die der Alkohol bei Duff auslöste, bekämpfte er mit noch mehr Alkohol. Irgendwann litt der Rocker an Delirium tremens, jenem schweren psychotischen Zustand, der bei Menschen mit chronischem Alkoholismus auftritt, charakterisiert durch unkontrollierbares Zittern. Halluzinationen. Beklemmung. Schwitzen. Angstgefühle. Jahrelang machen seine Organe mit, bis 1994 die Bauchspeicheldrüse, normalerweise kaum größer als eine Faust, auf die Größe eines American Footballs anschwillt, platzt und innere Verbrennungen dritten Grades verursacht.

Die Simpsons und das Duff-Bier

"Ich war schon Mitte der 80er-Jahre als großer Trinker bekannt. Man nannte mich auch den König der Biere", sagt Duff heute. "1988 rief mich eine Produktionsfirma an, die an einer neuen Animationsserie arbeitete. Sie fragten, ob sie den Namen Duff als Markennamen eines Bieres in der Sendung verwenden könnten. Ich lachte und sagte, natürlich, kein Problem. Die Sache klang wie ein zweitklassiges Kunstprojekt. Ich ahnte nicht, dass daraus die Simp­sons würden und dass ich innerhalb weniger Jahre, überall wo wir tourten, Duff-Biergläser und -Klamotten auftauchen sehen würde."

Obwohl alle Bandmitglieder soffen und fixten, war die Band überaus erfolgreich. Ihr Debütalbum Appetite for Destruction verkaufte sich weltweit 28 Millionen Mal und ist bis heute eines der erfolgreichsten Rockalben aller Zeiten. Die Alben Use your Illusion I & II gingen zusammen 36 Millionen Mal über die Ladentheke und belegten lange die vordersten Plätze der Charts, genau wie ihre Singles Paradise City, Sweet Child o' Mine und November Rain. Von 1991 bis 1993 tourten Guns N' Roses durch 31 Länder und spielten in 28 Monaten 192 Konzerte, was ihnen einen Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde bescherte.

Axl rastet aus

Guns N' Roses gibt es immer noch, oder besser: wieder, allerdings ist von der alten Besetzung nur noch Axl Rose dabei. Der charismatische Sänger hatte sich mit allen verkracht - Duff, Gitarrist Slash und der Rest zogen irgendwann die Reißleine und machten ihr eigenes Ding. Duff gründete 2002 gleich zwei neue Bands: Loaded und zusammen mit anderen ehemaligen Mitgliedern von Guns N' Roses Velvet Revolver. Beide Bands spielen bodenständigen Hardrock, genau das, was Duff am besten spielen kann.

"Natürlich vermisse ich Guns N' Roses", sagt Duff. "Es ist sehr schade, dass die Band auseinandergegangen ist." Aber die Differenzen zwischen den Musikern waren einfach zu groß geworden, die Gräben zu tief. Axl Rose nervte seine Kollegen zum Beispiel mit seiner notorischen Unpünktlichkeit. Zu den Konzerten erschien der unberechenbare Sänger oft zwei, drei Stunden zu spät, manchmal sogar überhaupt nicht. Oder er brach Konzerte ab, weil ihm irgendetwas nicht passte. Einmal brachte ihn ein fotografierender Fan derart auf die Palme, dass Rose kurzerhand ins Publikum sprang und ihm die Kamera wegreißen wollte. Danach verließ der Sänger wutentbrannt die Bühne und kam nicht wieder. Daraufhin nahmen die Fans die Halle auseinander mit dem Ergebnis von 60 Verletzten, 16 Festnahmen und 200.000 Dollar Sachschaden.

Guns und Geld

Derartige emotionale Ausbrüche oder Allüren sind nicht Duff McKagans Sache. 9:30 Uhr Ortszeit - o. k. für ein Interview oder zu früh für einen Rockstar? "Perfekte Zeit für mich. Ruf mich an." Im Gespräch macht Duff einen tiefenentspannten Eindruck, obwohl er viel um die Ohren hat. Neben der Musik ist er seit knapp zwei Jahren Unternehmer. Zusammen mit den beiden professionellen Investoren Ian Watson und Andy Bottomley gründete er 2011 Meridian Rock, eine Vermögensverwaltung für Personen aus dem Musikbusiness.

"Junge Musiker haben keine Ahnung von Vermögensplanung", sagt Duff. "Sie denken, ihre Karriere geht immer weiter und die Einnahmen sprudeln nur so. Aber das ist ein großer Irrtum. In nur drei bis fünf Jahren kann der Erfolg schon vorbei sein. Deswegen müssen auch Musiker vorsorgen."

Früher habe er das auch nicht gewusst. Bei Guns N' Roses saß das Geld locker. Die Band leaste für ihre Tournee sogar eine Boeing 727 mit Lounges und persönlichen Schlafzimmern für die Bandmitglieder. "Das Geld sinnvoll anzulegen? Darauf wären wir damals nicht im Traum gekommen. Verdammt, es hatte Wochen auf Tour gegeben, in denen ich kaum in der Lage gewesen war, mich an meinen Namen zu erinnern, geschweige denn nachzuvollziehen, wo all unser Geld hinfloss." Als Duff 1994 nach seiner schweren Erkrankung mit dem Trinken aufhören musste, habe er nicht den Unterschied zwischen einer Aktie und einer Anleihe gewusst. "Aber nun hatte ich ja viel Zeit, zu lernen." Duff ging wieder aufs College und studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität. Er stürzte sich mit Fleiß und Leidenschaft in die schwierige Materie und schaffte einen glänzenden Abschluss.

Rocker, kein Zocker

Die Börse fasziniert Duff seit den 90ern. "Damals habe ich zum Beispiel Amazon und Microsoft gekauft", erzählt er. "Ich beobachtete, wie Starbucks in Seattle, Los Angeles und San Francisco eine Filiale nach der anderen aufmachte. Vor den Läden bildeten sich lange Schlangen, der Kaffee schmeckte den Leuten offensichtlich. Also kaufte ich eine kleine Position und später immer mehr dazu." Starbucks-Aktien hat er heute noch, auch Amazon. Die Papiere haben sich seitdem vervielfacht. Ist er Aktien-Multimillionär geworden? "Das weiß ich nicht", sagt er. "Aber ich habe schon gut verdient an der Börse."

Vom Day-Traden hält McKagan nicht viel. "Ich habe kein Problem, mich von einer Aktie zu trennen, wenn bei einem Unternehmen ein Gewinneinbruch droht. Aber eine Aktie kaufen, um sie dann schnell wieder möglichst mit Gewinn zu verkaufen, das ist mir zu unstetig. Lieber kaufen und liegen lassen. Ich bin vorsichtig." Einzelaktien hat er lange keine mehr gekauft. "Ich setze lieber auf Märkte, besonders auf Emerging-Markets-Fonds. Brasilien finde ich wegen seiner Rohstoffvorkommen interessant."

"Hört auf die Alten!"

McKagan bezeichnet sich als sehr wissensdurstig. Seit er trocken ist, liest er viel, Hemingway zum Beispiel und andere Klassiker, aber auch Bücher rund um Finanzen und Wirtschaft. "Ich habe über Präsident Roosevelt und über die Große Depression gelesen und wie Amerika aus dem Schlamassel wieder rausgekommen ist", sagt er. "Das ist faszinierend. Aus der Geschichte kann man sehr viel lernen." Und aus Geschichten. "Man sollte den weisen Alten gut zuhören - zum Beispiel Warren Buffett und George Soros. Sie haben viel erlebt und wissen, wovon sie sprechen."

Obamas Fehler

Von Barack Obama, den er zweimal gewählt hat, hatte er sich indes mehr kluge Entscheidungen erhofft. "Obama hat sich zu sehr auf die Gesundheitsreform konzentriert, statt zur Wall Street zu gehen und wenigstens ein paar von denen zur Verantwortung zu ziehen, die uns mit ihrer Zockerei die Finanzkrise eingebrockt haben. Damit hätte er die Finanzbranche aufgerüttelt und unserer Wirtschaft bestimmt geholfen." Dann nimmt McKagan Obama in Schutz. "Er hat es als erster schwarzer US-Präsident nicht einfach. Viele einflussreiche Weiße haben ihm etliche Male einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Außerdem kämpft Amerika gegen einen riesigen Schuldenberg an." Gelingt dem Staat, der Lokomotive der Weltwirtschaft, ein Comeback? "In Amerika liefern sich verschiedene Nachrichtenkanäle einen erbitterten Konkurrenzkampf und übertreffen sich darin, Untergangsszenarien zu verbreiten. Vielleicht übertreiben sie und es ist alles halb so schlimm. Ich weiß wirklich nicht, was ich glauben soll."

"Deutschland ist stark"

Von Deutschland, das er schon mehrmals besucht hat, hält McKagan einiges. "Ihr müsst euch keine großen Sorgen machen, eure Wirtschaft ist stark, sehr produktiv und effizient. Nur wenn der Euro zerbricht und ihr die Mark wiederbekommt, könnte es problematisch werden. Wer soll sich dann im Ausland eure teuren BMWs noch leisten können?"

Er mit Sicherheit. Aber Statussymbole sind ihm egal. Viel wichtiger ist ihm seine Arbeit: als Musiker, als Vermögensverwalter, als Kolumnenschreiber für zwei amerikanische Onlinezeitungen. Und natürlich seine Frau, das Model Susan Holmes-McKagan, seine Töchter Grace und Mae. Und sein Hobby Kampfsport. "Einfach nur da sitzen und nichts tun, das ist nicht meins. Ich muss etwas zu tun haben, dann bin ich zufrieden." Und heilfroh, dass die Ärzte damals seinen Todeswunsch nicht erfüllt haben.

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