DAX
- Michael Schröder - Redakteur

Deutsche Bank Chef-Anlagestratege: „Bis Jahresende traue ich dem DAX einen Anstieg auf 11.500 zu“

Im Januar kannte der DAX nur eine Richtung: nach oben. In den letzten Tagen ist der Leitindex in den Konsolidierungsmodus übergegangen. Wenn es nach einigen Experten geht, ist dank der EZB-Milliarden das Ende der Aufwärtsbewegung immer noch nicht erreicht. Allerdings wird die Luft in der neuen Woche dünner, nachdem der deutsche Leitindex zuletzt einen Rekord nach dem anderen markiert hat.

Zur Vorsicht mahnen der Streit zwischen Griechenland und seinen Geldgebern über den Sparkurs des Landes und die im Jahresverlauf erwartete Straffung der US-Geldpolitik. Ebenfalls im Fokus steht die Fortsetzung der Berichtssaison.

DER AKTIONÄR sprach mit Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für die 28 Millionen Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, über die aktuelle Situation und die Aussichten für DAX und Co?

Dr. Ulrich Stephan: Nach dem fulminanten Jahresstart halte ich Gewinnmitnahmen auf kurze Sicht für wahrscheinlich. Zwar verbesserten sich jüngst makroökonomische Daten. Doch von den bevorstehenden Verhandlungen mit der neuen griechischen Regierung geht Verunsicherungspotential aus. Mittelfristig sehe ich noch Luft nach oben für europäische Aktien – auch wegen der Abwertung des Euro, welche die Wettbewerbsfähigkeit europäischer und vor allem exportlastiger deutscher Unternehmen verbessert. Bis zum Jahresende traue ich dem DAX einen Anstieg auf 11.500 Punkte zu.

Werden die Pläne der EZB mittel- bis langfristig ihre Wirkung zeigen?

Mario Draghi hat mit seiner Ankündigung exzellentes Timing bewiesen. Die Maßnahmen der EZB dienen dazu, die Kreditvergabe in der Eurozone anzukurbeln und die Inflation auf knapp unter zwei Prozent zu bringen. Ob dieses Inflationsziel alleine mit den angekündigten Maßnahmen erreicht werden kann, halte ich für fraglich. Vielmehr müssten die Rahmenbedingungen für die Unternehmen in der Eurozone verbessert werden. Hierbei sind auch schmerzhafte Strukturreformen unumgänglich.

Was droht DAX und Co, wenn die Wirtschaft in Europa nicht nachhaltig in Schwung kommt?

Die europäischen Absatzmärkte sind von hoher Bedeutung für die DAX-Unternehmen. Sie erzielen knapp 60 Prozent ihrer Gewinne in Europa, davon 23 Prozent in ihrem Heimatmarkt Deutschland. Weitere rund 20 Prozent entfallen auf Nord- und Südamerika, 13 Prozent auf Asien. DAX-Konzerne haben sich in der Vergangenheit durch technische Innovationen im Wettbewerb hervorgehoben und flexibel auf Absatzmärkte reagiert. Das wird sich sicher nicht ändern – ganz im Gegenteil. Unabhängig hiervon gehe ich aber nicht von einem rückläufigen Wachstum in Europa aus. Vielmehr sollte sich in den nächsten Jahren eine graduelle Verbesserung einstellen, von der auch deutsche Unternehmen profitieren sollten.

Die heimische Berichtssaison nimmt ebenfalls langsam Fahrt auf. Worauf müssen sich die Anleger einstellen?

Ich rechne für DAX-Unternehmen in der laufenden Berichtssaison zum vierten Quartal, mit einem Umsatzwachstum von 2,7 Prozent und einem Gewinnwachstum pro Aktie (EPS) von 6,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Anders als in den Vorquartalen zeichnet sich nach den ersten Quartalsberichten ab, dass die Gewinne nun die Konsensschätzungen der Analysten mehrheitlich übertreffen. Hier scheint sich der Rückenwind durch den schwächeren Euro und eine mehrheitlich hohe Kostendisziplin auszuzahlen. Im laufenden Gesamtjahr 2015 dürften die Wachstumsraten von Umsatz und Gewinn je Aktie rund 3,4 Prozent bzw. 10,4 Prozent betragen und damit über den jeweils erwarteten Steigerungsraten für den breiten europäischen Markt – STOXX 600 – liegen.

Welche DAX-Aktien oder -Branchen trauen Sie in den nächsten Monaten eine Outperformance gegenüber dem Index zu und wer verliert den Anschluss?

Auf Indexebene traue ich dem DAX im Vergleich zum gesamteuropäischen Markt dieses Jahr eine Outperformance zu. Innerhalb des DAX bevorzuge ich zyklische Sektoren, insbesondere Autos halte ich für aussichtsreich. Eine Beimischung dividendenstarker Branchen aus dem europäischen Markt wie beispielsweise Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie kann trotz der teils schon hohen Bewertungen sinnvoll sein. Dagegen gewichte ich Versorger und Sektoren mit hoher (indirekter) Abhängigkeit

Vielen Dank für das Gespräch!

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