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- Jochen Kauper - Redakteur

Experte Thomas Gebert: „Die Notenbank gehört abgeschafft“

Den Entscheidungen der US-Notenbank verdanken wir die letzten beiden Rezessionen. Wenn der Zusammenhang zwischen Zinsen und Wirtschaftstätigkeit so einfach wäre, wie die Notenbanken vermuten, würde die Konjunktursteuerung keine Probleme bereiten. „Dann könnte sie Konjunktur wie ein Auto auf einer geraden Landstraße mit minimalen Lenkbewegungen immer in der Spur halten. Wächst die Wirtschaft ein wenig zu stark und die Inflation droht, würde sie Zinsen minimal erhöhen und bei einer zu schwachen laufenden Konjunktur ganz wenig senken. So sollten sich doch bis in alle Ewigkeit eine Inflationsrate von zwei Prozent und ein Wachstum von drei Prozent einstellen lassen. Doch dem steht ein Phänomen entgegen, das der Bankier Philipp von Bethmann beschrieben hat. Sinkende Zinsen sind hohe Zinsen und steigende Zinsen sind niedrige Zinsen. Läuft die Wirtschaft zu schwach, senkt die Notenbank die Zinsen. Da die Marktteilnehmer von da an mit sinkenden Zinsen rechnen, tritt genau das Gegenteil von dem erwünschten Effekt ein: Die Firmen nehmen keinen Kredit, sondern sie warten damit, weil die Zinsen sinken, um später zu günstigeren Konditionen Kapital aufzunehmen. So tritt das Gegenteil vom gewünschten Effekt ein: Die sinkenden Zinsen lähmen die Konjunktur. Will die Notenbank die Konjunktur mit steigenden Zinsen abbremsen, nehmen die Unternehmen schnell noch Geld auf, da die Kredite ja bald teurer werden. So kurbeln steigende Zinsen die Konjunktur an. Durch diesen Effekt kommt es zu den großen Ausschlägen im Konjunkturverlauf. Seit 20 Jahren steuert die amerikanische Notenbank wild in der Gegend rum, wie ein betrunkener Autofahrer seinen Wagen auf der Landstraße“, sagt Börsenexperte Thomas Gebert.

Rauf und runter
Seit 1999 ging es mit dem Zins von sechseinhalb Prozent runter auf eins, wieder hoch auf fünf und wieder runter auf null. „Durch dieses wilde Georgel haben wir vermutlich zwei von der amerikanischen Notenbank verursachte Rezessionen erlebt, die vom Jahr 2002 und die von 2008. Vorher hatten sie jeweils das Steuer wild rumgerissen und die Zinsen auf absurde Höhen getrieben. Ohne zu wissen, dass sie damit das Gegenteil erreichen. Hätten sie in den letzten 20 Jahren die Zinsen einfach bei zwei Prozent belassen, wären uns vermutlich die beiden Rezessionen inklusive der Finanzkrise erspart geblieben. Eine wirkliche Inflation mit galoppierenden Preisen hat nie gedroht. Die Zinsexzesse in Jahr 2000 mit über sechs Prozent und im Jahr 2007 mit über fünf Prozent waren überflüssig. Genauso wenig hat jemals eine echte Deflation vor der Tür gestanden. Die Preise hatten wegen des fallenden Ölpreises nachgegeben. So erklärt sich auch, warum nach 2012 die Wirtschaft bei uns in den USA nicht in Fahrt kam. Die sinkenden Zinsen und vor allem die Erwartung auf weiter sinkende Zinsen verzögerten die Kreditaufnahme. Bezeichnenderweise hat sich die Weltkonjunktur erst seit Mitte des letzten Jahres langsam erholt, im Zuge der in den USA steigenden Zinsen und auch in Erwartung der bald steigenden Zinsen in Europa. Wir befinden uns also nun, nach den Jahren mit dem flauen Wachstum wegen der sinkenden Zinsen, in einer deutlichen Wirtschaftsbelebung wegen der steigenden Zinsen. Zunächst wirkt sich dies noch positiv auf die Aktien aus. Steigende Unternehmensgewinne winken. Wichtiger sind jedoch die Zinsen. Mittelfristig entpuppen sich steigende Zinsen für die Aktien als sehr ungünstig. Ein Wirtschaftsboom wirkt auf die Aktienkurse eher kontraproduktiv. Die schwache Wirtschaftsentwicklung in den letzten Jahren mit den niedrigen Zinsen trieb die Kurse dagegen in ungeahnte Höhen. Wir befinden uns also nun in der typischen Endphase einer Aktienhausse, die noch einmal neue Höchstkurse liefern kann - bis uns die US-Notenbank wieder in die Leitplanke donnert“, lautet das Fazit von Thomas Gebert.


Mehr von Thomas Gebert gibt es unter www.gebertbrief.de.

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| Thomas Bergmann | 0 Kommentare

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