- DER AKTIONÄR

Die Stunde der Propheten

Von Ingo Hübner

Jedes Jahr Anfang Januar spielt Byron Wien, Top-Stratege bei Morgan Stanley, den Wahrsager und riskiert einen Blick in die Zukunft, um der Finanzwelt schließlich seine "Liste der zehn Überraschungen" vorzulegen. Es gibt allerdings eine Einschränkung: Seine Prophezeiungen treten nur mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent ein. Für 2005 hat Wien eine besonders spektakuläre Vision parat: Auf dem Roten Platz in Moskau wütet das Volk und es kommt zu einer Neuauflage der Russischen Revolution. Natürlich bricht auch der russische Aktienmarkt zusammen. "Der autokratische Führungsstil Putins wird zusammen mit der in Moskau vorherrschenden Korruption das Fass zum Überlaufen bringen und eine zweite Russische Revolution auslösen", so der Stratege.

Japan wieder in der Rezession

Auch für Japan ist Wien wenig optimistisch: "Das Land wird wieder in eine Rezession zurückfallen, nachdem sich herausstellt, dass das Wachstum Chinas nicht ausreicht um die Hochkosten-Ökonomie zu stützen". Der Nikkei 225 Index wird deswegen wieder auf das Niveau von 10.000 Punkten sinken. Dem Thema Rohstoffen widmet Wien gleich mehrere Prognosen: Der Ölpreis wird sich zur volatilsten Größe entwickeln. Aufgrund vorübergehender Überschussproduktion auf der einen und Lieferengpässen auf der anderen Seite wird er zuerst auf 30 Dollar sinken, um später wieder auf 60 Dollar zu steigen.

Rohstoffe haussieren

Folgerichtig sieht Wien Aktien von Öl-, Gas-, und Kohleproduzenten wie etwa Weatherford, Haliburton, Peabody und Consol Energy auf der Gewinnerseite. Starke Preisanstiege prophezeit er auch bei Agrarerzeugnissen wie Mais, Sojabohnen oder Weizen. Als Auslöser dafür dienen ihm eine sommerliche Trockenphase und ein globaler Anstieg der Nachfrage, auch aufgrund des weiterhin starken Wachstums in China. Davon profitieren würden die Gesellschaften Archer Daniels Midlands und Bunge.

Crash am Rentenmarkt

Nicht weniger spektakulär ist Wiens Crashwarnung für den Rentenmarkt: Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen wird im zweiten Halbjahr auf sechs Prozent steigen und die US-Notenbank wird den Leitzins in mehreren Schritten auf 4,25 Prozent hieven. "Alan Greenspan wird eingestehen müssen, dass die realen Zinsen zu lange zu niedrig waren", so Wien. Für den Dollar ist er ebenfalls skeptisch. Seiner Meinung nach wird er gegenüber dem Euro weiter deutlich an Boden verlieren, so dass der Wechselkurs auf 1,50 Dollar/Euro steigt.

Dow & Co. treten auf der Stelle

Aufgrund dieser Konstellationen wird auch der US-Aktienmarkt nicht von der Stelle kommen. Natürlich stehen derartige Prognosen in krassem Gegenteil zu den vorherrschenden Meinungen. Doch was teilweise absurd klingt, wird von Investoren ernst genommen. Zwar irrt auch Wien - wie zuletzt in 2004 -, dennoch haben sich seine Prognosen schon oft als erstaunlich treffsicher erwiesen und nicht selten die Märkte bewegt. Zudem prognostiziert er Ereignisse, die bis dahin niemand auf seinem Radar hatte.

Artikel kommentieren:

Um einen Kommentar zu schreiben, müssen Sie eingeloggt sein.
Sie besitzen noch kein Login? Dann registrieren Sie sich kostenfrei.

  • Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Videos zum Thema:

Der Aktionär TV