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- Michael Schröder - Redakteur

Griechenland-Pleite, Euro-Krise, US-Rezession: Konsequenzen und mögliche Lösungen

Die europäischen Regierungen bemühen sich intensiv um die Rettung Griechenlands. US-Präsident Barack Obama will mit einem weiteren Konjunkturprogramm die schwächelnde US-Wirtschaft ankurbeln. Die Aktienmärkte arbeiten zeitgleich an einer Bodenbildung. Wie geht es weiter? DER AKTIONÄR fragte nach!

DER AKTIONÄR sprach mit Dr. Marco Bargel, Chefvolkswirt bei der Postbank, über die aktuelle Situation an den Finanzmärkten.

DER AKTIONÄR: Herr Dr. Bargel, selbst innerhalb der Bundesregierung wird inzwischen die Insolvenz Griechenlands nicht mehr ausgeschlossen. Was wären die Konsequenzen für die Euro-Zone und für das Land selbst?

Dr. Marco Bargel: Die Folgen einer ungeordneten Insolvenz sind nach wie vor unkalkulierbar. Der griechische Bankensektor wäre von einem staatlichen Zahlungsausfall stark betroffen und müsste sehr wahrscheinlich rekapitalisiert werden. Griechenland wäre für viele Jahre auf Hilfszahlungen des IWF und der EWU-Mitglieder angewiesen, da eine Rückkehr an den Kapitalmarkt nach einem Default auf absehbare Zeit nicht möglich ist. Bei einem Ausbleiben weiterer Hilfsmittel wären ein nochmaliger starker Einbruch der Wirtschaftsleistung und Massenarbeitslosigkeit unausweichlich. Eine Insolvenz würde auch den Finanzsektor in anderen EWU-Staaten treffen, da Banken, Versicherungen und Fonds signifikante Bestände an griechischen Staatspapieren halten. Sehr viel schwerer würden aber die Ansteckungseffekte wiegen, da die Kurse von Anleihen anderer hochverschuldeter Euro-Staaten weiter einbrechen könnten und die Erträge der Finanzinstitute europaweit unter Druck geraten würden.

Wie sollten die Entscheidungsträger Ihrer Meinung nach agieren?

Griechenland braucht Zeit, um seinen Haushalt auf eine dauerhaft tragbare Basis zurückzustutzen und die notwendigen Strukturmaßnahmen zur Belebung seiner Wirtschaft umzusetzen. Das geht nicht von heute auf morgen. Insofern ist es richtig, den griechischen Staat mit Hilfszahlungen zu unterstützen, damit ein unkontrollierter Zahlungsausfall vermieden werden kann. Gleichzeitig muss aber auch eine Art "Drohkulisse" aufrecht erhalten bleiben, damit der Reformeifer der Griechen nicht erlahmt. Diese muss konsequenterweise auch die Möglichkeit einer Insolvenz beinhalten, die in Wirklichkeit aber niemand will.

China könnte eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der Schuldenkrise in der Eurozone übernehmen. Es heißt, Italiens Finanzminister Tremonti hat sich bereits zu Gesprächen mit dem Chef des chinesischen Staatsfonds getroffen. Wie bewerten Sie solche Meldungen?

China möchte ja bereits seit einigen Jahren seine immensen Devisenreserven stärker diversifizieren. Unter Ertragsgesichtspunkten ist eine Investition in Europa für China keine schlechte Alternative, da die traditionellen US-Dollaranlagen inzwischen nur noch geringe Erträge abwerfen. Außerhalb beinhaltet die starke Konzentration der Devisenreserven auf den US-Dollarraum für China auch ein erhebliches Wechselkursrisiko, da auf längere Sicht eine weitere Aufwertung des chinesischen Yuan unausweichlich ist. Insofern halte ich die Meldungen für glaubwürdig.

Zum Abschluss noch einen Blick über den großen Teich: US-Präsident Obama hat ein weiteres Konjunkturprogramm angekündigt, um neue Jobs in den USA zu schaffen. Wie beurteilen Sie die Situation jenseits des Atlantiks?

Ich halte ein weiteres Konjunkturpaket in den USA für falsch. Es würde nur die Probleme zukleistern, die in Wirklichkeit struktureller Natur sind und durch ein Konjunkturprogramm nicht kuriert werden können. Eine der Hauptursachen für die Hypothekenkrise vor ein paar Jahren war die hohe Ausgabenbereitschaft der Haushalte in den USA. Die daraus resultierenden Ungleichgewichte, insbesondere die hohe Verschuldung, können nur durch verstärktes Sparen abgebaut werden. Das bedeutet, dass sich die USA auf geringere Wachstumsraten einstellen müssen als vor der Krise - das ist die Kehrseite des strukturellen Gesundungsprozesses. Eine weitere Erhöhung der Staatsausgaben durch Konjunkturprogramme würde die Probleme verschärfen und den ohnehin notwendigen strukturellen Anpassungsprozess nur ein wenig in die Zukunft verschieben.

Vielen Dank für Das Gespräch!

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