- DER AKTIONÄR

Die politische Bombe tickt

Wo könnte es in diesem Jahr noch unentdeckte Chancen für lukrative Investments geben? Wo lauern Gefahren? Marc Faber bestätigt auch in diesem Interview seinen Ruf als konträr denkender Prophet der Finanzmärkte.

Wo könnte es in diesem Jahr noch unentdeckte Chancen für lukrative Investments geben? Wo lauern Gefahren? Marc Faber bestätigt auch in diesem Interview seinen Ruf als konträr denkender Prophet der Finanzmärkte.

Der Aktionär: Hedge Fondsmanager machen die geringe Volatilität an den Finanzmärkten für ihre schwache Performance verantwortlich. Ist das nur die trügerische Ruhe vor dem Sturm?

Dr. Marc Faber: Die Schwankungen - global gesehen - sind zwar derzeit sehr niedrig, doch innerhalb einzelner Marktsegmente gab und gibt es durchaus sehr hohe Volatilitäten. Nehmen sie etwa das Kupfer, Erdöl oder manche Währungen. Auch der Kunstmarkt stieg letztes Jahr um 29 Prozent, Kaffee und Zucker sogar um 80 bis 100 Prozent. Ähnlich stark boomten Stahl- oder Schiffahrtstitel. Die asiatischen Börsen ex Japan legten auf Dollarbasis um 27 Prozent zu. High-Tech-Werte sind dagegen deutlich abgesackt. Also, wenn Hedge Fonds ihre schlechte Performance mit den geringen Volatilitäten begründen wollen, dann ist dies schlichtweg falsch. So hätten etwa Euroanleihen mit einem Leverage von Zwei zu Eins gut 12 Prozent Rendite eingebracht- und das bei geringem Risiko. Allerdings erwarte ich in der Tat, dass schon bald Entwicklungen eintreten könnten, die die Börsen in heftige Unruhe versetzen würden. Denn 2003 und 2004 waren absolut außergewöhnliche Jahre, in denen alles gestiegen ist- mit Ausnahme des Dollars. Immobilien, Rohstoffe, Kunst, Aktien, Anleihen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wo werden die ersten Divergenzen auftreten, was also wird diesmal fallen? Oder wird zur Abwechslung sogar alles fallen? Ich glaube, dass die Finanzmärkte in den kommenden Monaten vielen Investoren noch einiges Ungemach bereiten werden.

Bisher scheint das Jahr 2005 aber in den gewohnten Mustern zu verlaufen...

Ja, bisher. Aktien, Renten, Rohstoffe- alles ist weiterhin im Anstieg begriffen, sogar der Dollar hat sich kräftig erholt. Doch der schöne Schein trügt, denn im Untergrund brodelt es gewaltig. Der Grund für die allgemeine Hausse ist einfach: Die ganze Welt wird derzeit von einer ungeheuren Anlagewut heimgesucht. Die unverantwortliche Zinspolitik in den USA hat den Globus in einem noch nie da gewesenen Ausmaß mit Geld überschwemmt. Und dieses Geld muss investiert werden. Die Folge: Festverzinsliche Titel bringen immer weniger, immer mehr Anleger weichen in ihrem Drang nach Rendite auf risikoreichere Anlagegüter aus. Die logische Folge: Derzeit gibt es kaum etwas, das nicht schon teuer geworden ist. Die Suche nach richtig billigen Werten gleicht immer mehr der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. Doch eine derartige "Asset Price Inflation", ein rasanter Preisanstieg bei Finanzinvestments und Immobilien, ist weitaus gefährlicher als die herkömmliche Inflation, also ein Anstieg der Konsumentenpreise. Daher ist für mich schon jetzt klar, dass ein erheblicher Teil dieser Investments und damit des Geldes wieder vernichtet werden wird- das ist nur eine Frage der Zeit. Die Märkte werden FED-Chef Alan Greenspan einen Teil seines Jobs abnehmen. Dann ist Cash wieder King.

Wo würden Sie potenzielle Unruheherde lokalisieren?

Meiner Ansicht nach wird die steigende Volatilität weniger von einem Zins- oder Währungsschock ausgehen, sondern von politischen Spannungen, die sich in einem kriegerischen Konflikt entladen. Die meisten Leute sind mir viel zu stark auf Zinsen oder das Wachstum fixiert. Also, wenn die Zinsen nicht mehr wesentlich steigen, sehe ich kaum, wie Aktien stark fallen könnten. Wie ein Dow Jones auf 1000 Punkte fallen soll, wie etwa Elliot-Wave-Guru Robert Prechter prognostiziert, weiß ich wirklich nicht. Denn die US-Notenbank wird die Zinsen kaum so stark erhöhen, wie sie das eigentlich müsste, um die Unmenge an quer über den Erdball vagabundierenden Dollars wieder einzusammeln. Meiner Ansicht nach droht das größte Ungemach weniger von ökonomischen, als vielmehr von politischen Risiken. So würde etwa ein US-Angriff auf den Iran ein epochales Chaos im Nahen Osten auslösen. Denn die Iraner würden nicht zögern, die US-Truppen im Irak zu attackieren. Aber natürlich gibt es auch andere Risikofaktoren- etwa China. Hier glaube ich eher an ein "Hard Landing", also eine Rezession nach dem jahrelangen Boom. Bisher ist noch kein aufstrebendes Schwellenland von einem schärferen Wachstumsrückschlag verschont geblieben. Eine Wirtschaft wie China, die sehr stark wächst, lässt sich nicht einfach per Knopfdruck regulieren, auch wenn die Regierung dies gerne den Investoren suggerieren will. Ich erwarte hier große Schwankungen im Konjunkturzyklus- ähnlich wie in den USA im 19. Jahrhundert. Hier gab es in dieser Zeit 15 Wirtschafts- und Finanzkrisen plus einen Bürgerkrieg- und trotzdem war das Wachstum gewaltig. Dennoch haben viele Investoren alles verloren- erst mit Kanalbauten, dann beim Eisenbahnbau, schließlich mit Brauereien und sogar Immobilien. Bei vielen Infrastrukturprojekten in China könnte es ihnen ähnlich ergehen.

Was könnte eine Krise in China auslösen?

Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Ich favorisiere auch hier die politische Tangente. Denn China ist stark ölabhängig, wie auch die USA- doch China wächst viel stärker. Da könnte durchaus ein Konflikt zwischen der Noch-Supermacht und dem Emporkömmling um die immer rarer werdenden sicheren Ölquellen der Erde ausbrechen. Im Fall des Falles hätte Peking dann eine scharfe Waffe zur Hand, um die Amerikaner schwer zu treffen, nämlich ihre Währung. Derzeit ist der Renminbi fest an den Dollar gebunden, und ich glaube an sich auch, dass dieser Peg nicht so schnell aufgelöst werden wird. Denn beide, die USA und China, profitieren in einer Art Symbiose davon. Doch sollten es die USA auf einen Konflikt anlegen, dann wird China völlig überraschend zuschlagen und den Dollar über Nacht fallen lassen. Das würde Amerika weit empfindlicher treffen, denn ein Zinsanstieg samt Rezession wäre die Folge. China dagegen könnte mit einer stärkeren Währung die in Unmengen benötigten Rohstoffe billiger einkaufen und würde daher weniger zu leiden haben.

Wäre das nicht auch eine Gefahr für den Rohstoffboom?

Ganz sicher. Manche Rohstoffe haben wohl ihr Hoch bereits gesehen. So sagen Analysten, es sei unmöglich, das Kupferangebot um mehr als fünf Prozent pro Jahr zu erhöhen- doch aus den Jahresberichten mancher Minenkonzerne geht hervor, dass diese eine Steigerung um 20 Prozent geschafft haben. Die Nachfrage aus China wird zwar auf hohem Niveau bleiben, doch wohl nicht mehr im selben Ausmaß weiter steigen. Zudem haben die Chinesen große Vorratslager angelegt. Also, ich wäre jetzt etwas vorsichtig bei Neuinvestments- nicht nur bei Rohwaren, sondern auch bei Bergbau- und Minentiteln. Der US-Konsument wird etwas weniger einkaufen und die US-Immobilienindustrie ebenfalls eine Abschwächung sehen, was den Kupferverbrauch weniger stark wachsen lassen würde.

Und längerfristig? Bieten Rohstoffe nicht noch große Chancen- etwa das Erdöl?

Ja, nach den Korrekturen glaube ich, dass es bei manchen Commodities gute Renditechancen geben wird. Denn insgesamt sind Rohstoffe seit 1980 inflationsbereinigt sogar gefallen und immer noch tief bewertet, insbesondere die Agrargüter wie Weizen, Mais oder Sojabohnen. Obwohl China 2004 eine stark steigende Getreideproduktion verzeichnete, hatten sie ein Defizit im Agrarhandel- das erste seit 20 Jahren. Und sie werden wohl in den nächsten Jahren mehr Agrargüter importieren müssen. Außerdem entwickeln sich die Preise mancher Commodities völlig unabhängig davon, ob gerade eine Megahausse in diesem Segment stattfindet oder nicht- etwa Kaffee. Auch Zucker oder Orangensaft sind kaum konjunkturabhängig. Allerdings ist viel Geduld erforderlich und man muss mit starken Schwankungen leben können. Als Alternative wären etwa Düngemittelproduzenten interessant. Auch die Zeit des billigen Öls ist wohl für immer vorüber.

Wo sonst könnte man - einen längerfristigen Horizont vorausgesetzt- jetzt noch investieren?

Obwohl ich für den US-Dollar kurzfristig weiterhin positiv gestimmt bin, gilt dies nicht für US-Aktien. Denn in Amerika häufen sich die warnenden Signale, die auf eine stärkere Korrektur hindeuten. So hat etwa das Wachstum der Geldmenge zuletzt ein Zehnjahrestief erreicht. Das könnte bald am US-Immobilienmarkt zu einem unsanften Erwachen führen. Dann müssten die Amerikaner ihre Sparquote gezwungenermaßen erhöhen, was die Wirtschaft abwürgen würde. In einem solchen Fall erwarte ich, dass die US-Notenbank es wieder mit der gleichen Medizin versucht, mit der sie schon alle Krisen des letzten Jahrzehnts kuriert hat, nur glaube ich, dass die Kur diesmal nicht anschlagen wird. Längerfristig führt daher meiner Ansicht nach auch kein Weg an einem viel tieferen Dollar vorbei. Also, wenn schon Aktien, dann solche aus Asien, mit Ausnahme Chinas. Weiter gefallen mir auch fernöstliche Immobilien- entweder realiter, also als Grund und Boden, oder in Form von Aktien diversifizierter Immobilienkonzerne. Dabei bevorzuge ich in Singapur notierte Titel, die Hongkonger Konzerne gefallen mir weniger. Für Europäer, die ihren Kontinent nicht verlassen wollen, wären Immobilien in Istanbul eine Spekulation wert. Istanbul ist eine Super-Stadt- ich könnte mir vorstellen, dass in einigen Jahren die Preise deutlich höher liegen werden. Ein ähnlicher Fall ist etwa Vietnam- ein Land im Schatten Chinas, aber mit unglaublicher Dynamik. Vietnam könnte ohne weiteres einmal Thailand überholen. Sie können durchaus Vietnam-Aktien kaufen, doch nur über Umwege. Eine weitere Chance sehe ich darin, auf unterbewertete Asienwährungen zu setzen. Weniger geeignet erscheint mir dabei der chinesische Renminbi- für attraktiver halte ich Anlagen in Singapur- oder Malaysian-Dollar. Als geeignete Vehikel können solide Aktien mit einem KGV von zehn bis zwölf und einer Dividendenrendite von fünf bis sieben Prozent dienen. Beispiele wären ST Engineering, ein Entwickler von Waffensystemen, oder SIA Engineering, ein Spezialist für die Wartung von Flugzeugen. In Malaysia sind der Zigarettenhersteller BAT Malaysia oder Fraser & Neave, ein Getränkeproduzent, interessant.

Sie gelten auch als Spezialist für exotische Investments. Wo sehen Sie potenziell lukrative"Special Situations"?

Ich würde empfehlen, demnächst mehr Zeit in Afrika zu verbringen und vor Ort den Boden für Investments zu sondieren. Warum ausgerechnet Afrika? Weil dieser Kontinent die perfekte Symbiose mit China darstellt. China produziert Güter und kann beim Aufbau der Infrastruktur helfen, Afrika liefert dafür Rohstoffe. Den Chinesen nützt bei der Anbahnung von Geschäften zudem der Umstand, dass sie nie Kolonialherren waren und dass sie sich auch jetzt nicht als Weltpolizist aufspielen wie die USA. Attraktive Länder wären etwa der Kongo, Madagaskar, Tschad und der Sudan, der zehn Prozent der chinesischen Erdölimporte liefert. Auch Angola verfügt über riesiges Potenzial. Positiv auch: Afrika ist noch fast völlig unentdeckt. Zuletzt habe ich auch wieder ein bisschen in Nordkorea-Anleihen investiert, weil ich darauf spekuliere, dass es irgendwann eine Wiedervereinigung mit Südkorea geben wird. Gerade bei Emerging Market-Bonds können echte Wunder geschehen. Ich kaufte einmal angolanische Staatspapiere- zu kaum mehr als 25 Prozent für ein Nominale von Hundert- und eines Tages stiegen diese Papiere auf 150 und wurden samt Zinsen vollständig getilgt. Derzeit kann man Sudan-Anleihen zu kaum mehr als 1,75 Prozent einsammeln. Auch kubanische Anleihen sind eine Spekulation wert. Wo man die kaufen kann? Das ist nicht ganz einfach. US-Banken handeln diese Papiere natürlich nicht, aber einige britische Banken, Lazard, oder auch ABN Amro. Aber was einfach und problemlos gekauft werden kann, ist natürlich nicht so tief bewertet, wie etwas, was man nur über spezielle Kanäle bekommt.

Welchen Rat würden Sie unseren Lesern zum Abschluss geben?

Achten sie genau auf das politische Umfeld und wappnen sie sich für eine potenzielle Krise. Eine Periode ewigen Friedens erscheint mir angesichts der Geschichte der Menschheit praktisch undenkbar. Da müsste ich schon ein sehr großer Optimist sein. Daher kann eine Portion physisches Gold in einem Bankschließfach als Absicherung nie schaden- aber nur in einem Land mit einer gewissen Goldtradition, also etwa in der Schweiz, oder noch besser, in Indien oder Singapur. In anderen Ländern und sogar den USA wäre durchaus denkbar, dass Goldbesitzer enteignet würden, wenn es zum Schlimmsten kommt. Gleichermaßen müssten Investoren in Rohstofffutures befürchten, dass ihre Positionen zu einem niedrigen Zwangskurs glattgestellt werden. Das kann etwa in Indien, wo nahezu alle Reichen Gold besitzen, kaum passieren. Und last but not least: Wichtig ist es nicht, Geld zu haben, wenn alle anderen Leute auch Geld haben. Viel wichtiger ist es, dann über Cash zu verfügen, wenn andere pleite sind- das hat die Asienkrise deutlich gezeigt. Denn dann können sie wirklich billig kaufen.

 

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