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- Florian Söllner - Leitender Redakteur

Exklusiv: „Explosion des Euro“ – Gold, Bitcoin oder Merkel die Lösung?

Wird der Euro wertlos, stürzen die Banken in die Insolvenz? Buchautor Dr. Markus Krall fürchet in Kürze den großen Knall. Für Aktien bedeutet dies Risiken – aber auch enorme Chancen, sobald die EZB in Panik verfällt und eine Hyperinflation auslöst.

Herr Dr. Krall, vor einem Jahr haben Sie mit dem Buch der „Der Draghi-Crash“ den Kollaps des Bankensystems prognostiziert. Noch ist davon wenig zu sehen – die Deutsche Bank hat jüngst überraschend starke Zahlen vorgelegt.

Dr. Markus Krall: Ich wünsche mir, ich würde nicht recht behalten mit der Euro-Crash-Prognose. Bleibt alles gut, mache ich eine große Flasche Champagner auf. Doch schon im zweiten Halbjahr wird die Konjunktur schwieriger. Auch bei den Banken werden wir mehr und mehr von Ertragseinbrüchen lesen. Das kann Vorbeben bei den Märkten auslösen. Das Problem ist, dass 2020 die erste große Gruppe von Banken defizitär wird. Die Wahrscheinlichkeit des großen Crashs liegt leider bei über 50 Prozent. Wir haben höchstens noch eine 20- bis 30-prozentige Chance, mit Cost-Cutting und Deregulierung – Compliance macht 20 bis 25 Prozent der gesamten Kosten der Banken aus – den Zusammenbruch 1,5 Jahre hinauszuzögern.

Was ist das Problem der Banken?

Das Geschäftsmodell funktioniert bei niedrigen Zinsen nicht mehr. Es ist, wie wenn man einen Fisch an Land wirft und er Sand atmen soll.

Bei manchen Kennzahlen scheint die Lage jedoch nicht akut.

Die Nullzinsen verzerren die Ratings, was die Erkennung der Risiken verhindert. Eine Kennzahl zur Zinstilgungsdeckung etwa macht bei Nullzinsen keinen Sinn. Auch Liquiditätskennzahlen sind nicht sinnvoll, wenn man billig Linien einkaufen kann – ohne die Gesamtbilanz zu verbessern.

Und die Versicherungsbranche?

... hat die gleichen Probleme, nur spricht keiner darüber. So gibt es keine Wege, die versprochenen Mindestrenditen für die Kunden ohne hohe Risiken zu erwirtschaften. Das geht nur, wenn man die Reserven angreift. Die gute Performance der letzten Jahre wurde aufgebläht durch die auf Maximalkurse gestiegenen Anleihen. Doch kommt die Zinswende, führt es zu Verlust in den länger laufenden Anleihen von 35 bis 40 Prozent, die sofort abgeschrieben werden müssen. Am Ende werden wohl große Teile der Spareinlagen verloren sein.

Sind die Banken noch „too big to fail“?

Die Verschuldung der Weltwirtschaft ist in den letzten Jahren ungebremst nach oben gegangen. Solange die Bankbilanzen immer weiter wachsen, werden wir das Problem nicht in den Griff bekommen. Selbst jetzt noch strebt die Politik Fusionen als die Lösung an. Ein intaktes Bankensystem ist aber wichtig. Es muss das absehbare Umkippen der Zombieunternehmen überleben.

Wo sehen Sie die „Zombies“?

Unternehmen, die ohne die Subvention ihrer Kapitalkosten durch den Nullzins pleitegehen würde. Eine überdurchschnittlich betroffene Branche ist der Retailhandel, weil hier der Wettbewerb mit Ebay, Amazon, Alibaba einen Strukturwandel erzwingt.

Wie kam es zu dieser Zuspitzung in der Währungs- und Wirtschaftspolitik?

EZB und Regierungen haben ja selbst gesagt, man will erst einmal Zeit kaufen. Doch man löst mit dem Signal „wir retten euch“ keine Probleme und gibt keine Anreize, Reformen umzusetzen, was nötig wäre. Zeit kaufen hat nicht aus dem Problem he­raus-, sondern hineingeführt.

War es aus Ihrer Sicht politische Naivität?

Ich glaube nicht an Verschwörungen, eher an die Inkompetenz der handelnden Personen. Dem liegt ein naives oder falsches Verständnis von Wirtschaft zugrunde.

Wieso sind die Kritiker in der Minderheit?

In der Volkswirtschaftslehre gibt es eine Schieflage. Die Politik subventioniert mit viel Steuergeld eine Schule, die Keynesianische Schule, die eigentlich keinen Erklärungsansatz hat für das, was gerade passiert, weil es eine Pseudowissenschaft ist. Doch die Keynesianische Schule wird gefördert, weil es die Exkulpation für die „Geld-Gießkanne“ liefert, für den Stimmenkauf mit dem Geld anderer Leute – das ist eine spezielle Form der Korruption.

Eine große Rolle in dieser Geldpolitik fällt EZB-Chef Mario Draghi zu. Kritiker sagen, mit dem Erwerb von Staatsanleihen hoch verschuldeter Staaten wie Italien oder Spanien betreibe er „verbotene Staatsfinanzierung“. Hätte er gestoppt werden können?

Ohne die Rückendeckung der Kanzlerin hätte Draghi diese Nummer der versteckten Staatsfinanzierung nie durchziehen können. Völlig ausgeschlossen. Hätte die deutsche Bundesregierung darauf hingewiesen, dass es ein Vertragsverstoß ist, dann hätte man das Thema nicht angefasst. Ein großer Teil der Enteignung der Sparer fließt im Übrigen in die Kassen von Bund und Ländern, durch eine reduzierte Zinslast. Das ist eine Art Bestechungsgeld, damit die EZB das tun kann, was sie will.

Aber nimmt diese Politik der Deeskalation nicht Risiken von den Deutschen?

Klar nein! Wenn diese Politik die Folgen zeitigt, die ich erwarte, wird primär der deutsche Bundesbürger in Haftung genommen.

Sie fürchten, dass in einer Krise die Target-2-Schulden doch beim Sparer landen?

Man müsste im Worst Case die Bundesbank mit Maßnahmen wie einer Zwangs­anleihe auf alle Immobilien rekapitalisieren. Wir haben in der Geldpolitik seit Jahren das Recht verlassen. Die langfristige Folge sind solche Dinge. Wir sind ganz nah dran.

Gibt es eine einfache Lösung – dass sich Ungleichgewichte ohne Crash auflösen?

Wir haben ein zu großes Ungleichgewicht geschaffen, um durch eine normale Krise bereinigt zu werden. Wir haben zu viel aufgestaut. Wenn wir irgendwann schlechte Unternehmen durch eine Anpassung der Zinsen aussortieren lassen, muss man da­rauf achten, dass nicht das gesamte System kollabiert und es auch gesunde Firmen hinwegfegt. Ohne eine große Krise kommen wir aus der Sowjetisierung der Wirtschaft nicht mehr heraus.

Wieso erst „irgendwann“ die Wende?

Die EZB kann jetzt im Moment keine Zinswende machen. Sie würde sofort die Kon­trolle verlieren. Es gibt kein schlüssiges Konzept, wie man mit der dann folgenden Krise umgeht. Doch es gibt noch andere Faktoren, die den Crash auslösen können: Chinakrise, Bankenkrise, Handelskrieg oder sogar ein echter Krieg. Es gibt viele Szenarien, die dieses Ungleichgewicht entfesseln.

Fall es ohne Schmerzen nicht geht – könnte die Lösung der Krise in einer für Verbraucher unschönen Inflation liegen?

Den Versuch, die Inflation anzukurbeln, sehen wir seit einigen Jahren. Das könnte funktionieren, um den Realwert der Schulden zu senken. Doch der Ansatz der EZB ist nicht zielführend in diesem Sinne. Die EZB untergräbt die Erträge der Banken, womit die Geldmenge insgesamt stagniert.

Angst vor dem „Ketchup-Flaschen-Effekt“? Oft kommt die Inflation überraschend.

Ja, die Gefahr ist trotzdem da, das ist das Paradoxe. In dem Moment, in dem die Zombie-Kredite kippen und Banken hinterher, dann wird die Geldmenge reduziert, was zu einem heftigen deflationären Druck führt. Dann wird es massive andere Maßnahmen geben – Geld mit allem Mitteln in den Markt zu drücken über Eigenkapital, Fremdkapital, Helikoptergeld – in einer Panikreaktion, um der Krise Herr zu werden. Das würde dann massiv zu einer Steigerung der Geldmenge und am Ende zu einer Hyperinflation führen. Ein deflationäres, aber auch ein superinflationäres Szenario würden den Euro in die Luft sprengen.

Also konkret: Erst ein Aktiencrash und dann Mega-Blase durch Inflation?

Das Szenario ist wahrscheinlich, doch nur Genies werden wohl das richtige Timing erwischen. Mein Tipp: Jetzt kurzlaufende Anleihen außerhalb des Euroraumes und einige starke, defensive Aktien. Flexibel sein, um bei einem Crash in vielleicht zwei Jahren günstig einsammeln zu können. Eine Komplettentwertung des Euro ist möglich. Doch vor einer Hyperinflation würde es einen Währungsschnitt geben und der Euro durch nationale Währungen ersetzt werden.

Sind Kryptowährungen eine Alternative?

Wir haben im Bitcoin eine Blase gesehen, da viele aus Angst vor dem Crash hierhin geflüchtet sind. Doch die technische Struktur ist noch nicht dafür gemacht, den Euro komplett zu ersetzen. Bereits bewährt haben sich als Hafen Gold oder Silber.

Kann die jetzige Politik das Problem lösen?

Auch das politische System braucht eine Reform an Haupt und Gliedern. Die alten Volksparteien CDU/CSU und SPD müssten sich im Fall der großen Krise reformieren – oder untergehen. Wenn sie sich nicht verändern, wird es neue, erfolgreiche Partien geben. Eine ist ja schon da.

Vielleicht gibt es ja doch das Happy End. Merkel wird nachgesagt, sie denke langfristig „vom Ende her“.

(lacht) Das halte ich für komplettes Wunschdenken.

Dieses Interview ist in der AKTIONÄR-Ausgabe 32/2018 erschienen.

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| Thomas Bergmann | 0 Kommentare

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