- Andreas Deutsch - Redakteur

Weiter, immer weiter

Juni 2002: Es ist heiß in Deutschland. Seit Wochen hat es kaum geregnet. Bei der WM in Südkorea und Japan sterben die Favoriten wie die Fliegen. Deutschland kommt ins Finale – dank Oliver Kahns Weltklasse-Reflexen. Im Endspiel lässt der Titan den Ball fallen, Ronaldo ist zur Stelle und trifft. Brasilien gewinnt 2:0.

Das verlorene Endspiel passt in diesen Tagen ins Gesamtbild. Deutschland geht es nicht gut. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, das Wirtschaftswachstum kaum
der Rede wert, die Aktienkurse fallen und fallen.

Ein sehr schlechter Zeitpunkt, um Fondsmanager zu werden. Doch am 1. Juli, einen Tag nach dem verlorenen Endspiel, gibt es für Tim Albrecht kein Zurück mehr. Sein Auftrag: Er soll den DWS Deutschland, eines der Flaggschiffe der Fondsgesellschaft, wieder flottmachen.

Aller Anfang ist schwer


Albrecht ist 29 Jahre alt, als er ins kalte Wasser geworfen wird. Obwohl er erst zwei Jahre bei der DWS ist, traut man ihm den Job ohne Bedenken zu. „Meine Vorgesetzten sagten mir, ich solle den Fonds mit ruhiger Hand managen“, erinnert er sich. „Den Fokus sollte ich auf DAX-Werte legen und Nebenwerte beimischen.
“ Albrecht gibt Vollgas. Frisst Bilanzen. Analysiert Charts. Spricht mit Vorständen Selbst am Wochenende gönnt er sich kaum Erholung. Er mistet das Portfolio aus. Trennt sich von Verlustbringern, darunter viele Werte vom Neuen Markt, die es in der Baisse besonders schwer erwischt hat und die die Performance des Fonds belasten.

Trotzdem läuft es anfangs nicht so toll für Albrecht. In den ersten fünf Jahren ist der DWS Deutschland kaum besser als der CDAX. Im Bullenmarkt der Jahre 2005 und 2006 hinkt der Fonds dem Markt hinterher. „Ich bin ein eher konservativer Fondsmanager“, sagt Albrecht. „Damals glaubte ich nicht, dass sich viele Trends lange halten werden. Ich konnte zum Beispiel nicht nachvollziehen, warum Aktien von Solarunternehmen und Versorgern riesiges Potenzial haben sollten. Das hat Performance gekostet, muss ich zugeben.“Die DWS hält an Albrecht fest. Auch er denkt nicht ans Aufgeben. „Wie hat schon Oli Kahn gesagt? Weiter, immer weiter“, lacht der 41-Jährige. Er kniet sich rein, bekommt mehr und mehr Routine. Sein Markttiming wird zusehends besser.

Bald kennt er etliche Unternehmerin- und auswendig. Im Horror-Jahr 2008, als die Märkte infolge der Lehman-Pleite einbrechen, schlägt der DWS Deutschland den CDAX um neun Prozentpunkte. Von 2009 bis heute hat Albrecht ein Plus von 175 Prozent eingefahren. Der CDAX hat nur 125 Prozent zugelegt.

Nichts für Weicheier


Die Zeiten haben sich in den zwölf Jahren seiner Karriere extrem geändert. „Damals war vieles hektisch, oft hysterisch, ungesund. Man musste schon hartgesotten sein. Aber den meisten Stress hat man sich selbst gemacht.“ In der Berichtssaison ist Albrecht in seinen Anfangsmonaten einer der Ersten im Büro, gespannt wie ein Flitzebogen auf Quartalszahlen. Schnell ein Blick in die Ad-hoc-Meldung: Wurden die Erwartungen des Marktes getroffen? Wie wird die Aktie reagieren? Wie kann man Kapital daraus schlagen? Viele Entscheidungen fallen aus dem Bauch heraus. Manche sind gut, manche schlecht.

Damals glich die DWS einer Fondsboutique. Heute ist das Unternehmen eine der größten Investmentgesellschaften Europas. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Fachleute hinzu: Experten für Branchen, Einzelaktien, Länder. Einmal im Monat findet ein Asset-Allocation- Meeting statt. Dann treffen sich alle Sektor- und Regionalstrategen und analysieren, wo es die größten Chancen bei niedrigen Risiken gibt. Ohne Hektik. Ohne Hysterie.

„DAX klettert über 10.000“

Albrecht investiert primär in DAX Unternehmen und kann dem Portfolio aussichtsreiche Nebenwerte beimischen. Wichtig sind dem Profi unter anderem die starke Marktposition einer Firma, ein erstklassiges Management und eine ansehnliche Dividendenrendite. „Normalerweise sollte ein Konzern stark in den Schwellenländern engagiert sein“, erklärt Albrecht. „Aber wir haben auf die derzeitige Schwäche aufstrebender Staaten wie China und Russland reagiert und das Portfolio angepasst. So flexibel sind wir natürlich.“

Albrecht, blaues Hemd, gestreifte Krawatte, sportliche Figur, spricht fast immer druckreif. Man merkt, dass er belesen ist. Er interessiert sich für Geschichte, aber dazu fehlt ihm oft die Zeit. Auch zum Fußballspielen kommt der Familienvater nur gelegentlich. Ab und zu kickt er in der DWS-Betriebsmannschaft. Mit seinen 41 Jahren zählt er da zum alten Eisen.

Sein größtes Hobby hat Albrecht zum Beruf gemacht: Börse. „Ich schaue mir gerne abends zu Hause an, wie die Wall Street geschlossen hat. Auch im Urlaub lese ich meine Mails. Das stresst mich nicht, es interessiert mich einfach.“ Dass der DWS Deutschland mittlerweile 4,3 Milliarden Euro schwer ist, bringt Albrecht nicht aus der Ruhe. „Klar kann ich mit dem Volumen nicht munter in Small und Micro Caps rein und schon bald wieder rausgehen. Aber das ist ja auch nicht meine Absicht. Bei Nebenwerten konzentriere ich mich auf liquide Titel.“

Für die kommenden Monate ist Albrecht optimistisch. „Es sieht gut aus. Die Unternehmensgewinne werden in diesem Jahr aller Voraussicht nach um zehn Prozent steigen. Damit ergibt sich ein KGV für die deutschen Blue Chips von 13. Die aktuelle Dividendenrendite im DAX beläuft sich auf drei Prozent. Das ist attraktiv. Der DAX sollte also bis zum Jahresende die 10.000-Punkte-Marke
überspringen.“

Cooler Typ, starker Fonds

Albrecht hat längst bewiesen, dass er zu den besten Fondsmanagern Deutschlands zählt. Seit seiner Mandatsübernahme hat der DWS Deutschland 230 Prozent zugelegt, während der CDAX nur auf plus 135 Prozent kommt. Da die Aussichten für DAX und Co mittel- bis langfristig sehr gut sind, sollten die Anleger auch weiterhin mit dem DWS Deutschland genau richtig liegen.

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