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- Jochen Kauper - Redakteur

Gerke: „Sehe keine neue Bankenkrise“

Bankenkrise reloaded. Nach den kräftigen Kursverlusten in den vergangenen Wochen gehen die Märkte heute in den Erholungsmodus über. Und trotzdem: Die Marktteilnehmer haben Sorgen um die Liquidität der Banken in Europa. Droht eine Bankenkrise 2.0?

Unter den Marktteilnehmern wächst seit Tagen die Sorge um eine neue Bankenkrise. Die Bedenken sind berechtigt: Wenn die europäischen Banken Abschreibungen auf ihre Anleihebestände vornehmen müssen, könnte das ein oder andere Institut durchaus in Liquiditätsnot geraten.

EZB hellwach

Auch die Europäische Zentralbank blickt mit Sorge auf die aktuelle Entwicklung. Angesichts der Schuldenkrise in Europa nimmt das Misstrauen der Banken untereinander weiter zu: „Banken in bestimmten Regionen des Euro-Gebiets bevorzugen es, ihre überschüssige Liquidität bei der EZB zu deponieren, anstatt sie an andere Banken auszuleihen. Dieses Signal nehmen wir ernst", so EZB-Chefvolkswirt am Montag gegenüber dem Handelsblatt.   Professor Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums, sieht die Situation derzeit noch gelassen: „Es ist zu beobachten, dass die Banken derzeit lieber den sicheren Hafen wählen. Das heißt natürlich schon, dass das Misstrauen wieder gestiegen ist. Ich sehe die Situation allerdings nicht so dramatisch wie bei Lehman Brothers", so der Finanzmarktexperte gegenüber dem AKTONÄR. Gerke geht auch nicht von einer zweiten Bankenkrise aus: „In der Zwischenzeit haben viele Institute die Möglichkeit erhalten, ihre Anleihen an die EZB zu verkaufen, heißt, die Bestände konnten stark zurückgefahren werden. Die Institute haben also zuletzt in großem Stil Risikovorsorge betrieben".

Banken bunkern Geld bei der EZB

Allein zwischen vergangenem Donnerstag und Freitag lagerten die Banken

nach Aussage von Chefvolkswirt Jürgen Stark 90,5 Milliarden Euro bei der EZB ein, anstatt das Geld anderen Instituten zu leihen. Sicher, die Lage ist noch lange nicht so prekär wie zum Zeitpunkt der Lehman-Pleite im Jahr 2008. Zu dem Zeitpunkt stapelten die einzelnen Institute rund 200 Milliarden Euro bei der EZB anstatt diese untereinander zu verleihen. Der Interbankenmarkt kam zu dem Zeitpunkt völlig zum erliegen.

Vorsicht ist angesagt

Aufgrund der anhaltenden Schuldenkrise in Europa werden die Banken untereinander wieder vorsichtiger.  Zu Beginn schielten die Börsianer noch auf die französischen Institute, haben diese doch die größten Bestände an griechischen Staatsanleihen in ihren Portfolios. Auch alle anderen Finanztitel können sich dem Sog der Schuldenkrise in Europa nicht entziehen. Die Commerzbank notiert nahe ihres Allzeittiefs, und auch Deutschlands Branchenprimus Deutsche Bank kommt nicht von der Stelle. Die Anleger machen um Europas Finanztitel einen großen Bogen. Kein Wunder: „Indem die Politik versucht, die Schulden zu sozialisieren, wird alles in einen Haftungstopf geworfen", so Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim gegenüber Welt Online. Das könnte wiederum zum Problem werden, schließlich sei laut Burghof dadurch auch irgendwann die Top-Bonität Deutschlands in Gefahr.

Kein „Big Bang"

Weniger dramatisch fasst Wolfgang Gerke die Situation zusammen: „Wir dürften jetzt so keinen „Big Bang" erwarten. Wir haben die große Finanzkrise hinter uns, aber eben noch nicht ganz verdaut.  Da muss man sich auch langsam wieder herauskämpfen. Das schafft man auch nicht mit einem einzigen politischen Entschluss. Hier gibt es ja aktuell durchaus auch die falsche Erwartungshaltung an die Politiker, die ja derzeit eher in der Rolle der Getriebenen sind, als die Treiber."

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