3 D SYS
- Markus Bußler - Redakteur

Dirk Müller: "Für mich ist 3D-Druck der Megatrend für die nächsten Jahre im Industriebereich"

Revolution oder Blase? Kaum eine Technologie wird derzeit so kontrovers diskutiert wie die des 3D-Drucks. Während Kritiker die nächste Blase wittern, sprechen Optimisten vom nächsten großen Wurf nach der Einführung des Internets. Auch Börsenexperte Dirk Müller ist begeistert.

Im Interview mit dem AKTIONÄR spricht Mr. DAX über die Möglichkeiten, die der 3D-Druck vor allem der Industrie eröffnen wird. Er glaubt, dass diesem Bereich ein riesiger Boom bevorstehen wird. "Das ist die Demokratisierung der Produktion", sagt Müller.

 

Herr Müller, Sie haben die Aktie von 3D Systems als eine ihrer Lieblingsaktien empfohlen. Wie sind Sie zum ersten Mal mit 3D-Druckern in Kontakt gekommen?

Bei unserem Börsenbrief Cashkurs Trends arbeite ich mit einem Trendforschungsinstitut zusammen, das sich mit Themen aus Technik und Gesellschaftsforschung auseinandersetzt. Dort hat man mich bereits vor eineinhalb Jahren auf das Thema aufmerksam gemacht. Damals hieß es: Das wird ein Megatrend der nächsten Jahre werden. Daraufhin haben wir das Thema aufgelistet und die Player gesucht, die dabei mitspielen. Allerdings sind wir auch erst auf dieses Thema aufgesprungen, als die Aktien anfingen, Gas zu geben. An der Börse besteht auch die Gefahr, dass man zu früh dran ist. Für mich ist 3D-Druck der Megatrend für die nächsten Jahre im Industriebereich.

Abe Reichental, Chef von 3D Systems, hat vor kurzem 3D-Drucker mit der Einführung des Internets verglichen. Glauben Sie an einen ähnlichen Siegeszug?

Das Internet hat im Prinzip zu einer Demokratisierung der Information gesorgt. Und das gleiche macht der 3D-Druck in der Produktion. Früher waren wir abhängig von großen Fabriken. Jeder, der früher etwas erfunden hat, brauchte sehr viel Geld, da er eine Fabrik benötigte, die Formen herstellt und das Produkt dann gegossen hat. Zu diesen zentralisierten Produktionsstätten gesellte sich natürlich ein entsprechender Vertrieb. Mit 3D-Druck ist es möglich, auch nur ein einziges Stück herzustellen, zu minimalen Kosten. Man muss es nur entwerfen und designen. Dann kann man es am Computer entwerfen und ausdrucken. Künftig wird man auch Dinge, die man entworfen hat, 3D-einscannen und dann in allen möglichen Materialen und Farben wieder ausdrucken. Damit kann man auch Klein- und Kleinstserien fertigen und verkaufen. Damit ist jeder in der Lage, selbst Dinge zu entwerfen, zu designen, zu produzieren und zu verkaufen. Und das ist die Demokratisierung der Produktion. 

Derzeit sind 3D-Drucker praktisch nur für die Industrie von Bedeutung. Bei Airbus hat man die Vision, dass im Jahr 2050 Flugzeuge von 3D-Druckern hergestellt werden. Ist das nur eine verrückte Vorstellung, wie es sie in Hype-Phasen von neuen Technologien immer wieder gibt?

Ich glaube nicht, dass es bis 2050 dauert. Heute schon druckt die Nasa Teile ihrer Raketen aus. Daimler druckt in den Designabteilungen schon Teile aus. Der 3D-Druck wird im industriellen Maßstab heute schon eingesetzt. Schauen Sie nach Hollywood: Das Auto aus dem neusten James Bond ist komplett ausgedruckt worden. Wir sind längst über diese Versuchsphase hinaus. Es gibt bereits jede Menge Anwendungen, ernsthafte Anwendungen. Das erinnert alles noch sehr an die Anfänge des Computers. Auch hier hat sich eine Technologie explosionsartig entwickelt. Beim 3D-Druck handelt es sich um eine Technologie, die industriell hochinteressant ist. Dadurch fließt viel Geld in die Entwicklung dieser Maschinen hinein. Es wird einen riesigen Boom in diesem Bereich geben. Die Möglichkeiten lassen sich heute noch kaum erahnen. Was hier derzeit hergestellt wird, ist nichts anderes als der Replikator aus der Serie Raumschiff Enterprise.

Aber wenn wir uns die privaten Haushalte ansehen: Hier ist der 3D-Drucker faktisch noch nicht vorhanden. Glauben Sie wirklich, dass sich das in den kommenden Monaten und Jahren ändern wird?

Ich weiß nicht, ob es notwendig sein wird, dass jeder private Haushalt in Kürze einen 3D-Drucker zu Hause stehen hat. Das ist letztlich eine Frage des Preises. Zwar wird irgendwann der Punkt kommen, an dem ein 3D-Drucker genauso zu einem Haushalt gehört wie eine Kaffeemaschine. Das wird dann der Fall sein, wenn man alle möglichen Haushaltsgegenstände ausdrucken kann. Und noch einmal: Das ist keine Frage des ob, sondern des wann. Dann muss niemand mehr warten, wenn er etwas bestellt hat, sondern kann es sich in wenigen Minuten zu Hause ausdrucken. Davon sind wir aber noch etwas entfernt. Aber es gibt bereits Firmen, die Objekte im Auftrag ausdrucken und diese dann an den Designer verschicken.



Glauben Sie, dass sich die Konsumgewohnheiten von Menschen durch 3D-Drucker in den kommenden Jahrzehnten verändern werden?

Definitiv. Aber nicht nur die Konsumgewohnheiten, sondern auch die Produktionsgewohnheiten. Das wird für Europa ein spannendes Thema. Europas Stärke liegt in der Innovation seiner Ingenieure. Bislang ist man aber im nächsten Schritt abhängig von Billigproduzenten in Asien. Dort werden die Produkte teilweise von Kindern hergestellt und anschließend mehrere Wochen mit Containerschiffen nach Europa zurück geschippert. Und das wird wegfallen. Die billige Arbeitskraft, die etwas zusammenschraubt, fällt weg und wird von dem 3D-Drucker ersetzt. Man kann künftig auch Kleinstserien an komplexeren Gegenständen aus Kunststoff herstellen. Die Herstellungskosten werden also deutlich sinken und die Transportkosten fallen weg.

Es gibt Bericht, wonach es künftig mit speziellen 3D-Druckern möglich sein soll, Fleisch auszudrucken, das man auch essen kann. Hand aufs Herz: Können Sie sich vorstellen, auf einer Grillparty gedrucktes Fleisch auf den Grill zu legen?

Das ist auf jeden Fall realistisch. Aber nicht nur im Nahrungsbereich ist das interessant, sondern vor allem im medizinischen Bereich. Es ist heute schon möglich, mit 3D-Druckern Enzyme und Molekülketten herzustellen, die funktionieren und stabil bleiben. Mediziner können heute schon lebendes menschliches Gewebe ausdrucken. Man kann heute schon Knochen drucken, die man auch einsetzen kann. Im nächsten Schritt wird man Haut ausdrucken und verwenden können, um damit beispielsweise Opfern von Verbrennungen zu helfen. Und, auch wenn das unglaublich klingt, derzeit wird sehr viel Geld investiert, um in Zukunft auch Organe ausdrucken zu können. Hier spielt künftig auch die Bionik mit rein. Damit wird auch der Cyborg, den man aus verschiedenen Filmen kennt, immer realistischer. Und wenn es um das Thema Essen geht: Vielen Menschen, die sich um den Tierschutz sorgen, wird es vielleicht leichter fallen, ein ausgedrucktes Stück Fleisch zu essen, das aus Molekülketten zusammengesetzt wurde. Dann wissen sie, dass kein Tier dafür geschlachtet worden ist. Und ganz ehrlich: Wer gerne Fleischkäse isst, sollte sich vielleicht ohnehin nicht zu viele Gedanken machen, was er da genau isst.

Herr Müller, wir danken Ihnen für das Interview.

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