Facebook
von Florian Söllner - Leitender Redakteur

Facebook-König Peter Thiel: "The Social Network" ist extrem fiktiv

Heute sendet ProSiebenSat.1 den Film "The Social Network". Der deutschstämmige Investor Peter Thiel hat sich schon vor Wochen gegenüber dem AKTIONÄR kritisch zu diesem Film geäußert. Aus aktuellem Anlass: Hier noch einmal das Interview.

Ein Schachzug kann trivial oder genial sein. Talentierte Schachprofis berechnen vor jedem einzelnen Schritt bis zu 20 darauf folgende Züge. Auch im Gespräch mit Peter Thiel - einem der besten Schachspieler der USA - spürt man regelrecht, wie präzise er selbst vor einer knappen Antwort nachdenkt und alle denkbaren Möglichkeiten durchspielt.

Im Jahr 1998 hat Thiel auch als Geschäftsmann Weitblick bewiesen - als Mitgründer des Bezahldienstleister Paypal, welcher 2002 schließlich für 1,5 Milliarden Dollar an den Internetgiganten eBay verkauft wurde. Thiels Anteil war zu diesem Zeitpunkt rund 55 Millionen Dollar wert.

Doch Paypal war nur das Vorspiel zum ganz großen Wurf: Dem spätestens seit dem Hollywood-Streifen „The Social Network" legendären Einstieg von Peter Thiel bei Facebook. Im Jahr 2004 waren die Erinnerung an den Internetcrash zur Jahrtausendwende noch lebendig und nur wenige bereit, ein paar Studenten um Mark Zuckerberg Startkapital anzuvertrauen.

Einsatz ver-2.000-facht

Doch Peter Thiel, antizyklischer Anleger aus Überzeugung, erkannte das Potenzial und investierte in das junge Soziale Netzwerk 0,5 Millionen Dollar. Im Gegenzug erhielt der Investor einen 10-Prozent-Anteil. Ein gutes Investment. Ein sehr gutes Investment. Vor wenigen Wochen hat Thiel das Gros seiner Facebook-Aktien für 1.033,8 Millionen Dollar über die Börse verkauft.

Visionär denkt Thiel nicht nur bei Investments in Internet-Start-ups. Er fördert etwa Projekte zur Entwicklung künstlicher Intelligenz. Der erstaunlich jung gebliebene 44-jährige stellte zudem der Methuselah-Foundation 3,5 Millionen Dollar zur Verfügung. Deren Ziel: den Alterungsprozess stoppen.

Für Aufsehen sorgte auch sein Engagement in das Seasteading-Projekt, welches auf künstlichen Inseln mitten im Meer neue Gesellschaftsformen etablieren will.

Eine weitere, viel diskutierte Initiative: Der Milliardär mit einem Stanford-Abschluss in Philosophie bezahlt jungen Talenten 100.000 Dollar, falls sie ihr Studium abbrechen und eine eigene Firma gründen.

Nicht nur geistig, auch physisch ist Peter Thiel viel unterwegs. Nun besuchte er Berlin.


DER AKTIONÄR: Herr Thiel, willkommen in Berlin. Sie haben nach dem Facebook-Verkauf wieder viel freie Liquidität. Werden Sie sich an deutschen Firmen beteiligen?

Peter Thiel: Grundsätzlich ist es für uns besser, dort zu investieren, wo wir die Menschen und das Umfeld kennen. Doch Deutschland, und gerade auch Berlin, haben gute Chancen sich technologisch sehr gut zu entwickeln.

Was unterscheidet deutsche Investoren von US-Investoren?

In Deutschland gibt es anders als im Silicon Valley in gewisser Weise Angst vor Erfolg. Hier stelle ich fest, dass oft zu früh verkauft wird, weil nicht an den ganz großen Erfolg geglaubt wird.

Wie haben Sie der Versuchung widerstanden, Facebook zu früh zu verkaufen?

Der wichtigste Moment war ein Montag im Juli 2006 als Mark Zuckerberg um 8:30 Uhr ins Meeting kam mit den Worten, heute sei ein guter Tag, um eine 1-Milliarden-Dollar-Offer abzusagen. Wir waren verblüfft und antworteten: „Vielleicht sollten wir bei einer solchen Summe doch kurz darüber nachdenken."

Nach intensiven sechs Stunden Diskussion sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es tatsächlich die bessere Entscheidung ist, dabeizubleiben. Mark Zuckerberg war der Meinung: Wenn ich verkaufen würde, würde ich mit dem Geld ohnehin nur eine neue Social-Media-Plattform gründen. Daher blieb er lieber gleich bei der besten und selbst aufgebauten Firma.

Wenn etwas gut funktioniert, sollte man den Weg weitergehen.

Facebook hat seinen Wert danach auf bis zu 100 Milliarden Dollar vervielfacht. Auch weil man unabhängig geblieben ist?

Ja, oft ist es für Firmen wichtig, lange im Privatbesitz zu bleiben. Dann kann langfristig gedacht und überschüssiges Geld sofort in neue Technologien investiert werden. Das war ein Vorteil von Facebook gegenüber MySpace, da dieses Soziale Netzwerk von News Corp übernommen und damit der Druck größer wurde, sofort Gewinne auszuweisen. Wachstumsfirmen dürfen ruhig anfangs unprofitabel sein, wenn sie investieren.

Im Hollywood-Blockbuster "The Social Network" wurde der Aufstieg von Facebook portraitiert. Gefällt Ihnen der Film?

Nun ja. Der Film war extrem fiktiv. Es hat die Technologie-Industrie so dargestellt, als ob man nur auf Kosten anderer gewinnen könnte. Ich habe eine andere Erfahrung gemacht: Wenn gemeinsam gute Sachen vorangetrieben werden, können alle gewinnen. Zudem wurde dargestellt, Facebook sei ein glücklicher Zufall gewesen, der ein paar Freunden zufällig in den Schoß gefallen sei. Doch es gab in Wirklichkeit zunächst langes, tiefes Nachdenken, wie sich die Welt und das Internet in den nächsten Jahren entwickeln könnten.

Tatsächlich spielt sich das Leben - ähnlich wie im Film Matrix - mittlerweile oft über Computer beziehungsweise nur noch in den Köpfen der Menschen ab. Wenige gehen körperlich zu Freunden und schütteln echte Hände. Ist das ein Fortschritt?

Ob Soziale Netzwerke das Leben der Menschheit besser und glücklicher machen, hängt davon ab, was sie ersetzen. Es wäre eine sehr schlimme Sache, wenn das Internet menschliche Beziehungen im realen Leben ersetzen würde. Aber wenn es TV-Konsum oder andere passive Beschäftigungen substituiert, ist es ein Fortschritt. Ich stehe der digitalen Entwicklung daher sehr positiv gegenüber. In heutigen Sozialen Netzwerken geht es immerhin grundsätzlich um wirkliche Menschen.

Ich sehe, Sie nutzen ein iPad. Wie intensiv surfen Sie täglich im Internet?

Ich bin kein typischer Internetfreak. Ich nutze es relativ normal, maile, verfolge Firmen, in die wir investiert sind und lese sehr viel.

Welches Buch begleitet Sie in Berlin?

Aktuell habe ich ein altes Lieblingsbuch, „Herr der Ringe", bei mir. Ich genieße es sehr, es ist beim zweiten Mal lesen noch besser als beim ersten Mal.

Während Tolkien nur im Geiste eine neue Welt geschaffen hat, sind Sie an einem Projekt namens Seasteading beteiligt, welches in der Realität neue Insel-Gesellschaften gründen will. Wann ziehen Sie um?

(lacht) Es ist ein sehr kleines Nebenprojekt. Wir sind über Freunde darauf aufmerksam geworden und haben uns daran beteiligt. Doch ich werde wohl nicht auf eine Insel ziehen.

 Dafür sind Sie offenbar viel zu beschäftigt. Ihre Investmentfirma Founders Fund ist an dutzenden privaten Technologiefirmen beteiligt. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Investments aus?

Es gibt vier entscheidende Faktoren, die über eine gute Firma entscheiden: 1. Technologie, 2. der Netzwerkgedanke bei den Kunden und im Vertrieb, 3. Skalierbarkeit, 4. die Marke.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Apple. Apple erfüllt dies alles bestens. Apple könnte wohl allein wegen der Marke Smartphones 100 Dollar teuerer verkaufen als die Konkurrenz.

Sie würden also nach den starken Kursgewinnen noch Apple-Aktien kaufen?

Apple macht fast alles richtig. Es gibt nur einen Punkt, der mich skeptisch macht: Technologiefirmen sind immer sehr abhängig von ihren Gründern. Apple steht vor der großen Herausforderung Steve Jobs zu ersetzen.

Jeder würde gerne die nächste Apple,  Facebook oder Zynga, wo Sie auch Frühphaseninvestor waren, finden? Was raten Sie?

Grundsätzlich empfehle ich bei Investments, sehr antizyklisch zu handeln. Gute Investment-Ideen sind immer einzigartig. Hören Sie von mehreren von einem Trend, ist es meist schon viel zu spät, einzusteigen. Halten Sie Ausschau nach der Idee, von der niemand spricht.

Insofern sind Sie zurückhaltend bei großen Mainstream-Trends?

Ja. Ich bin etwa skeptisch, was den Cloud-Trend angeht. Es gibt viele Firmen, die nur investieren, um „dabei zu sein" bei diesem Hype, ohne dass die Produkte Sinn machen. Vor allem das Thema Big-Data halte ich für völlig überschätzt. Wichtiger als die pure Quantität der Daten ist der intelligente und effiziente Einsatz von Daten. Eine grandiose Firma aus diesem Bereich, von der Sie noch viel hören werden, ist etwa Palantir. (Anm. d. Red.: Nach einer Art Kristallkugel aus einem Tolkien-Roman benannt; noch nicht börsennotiert)

Grundsätzlich glauben Sie aber an neue Technologien?

Ja, unbedingt! Sehen Sie, bereits in den 50 und 60er-Jahren gab es in allen Bereichen beeindruckende Zukunftsvisionen von Städten unter Wasser oder der Begrünung von Wüsten. Das vermisse ich heute. Das hängt sehr direkt mit dem derzeit tiefen Pessimismus in Nordamerika aber auch Westeuropa zusammen.

Eines der Symptome der technologischen Stagnation ist, dass man bei Technologie nur an Computer und das Internet denkt. Das ist zu engstirnig. Die Zukunft sind auch die Raumfahrt, fliegende Autos, Robotik oder Biotech.

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in den USA ein?

Die Frage ist, kann die US-Wirtschaft künftig mit vier bis fünf Prozent wachsen oder nicht. Gelingt es, ist alles gut - doch falls nicht, wird es angesichts der hohen Schulden sehr gefährlich. Ich vermisse Innovationen und die starke Förderung von Technologie.

Bringt die US-Wahl Impulse?

Ich würde es gerne sehen, wenn in der politischen Landschaft in den USA offener über die Probleme und Herausforderungen geredet werden würde.

In Deutschland gibt es aber eine sehr aufrichtige Diskussion über die Eurokrise, was der erste Schritt zu einer richtigen Lösung ist.

Eine Frage noch: Raten Sie unseren jungen Lesern tatsächlich ihr  Studium abzubrechen?

Bildung ist eine gute Sache. Doch die Frage ist, sind es für die persönliche Entwicklung relevante Inhalte. Gerade in den USA werden Studienabschlüsse überbewertet. Nicht jeder sollte sein Studium abbrechen, aber jeder junge Mensch sollte zumindest darüber nachdenken, ob er nicht einen individuelleren Weg einschlagen sollte.

Vielen Dank und gute Heimreise!

| Florian Söllner | 0 Kommentare

Facebook und Whatsapp: Grünes Licht

Die EU-Kommission hat Facebook grünes Licht für den milliardenschweren Kauf des Kurznachrichtendienstes Whatsapp gegeben. Die Übernahme entspreche den EU-Regeln, weil Facebook Messenger und Whatsapp keine engen Konkurrenten seien, teilten die obersten Wettbewerbshüter Europas am Freitag in Brüssel … mehr
Diskutieren Sie mit:
Um einen Kommentar zu schreiben, müssen Sie eingeloggt sein.
Sie besitzen noch kein Login? Dann registrieren Sie sich kostenfrei.

  • Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Das DAF Deutsches Anleger Fernsehen ist über ASTRA digital sowie über verschiedene Kabelnetze frei zu empfangen. Darüber hinaus ist das Programm über das eigene Online-Portal www.daf.fm zu sehen, sowie über das IPTV-Netz (Entertain) der Dt. Telekom. In der kostenfreien Mediathek stehen sämtliche Beiträge und Interviews - mittlerweile über 35.000 Videos zu mehr als 3.000 Einzelwerten - zur Verfügung.