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- Michael Schröder - Redakteur

Experte: "Die USA haben kein ernsthaftes Schuldenproblem, sondern ein Wachstumsproblem"

Die letzten Tage hatten es in sich. Kaum hatten sich die streitenden Parteien in den USA auf eine Lösung in der US-Schuldenkrise geeinigt, kam der nächste Schlag in Form schlechter Konjunkturdaten. Dazu gesellte sich die Angst, dass die Wirtschaft weltweit wieder in eine Rezession zurückfällt. Zu allem Überfluss flammte auch die Schuldenkrise in Europa wieder auf. Wie geht es weiter?

Im Hintergrundgespräch erklärt Simon Betschinger, Herausgeber des TradeCentre-Börsenbriefs und Verantwortlicher des Börsenportals MasterTraders, wie es in den USA weiter geht und worauf müssen sich die Anleger in den kommenden Wochen und Monaten an den Finanzmärkten einstellen müssen.

DER AKTIONÄR: Der US-Schuldenstreit wurde in letzter Sekunde beigelegt. Bei vielen Experten ist die Einigung in Washington auf eine Anhebung der Schuldenobergrenze sowie auf Ausgabenkürzungen mit Skepsis aufgenommen worden. Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand der Dinge?

Simon Betschinger: Die USA haben kein ernsthaftes Schuldenproblem, sondern ein Wachstumsproblem. Ich tätige diese Aussage ganz bewusst. Die FED hat bereits US-Staatsanleihen für über eine Billion US-Dollar in ihre Bilanz genommen. Die Zinsen, die die FED dafür kassiert, überweißt sie ans US-Finanzministerium. Im Notfall wird Ben Bernanke, das hat er angekündigt, weitere Staatsanleihen aufkaufen. Ein weiteres Faktum ist: 20 Prozent des Vermögens sind in den Händen von einem Prozent der US-Bürger. Noch haben die Republikaner Steuererhöhungen für Reiche verhindern können. Ab der nächsten Wahl dürfte sich das ändern und dann kann der Haushalt über die Einnahmeseite sehr schnell gesunden. Umfragen in den USA zeigen, dass die Tea Party Aktivisten keine Mehrheit in der Bevölkerung haben. Um die USA mache ich mir geringere Sorgen als um Europa.

Aber auch in Europa brodelt es weiter gewaltig. Gut zwei Wochen nach dem Euro-Gipfel zur Stabilisierung der Euro-Zone sind die Märkte wieder auf Krisenmodus. Die Risikoprämien für italienische und spanische Anleihen steigen deutlich an. Brechen die beiden Schwergewichte der Euro-Zone unter der Zinslast zusammen?

Spanien und Italien werden sich nicht mehr von alleine aus dem Schuldensumpf ziehen können. Das ist ein ernsthaftes Problem, denn wenn die politischen Führungsspitzen jetzt falsch reagieren, droht die Schuldenkrise auch Deutschland zu erfassen. Die falsche Reaktion wäre eine Aufstockung des EU-Rettungsfonds. Das würde meiner Einschätzung nach nicht die Anleihekurse von Spanien und Italien stabilisieren, sondern deutsche Staatsanleihen ebenfalls unter Druck bringen. Jeder vernünftige Mensch weiß, dass Deutschland im Notfall nicht auch noch spanische und italienische Schulden übernehmen könnte. Wenn eine Ausweitung des EU-Rettungsfonds tatsächlich kommen sollte, rechne ich mit einer kurzen Erleichterungsrallye, die dann aber schnell in einen Crash übergeht. Ich würde dann Short-Positionierungen eingehen.

Thema Währungen: Haben Euro und Dollar ausgespielt? Welche Alternativen gibt es?

Nein, im Gegenteil. Die Schuldenproblematik muss getrennt von den Währungen betrachtet werden. Der Euro wird auch existieren, wenn Griechenland oder etwa Portugal Pleite gehen. Sein Wert orientiert sich an dem Produktionspotenzial der Euro-Zone. Solange BMW Autos bauen und exportieren kann, um das ganze auf ein simples Beispiel zu reduzieren, hat der Euro einen realen Wert. Die EZB führt ohnehin eine zu restriktive Geldmengenpolitik. Von Geldentwertung kann nicht die Rede sein. Mir wäre sogar eine deutliche Geldmengenausweitung lieber. Man muss sich um den Euro keine Sorgen machen.

DAX & Co kollabieren. Gold und Silber haussieren. Worauf müssen sich die Anleger in den kommenden Wochen und Monaten einstellen?

Wenn der EU-Rettungsschirm erweitert wird, dann gehe ich Baissepositionierungen ein, weil ich glaube, dass dann auch deutsche Staatsanleihen in die Knie gehen. Wenn eine Lösung der Schuldenproblematik über eine starke EZB-Intervention erreicht wird, dürften sich die Aktienmärkte schnell erholen. Anleger sollten daher die wöchentlichen Berichte der EZB über das Anleiheaufkaufprogramm gut verfolgen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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| Thomas Bergmann | 0 Kommentare

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