- DER AKTIONÄR

Chancenfeld Nanotechnologie

Dass Nanotechnologie kein Thema nur für kleine aufstrebende Unternehmen ist, zeigt das Dax-Schwergewicht BASF. DER AKTIONÄR sprach mit Prof. Dr. Franz Brandstetter, Leiter der Polymerforschung und Koordinator des Wachstumsclusters "Nanotechnologie", über die Chancen, die sich dem Konzern durch den Einsatz von Nanotechnologie bieten.

Dass Nanotechnologie kein Thema nur für kleine aufstrebende Unternehmen ist, zeigt das Dax-Schwergewicht BASF. DER AKTIONÄR sprach mit Prof. Dr. Franz Brandstetter, Leiter der Polymerforschung und Koordinator des Wachstumsclusters "Nanotechnologie", über die Chancen, die sich dem Konzern durch den Einsatz von Nanotechnologie bieten.

DER AKTIONÄR: Wie wichtig ist Nanotechnologie für BASF?

Prof. Dr. Franz Brandstetter: Die BASF betrachtet die Nanotechnologie als ein Chancenfeld, mit dessen Hilfe sie Produkte und Materialien mit neuen oder verbesserten Eigenschaften erzeugen kann. Wir nutzen die Technologie dort, wo die Anwendung der Erkenntnisse aus der Nanowissenschaft echte Vorteile für uns und unsere Kunden bietet.

In der Forschung hat die BASF wichtige Zukunftsthemen in fünf Wachstumsclustern gebündelt, deren Entwicklung mit erhöhten Ressourcen (Finanzmittel, Personal) besonders vorangetrieben wird: Energiemanagement, Pflanzenbiotechnologie, Rohstoffwandel, Weiße Biotechnologie und Nanotechnologie.

Die Einrichtung der Wachstumscluster beruht auf einer strategischen Analyse der Wachstumschancen für das Unternehmen. Zu ihrer Erschließung besitzt die BASF hohe F & E-Kompetenz, die sie auch weiter ausbauen will. Die Cluster werden damit wichtige Treiber für das organische Wachstum der BASF. In den nächsten drei Jahren werden wir 800 Millionen Euro für die Wachstumscluster aufwenden und 180 Millionen Euro davon für nanotechnologische Entwicklungen.

BASF gilt als weltweite Nummer eins in der chemischen Nanotechnologie. In welchen Unternehmensbereichen wird noch damit gearbeitet?

In allen vier Segmenten der BASF Chemikalien, Kunststoffe, Veredlungsprodukte und Pflanzenschutz&Ernährung finden sich zahlreiche Produkt- oder Verfahrensbeispiele, die vom Einsatz der Nanotechologie profitieren. Im Segment Chemikalien sind die Erzeugung von Metallpartikeln im Nanometerbereich für die Herstellung von Heterogenkatalysatoren zu nennen und die nanoporösen Wasserstoffspeicher. Durch den Einsatz von Nanopartikeln bei technischen Kunststoffen kann beispielsweise eine extrem verbesserte Fließfähigkeit unter Erhalt der mechanischen Eigenschaften eines Polyesters erreicht werden oder eine Undurchlässigkeit gegen UV-Strahlung bei Polyamidfasern.

Zu den Veredlungsprodukten gehört das große Feld der wässrigen Dispersionen. Vitamine und Carotinoide können durch nanotechnologische Verfahren als Mikronisate formuliert werden, die die Bioverfügbarkeit erhöhen. Diese Beispiele machen deutlich, dass Nanotechnologie eine echte Querschnittstechnologie ist, die unterschiedlichste naturwissenschaftliche Disziplinen miteinander verknüpft und eine Vielzahl an neuen Anwendungsfeldern in allen Segmenten für die BASF eröffnet.

Welchem davon messen Sie die größte Bedeutung zu?

Den Wachstumscluster Nanotechnologie unterteilen wir in drei Technologiefelder: Nanostrukturierte Materialien, nanostrukturierte Oberflächen und Nanopartikel. Wir messen allen Feldern die gleiche Bedeutung zu. Zum Beispiel arbeiten wir an der Entwicklung nanoporöser Schaumstoffe, die wir als das Isolationsmaterial der Zukunft sehen. Durch die wesentlich geringere Wärmeleitfähigkeit ist das Dämmvermögen dieser innovativen Schäume erheblich gesteigert. Sind unsere Forscher erfolgreich, könnten wir damit künftig einen wichtigen Beitrag zur Energieeinsparung leisten. In Singapur wird die BASF ein Kompetenzzentrum für nanostrukturierte Oberflächen aufbauen, das sich unter anderem mit der Entwicklung kratzfester Nanokomposit-Klarlacke beschäftigt.

Im Bereich nanostrukturierter Materialien haben wir bereits ganz unterschiedliche Produkte auf dem Markt wie Ultramid® BS 416N, ein Polyamid für Fasern mit eingebauter UV-Schutz-Ausrüstung, oder eine neue Bindemittelgeneration Col.9®, die Fassadenanstrichen eine schmutz-abweisende Wirkung verleiht. Auch die drastisch verbesserte Fließfähigkeit bei Ultradur High Speed®, dem thermoplastischen Polyester, ist auf die Zugabe von Nanopartikel zurückzuführen.

Erzielt BASF mit nanotechnologischen Produkten bereits Umsätze?

Nimmt man alle Produkte, in denen synthetische Nanopartikel und Nanostrukturen im Größenbereich von zehn bis einigen hundert Nanometern enthalten sind und alle Anwendungen, in denen diese Nanopartikel und -strukturen gezielt aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften eingesetzt werden, so erzielt die BASF heute bereits einen Umsatz von jährlich rund zwei Milliarden Euro.

Wie hoch wird dieser Anteil in fünf Jahren sein?

Konservative Prognosen sagen bei einem jährlichen Wachstum von zehn bis 15 Prozent ein Marktvolumen für Endprodukte von rund 500 Milliarden Euro für 2010 voraus. Den für BASF zugänglichen Markt bezogen auf Komponenten schätzen wir auf 50 Milliarden Euro. Allein von den in den letzten zwei Jahren bereits in den Markt eingeführten Produkten Ultramid® BS 416N, Ultradur High Speed® und Col.9® erwarten wir in 2010 ein Umsatzpotential von 100 Millionen Euro.

Ist BASF an weiteren Beteiligungen beziehungsweise auch Zukäufen von Nanotechnologie-Unternehmen interessiert? An der britischen Oxonica ist BASF ja bereits beteiligt.

Ja, die BASF ist über ihre Tochter BASF Venture Capital GmbH in diesem Feld aktiv und an Beteiligungen an Start-up-Unternehmen, die konkrete Anwendungen basierend auf Nanotechnologie anbieten und nicht nur Technologiekonzepte ausarbeiten, interessiert.

Nanotechnologie ist für viele Menschen noch eine Vision, obwohl die Anzahl der Nano-Produkte ständig zunimmt. Warum ist das Ihrer Meinung so?

Die Silbe "Nano" beschreibt zunächst nur eine Größenordnung. "Nano" bedeutet nicht neu, denn schon seit Jahrzehnten stellen Unternehmen wie die BASF zahlreiche Produkte her, deren Eigenschaften von Nanopartikeln und Nanostrukturen geprägt sind. Beispiele dafür sind Katalysatoren, wässrige Dispersionen oder Pigmente. Der wissenschaftliche Fortschritt - etwa mit der Entwicklung des Rastertunnel-Mikroskops - hat in den vergangenen Jahren dann den Bottom up-Ansatz ermöglicht. Damit gewannen Forscher neue Einblicke in die "Zwergen"-Dimension und können nun gezielter agieren. Zum Beispiel haben wir bei der Entwicklung von Ultradur High Speed® und Col.9® neue Prinzipien entdeckt, die zu bisher unbekannten Eigenschaftskombinationen führen.

Wir versprechen uns von den Erkenntnissen und Entwicklungen der Nanotechnologie verbesserte Produkte, effizientere Prozesse, neue Eigenschaften und somit neue Märkte. Sie bilden für die BASF einen wichtigen Baustein für profitables Wachstum durch Innovation.

Vielen Dank für das Interview.

 

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