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- Florian Söllner - Leitender Redakteur

Börsenpsychologie: Angst und Gier ausschalten

Warum ist es so schwierig, an der Börse Geld zu verdienen? Trader und Marktpsychologen wie Thomas Vittner und Andreas Fritsch kennen die Antwort.

Die Börse reagiert gerade mal zu zehn Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie", sagte der Börsenaltmeister André Kostolany in vielen seiner zahlreichen Vorträge. Schon der Grandseigneur der Börse wusste, dass Börsenerfolg im Kopf beginnt. Im Interview mit dem AKTIONÄR erläutern die Autoren Thomas Vittner und Andreas Fritsch, warum das so ist und wie Anleger mit diesem Wissen bessere Trader werden.

Herr Vittner, Herr Fritsch - Sie sagen: "Börsenerfolg beginnt im Kopf". Ist das nur eine Plattitüde nach dem Motto "Wenn Du willst, dann kannst Du auch", oder steckt mehr dahinter?

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Fritsch (links im Bild): Es steckt schon etwas mehr dahinter. Erfolg an der Börse hat sehr viel mit persönlicher Einstellung zu tun. Auch Stress und Anspannung spielen bei Börsenentscheidungen eine große Rolle. Gerade in sehr turbulenten Zeiten kommen Herausforderungen auf Anleger zu, die über die rein fachlichen Anforderungen weit hinausgehen. Das, was wir als „Mentale Stärke" bezeichnen, hilft beim Umgang mit solchen Herausforderungen. Wenn wir es schaffen, bewusst und mit hilfreichen Techniken solche Dinge wie Angst, Stress, Überforderung in den Griff zu bekommen, ist das schon die halbe Miete. Denn was zwischen den Ohren passiert, erwischt uns meist unbewusst.

Braucht man also eigentlich niemand, der einem die Börse erklärt, sondern einen guten Psychologen, um erfolgreich an den Märkten Geld zu verdienen?

Vittner (rechts im Bild): Ganz so einfach ist es nicht. Erfolg an den Märkten besteht aus zwei Komponenten: guter Technik und mentaler Stärke. Selbst das beste System hat Zeiten, in denen es nicht greift. Hier kommt die mentale Stärke des Händlers ins Spiel. Denn in diesen schlechten Zeiten muss er an seinen Handelsansatz glauben und angstfrei agieren.

Was sind die häufigsten Fehler, die Anleger Geld kosten?

Vittner: Angst und Gier bewegen die Märkte. Allerdings ist Gier auch eine Form von Angst, nämlich die, nicht genug zu bekommen. Der häufigste Fehler aller Börsianer ist somit aus unserer Sicht, dass sie ihre Ängste zu wenig kontrollieren können.

Und was genau kann ich als Anleger tun, um zu verhindern, dass ich diese Fehler begehe?

Fritsch: Die Herausforderung für Börsianer besteht darin, richtig mit Ängsten umzugehen. Der richtige Umgang mit Angst beginnt immer damit, sich seine Angst bewusst zu machen. Eine zentrale Frage dabei: warum macht mir etwas - wie z.B. Kursverlust - wirklich Angst. Der nächste Schritt ist die Klarheit über die wirklich schlimmstmöglichen Konsequenzen. Dann geht es an die Arbeit, indem ich mir überlege, was ich aus eigener Kraft selbst tun kann, um für ein positives Ergebnis zu sorgen. Was hier stark vereinfacht beschrieben ist, kann in Coaching-Gesprächen oder im „Selbstcoaching" eine ganze Weile dauern. Solche bewussten Prozesse helfen uns aber dabei, uns auf unsere Stärken z.B. im Börsenhandel zu konzentrieren und hausgemachte, geistige Ablenkungen zu minimieren.

Wenn ich dann die Vorarbeit geleistet habe und gute Chancen habe, diese Fehler nicht zu begehen - wie geht es dann weiter? Wie sollte meine Strategie aussehen?

Vittner: Es kommt darauf an, wie Sie an den Märkten agieren wollen. Wenn Sie zum Beispiel langfristig anlegen und Aktien kaufen möchten, werden Sie sich als Investor wohl Grundlagen der Bilanzanalyse aneignen müssen, um Unternehmenswerte beurteilen zu können. Wenn Sie eher kurzfristig traden möchten, müssen Sie zuerst bestimmen, welche übergeordnete Trading Strategie zu Ihrem gewünschten Zielmarkt passt. Wenn Sie das herausgefunden haben, können Sie schrittweise ein Handelssystem entwickeln, in dem Sie Entrys und Exits prüfen, Ihr Risikomanagement definieren sowie eine Portfolioauswahl treffen.

Nutzen Sie die Erkenntnisse, die Sie beide aus Ihrer Arbeit gewinnen, auch selbst an der Börse?

Vittner: Wie ich im Buch bereits geschrieben habe, verdanke ich meine heutige mentale Stärke zu einem großen Teil der gemeinsamen Arbeit mit Andreas Fritsch. Er war es, der mir beibrachte, wie man Aufmerksamkeit und Gelassenheit unter einen Hut bringt und sich somit das nötige Rüstzeug für das glatte Börsenparkett aneignet.

Fritsch: Ich mache es wie Thomas. Ich konzentriere mich auf meine Stärken und kümmere mich im Coaching um die mentalen Komponenten, die bei Börsengeschäften eine wesentliche Rolle spielen. Natürlich setze ich mich seit vielen Jahren aktiv mit Geldanlagen auseinander und habe selbst gehobene Privatkunden in deren Vermögensmanagement beraten. Heute lasse ich das eigentliche Geschäft von Profis wie Thomas erledigen. Thomas kann das viel besser als ich. Dennoch wäre es mir ohne die eigene Beratungserfahrung und ohne die Erfahrungen aus persönlicher Anlage, aus persönlichen Erfolgen und natürlich persönlichen Fehlern nicht möglich gewesen, ein Buch in dieser Form zu schreiben, wie Thomas und ich das mit „Börsenerfolg beginnt im Kopf" getan haben.

Was war bis jetzt Ihr erfolgreichster Trade im Jahr 2012?

Vittner: Da ich als Trader meine Erfolge weniger auf das einzelne Geschäft abstelle sondern vielmehr die Entwicklung meiner Systeme als ganzes beobachte, möchte ich diese Frage anders beantworten. Ich erlebe das Jahr 2012 bisher als in vielerlei Hinsicht ungewöhnliches Jahr. Einerseits ist die Volatilität hoch, gleichzeitig vermisse ich jedoch die typischen Swings. Vielmehr laufen die Kurse tagelang ohne Unterbrechung nach oben oder unten, was ein sehr seltenes Marktverhalten darstellt. Dadurch kommt es auch bei meinen Systemen zu ungewöhnlichen Übertreibungen, im Positiven wie im Negativen.

Es geht derzeit also drunter und drüber an der Börse, und dieses Verhalten spiegelt sich auch in der Volatilität meiner Systeme wieder. Aber gute Handelsansätze müssen sich auch in solchen Marktphasen behaupten, und das ist bei mir der Fall. Ich kann also mit der Wertentwicklung meines System - Portfolios im Jahr 2012 durchaus zufrieden sein. Wenn Sie sich für die Performance eines meiner Systeme interessieren und wissen wollen, welche Renditen realistisch sind, haben Sie auf http://tradingnetzwerk.de/insider die Möglichkeit, den Track Record zu beobachten.

Was war die größte Dummheit, die Sie jemals an der Börse begangen haben?

Vittner: hmm (denkt nach)...ich würde sagen, dass war im Jahr 2002. Damals investierte ich meine ganzen Ersparnisse in ein paar Blue Chips, doch die Notierungen fielen und fielen - jeden Tag. Der Grund war, dass die Märkte einerseits die Folgen von 9/11 noch immer nicht verdaut hatten. Andererseits stand der zweite Irak Krieg vor der Tür, und die Angst unter den Marktteilnehmern war groß. Irgendwann konnte ich die fallenden Kurse nicht mehr ertragen und verkaufte entnervt alle Aktien und erwischte so ziemlich auf den Tag genau das Tief. Kurze Zeit nach meinem Panikverkauf fingen die Märkte wieder an zu steigen und ich beobachte fassungslos (ohne offene Positionen) wie die Erholung einsetzte. Damals war ich für dieses Spiel noch nicht gerüstet und beging einen typischen Anfängerfehler, in dem ich meine Beteiligungen mit Verlusten in einer Baisse abstieß statt zu günstigen Kursen nachzukaufen. Ich schwor mir, dass mir das nie mehr passieren würde, und ab diesem Zeitpunkt konnte ich solche und ähnliche Kurseinbrüche stets zu meinem Vorteil nutzen.

Fritsch: Da brauche ich nicht lange nachzudenken. Mein grösster Fehler war ein hohes einseitiges, nicht diversifiziertes Investment mit stark emotionalem Hintergrund. Um genau zu sein: Stock-Options des eigenen Unternehmens, bei deren Kauf - und vor allem deren Verkauf - Emotionen, also die Identifikation mit dem eigenen Unternehmen eine grosse Rolle gespielt haben. Emotionen haben dazu geführt, Verkäufe zu spät realisiert und damit letztlich herbe Verluste erlitten zu haben. Heute sehe ich diese Erfahrung als wichtige Voraussetzung dafür, entsprechende Mechanismen, die wir im Buch beschreiben, überhaupt beurteilen, analysieren und entsprechend optimieren zu können.

Wer von Ihnen beiden ist der bessere Trader?

Vittner: Ich kenne weder die Performance von Andreas Fritsch noch die anderer Trader. Und sie interessiert mich auch nicht. Es ist schon schwer genug, täglich die eigenen Emotionen an den Märkten zu besiegen. Warum sollte ich darüber hinaus mir noch andere Gegner suchen, mit denen ich mich messe? Ein guter Trader ist man letztlich dann, wenn man über Jahre konstante Renditen aus den Märkten holt. Trading ist kein 100 Meter lauf sondern ein Marathon.

Fritsch: Gar keine Frage: in unserer Zusammenarbeit bin ich der Coach und Spezialist für die mentalen Mechanismen, Thomas der Profi fürs Trading. Solange ich Thomas und andere Profi-Trader coache, muss ich mich fachlich natürlich auskennen, kann aber selbst inhaltlich nie so gut sein, wie mein Klient. Der Coach von Roger Federer wird nie so gut Tennis spielen, wie Federer. Er sorgt aber dafür, dass der sein volles Leistungspotential und seine vollen Talente ausschöpfen kann. Gemeinsam sind sie erfolgreicher als alleine.

Würden Sie sagen, dass das aktuelle Niveau an der Börse aus marktpsychologischer Sicht eher Einstiegskurse bietet?

Thomas Vittner: Ich denke, die Stimmung ist schlechter, als es die Kurse widerspiegeln. Einerseits ist die Eurokrise das Thema Nummer 1 in allen Medien. Andererseits sind die Aktienmärkte nicht weit von ihren Höchstständen entfernt. Die Relationen stimmen also derzeit meiner Meinung nach nicht. Ob es sich somit um Einstiegskurse handelt, muss jeder selbst beantworten. Als Trader habe ich mir angewöhnt, weder auf Tipps zu hören noch welche zu geben.

Vielen Dank für das Interview

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