DAX
- Andreas Deutsch - Redakteur

Experte schlägt Alarm: Vorsicht bei der Dividende

Ulrich Hanke, der Autor von „Börsenstars und ihre Erfolgsrezepte“, warnt davor, Dividendenguru Michael O’Higgins misszuverstehen. Halte man sich an die Strategie, könne man den Markt klar schlagen.

DER AKTIONÄR: Herr Hanke, Sie sehen den Dividendenboom kritisch. Was stört Sie daran, wenn die Anleger auf hohe Dividendenrenditen statt auf Zinsen setzen?

Ulrich W. Hanke: Ich habe ein Problem mit der Aussage: Die Dividende ist der neue Zins. Beim Zins habe ich die feste Zusage über seine Höhe. Das ist bei der Dividende nicht der Fall. Die kann auch mal sinken oder gar ausfallen. Außerdem gibt es einige Unternehmen, die schütten die Dividende – manchmal zum Teil, manchmal komplett – aus der Substanz aus. Das ist fatal.

Aber es kann doch mal vorkommen, dass es bei einem Unternehmen nicht ganz so gut läuft?

Ja, aber man muss dann genau eruieren, wie es um das Unternehmen bestellt ist. Schauen Sie sich doch zum Beispiel mal die Deutsche Bank an. Die hat zuletzt einen Verlust verbucht, will aber eine Dividende von 19 Cent je Aktie zahlen – sehr wahrscheinlich um die Gemüter zu beruhigen.

Aber Michael O’Higgins empfiehlt doch in seiner „Dogs of the Dow“-Strategie, die Dogs, also die Verliereraktien, zu kaufen.

Richtig, aber er sieht Dividenden nicht als Zinsersatz an. Er will den Markt schlagen. O’Higgins hat nämlich herausgefunden, dass Verliereraktien, also die Dogs, oft die Gewinner im darauffolgenden Jahr sind. Deshalb rät er dazu, die zehn Aktien aus dem Dow Jones auszuwählen, die die höchste Dividendenrendite aufweisen. Diese Firmen schütten im Verhältnis zum Kurs entweder einen besonders hohen Gewinnbetrag aus oder ihr Aktienkurs ist einfach besonders niedrig – und um Letzteres ging es O’Higgins hauptsächlich. Die Auswahlprozedur sollen Anleger zu Beginn jedes Jahres wiederholen und ihr Depot entsprechend anpassen – mehr nicht. In der Regel sind jährlich drei bis vier der zehn Titel auszutauschen.

Wie erfolgreich ist die Strategie?

In den vergangenen zehn Jahren haben die Dogs im Schnitt mit jährlich 9,5 Prozent rentiert, während der Dow Jones durchschnittlich 8,9 Prozent pro Jahr zugelegt hat. Noch besser haben die Small Dogs, auch bekannt als Low Five, abgeschnitten. Dabei handelt es sich um die fünf Dogs mit dem optisch niedrigsten Kurs. O’Higgins’ Idee dahinter: Die Low Five sehen aufgrund ihrer Kurse günstiger aus als die anderen Aktien. Tatsächlich ist das natürlich nicht der Fall, es scheint aber auf die Anleger­psyche zu wirken. In den vergangenen zehn Jahren haben die Small Dogs zehn Prozent pro Jahr zugelegt.

Welche sind derzeit die Small Dogs?

Verizon, Pfizer, Cisco, Coca-Cola und Merck.

O’Higgins’ Strategien haben viele Nachahmer gefunden. Auch der DivDAX wurde vom Reiz der Dividende inspiriert. Was halten Sie davon?

Ich warne davor, die Strategie vom Dow einfach auf den Dax zu übertragen. Klar, im Backtest seit 20. September 1999 sieht die Performance toll aus: Da liegt der DivDAX 80 Prozentpunkte vor dem DAX. Aber aufgelegt wurde der DivDAX erst am 1. März 2005. Seitdem hat der DAX 272 Prozent zugelegt und der Dividendenindex nur 265 Prozent.

Würden Sie sagen, die Dividende wird derzeit generell überschätzt?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Dividende ist wichtig und macht oft einen großen Anteil an der gesamten Performance aus, aber sie ist nicht das wichtigste Kriterium. Ich persönlich achte sehr auf Momentum, Wachstum und Umsatz. Der Gewinn ist nicht so entscheidend, den kann ein Unternehmen nämlich leicht etwa durch Rückstellungen beeinflussen, den Umsatz aber nicht. Die Dividende ist ja nur ein Teil des Gewinns und hat für sich genommen ohne Ausschüttungsquote wenig Aussagekraft.

Wie viele große Investoren haben denn besonderen Wert auf die Dividende gelegt?

Nur O’Higgins und Benjamin Graham. Warren Buffett wurde das auch mal nachgesagt, dabei ist das völlig falsch. Buffett findet es viel besser, wenn ein Unternehmen seinen Gewinn anstatt auszuschütten reinvestiert, um weiter zu wachsen. Seine Investmentholding Berkshire Hathaway hat übrigens noch nie eine Dividende gezahlt.

Vielen Dank für das Interview.

 


 

Börsenstars und ihre Erfolgsrezepte

Autor: Hanke, Ulrich W.
ISBN: 9783864703782
Seiten: 272
Erscheinungsdatum: 30.06.2016
Verlag: Börsenbuchverlag
Art: gebunden
Verfügbarkeit: als Buch und als eBook erhältlich

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten finden Sie hier

Von den großen Investoren kann man sich einiges abschauen – doch was ist für Privatanleger wirklich brauchbar? Ulrich W. Hanke nimmt die Strategien von Benjamin Graham, Warren Buffett, Michael O’Higgins, Joel Greenblatt, John Neff, Peter Lynch, Ken Fisher, William O’Neil, James O’Shaughnessy, Martin Zweig, David Dreman und Anthony Gallea unter die Lupe. Hinzu kommen populäre deutsche Börsenstrategen wie Max Otte, Uwe Lang und Susan Levermann. Hanke analysiert die Methoden der Börsenlegenden und arbeitet heraus, wie die Systeme funktionieren, welche Kennzahlen und welche Werte dabei wichtig sind. Er gibt Anlegern Filter und Checklisten an die Hand, mit denen sie in den Fußstapfen der Börsenstars wandeln können.

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