- Michael Schröder - Redakteur

Börsenneuling Stemmer Imaging - Vorstand im Hintergrundgespräch: "Mit Cancom und Common Vision Blox auf Wachstumskurs"

Stemmer Imaging hat gerade den ersten Halbjahresbericht als börsennotiertes Unternehmen vorgelegt. Die Zahlen können sich sehen lassen. Der Ausblick macht Lust auf mehr. DER AKTIONÄR fragte nach bei Finanzvorstand Lars Böhrnsen.

DER AKTIONÄR: Herr Böhrnsen, Sie haben gerade Ihren ersten Halbjahresbericht als börsennotiertes Unternehmen vorgelegt. Wie beurteilen Sie den Verlauf der ersten sechs Monate und welche Highlights gab es?

Lars Böhrnsen: Die Stemmer Imaging AG erwirtschaftete im ersten Halbjahr 2017/18 mit dem besten 6-Monatsergebnis der Firmengeschichte neue Rekordergebnisse. Umsatz, Rohertrag und EBITDA sind jeweils zweistellig gewachsen, letzteres mit rund 36 Prozent sogar überproportional stark. Die positive Entwicklung wurde dabei sowohl von anhaltend dynamischen Marktumfeld der industriellen Bildverarbeitungsbranche als auch von unserer breiten Kundenbasis aus zahlreichen Anwendungsbereichen und Industrien getragen.

Für das zweite Halbjahr zeigen Sie sich nun sogar optimistischer als bisher. Gibt es dafür neben der zum 31. Januar erfolgten Konsolidierung der neuen niederländischen Tochter Data Vision besondere Gründe?

Wir sind mit Blick auf das Gesamtjahr optimistisch, das beinhaltet Wachstumsimpulse aus der Akquisition der Data Vision für die gesamte Breite unseres Geschäfts. Wir gehen also davon aus, dass wir mit der zügigen Integration der Data Vision in den Stemmer Imaging Konzernverbund schnell Synergien heben und unser Geschäft insgesamt ausbauen können. Daneben lässt die starke Entwicklung des Auftragseingangs eine steigende Dynamik und ein sehr positives zweites Halbjahr vermuten.    

Die Übernahme von Data Vision ist nicht die erste ausländische Akquisition. Welche generelle Strategie verfolgen Sie bei Ihrer externen Expansion und wo sehen Sie insbesondere international die zukünftigen Schwerpunkte?

Stemmer Imaging ist in Deutschland und darüber hinaus in insgesamt 19 Ländern Nord- und Mitteleuropas vertreten. Wir wollen weiter expandieren und neue Regionen und Märkte möglicherweise in Südeuropa und Asien erschließen. Da unsere Produkte von Systemintegratoren oder OEMs, sprich unseren Abnehmern bzw. Kunden, oft nach Asien exportiert werden, könnten gezielte Akquisitionen die Chance auf direktes Geschäft in den Emerging Markets eröffnen.

1987 gegründet, zählen Sie zu den Pionieren der industriellen Bildbearbeitung. Das Stichwort dazu lautet „Machine Vision“. Welche Einsatzmöglichkeiten bietet diese Technologie?

Bildverarbeitungslösungen von Stemmer Imaging kommen in zahlreichen Anwendungsfeldern und vielen unterschiedlichen Branchen zum Einsatz, angefangen von Automotive über Lebensmittel und Verpackung bis hin zu Entertainment. In Produktionsanlagen zum Beispiel werden optische Kontrollen durchlaufen, wo Bildverarbeitung von Stemmer Imaging zur Qualitätskontrolle zum Einsatz kommt. Im Zuge der Digitalisierung werden neben industriellen Anwendungen auch die nicht-industriellen Einsatzgebiete, wie zum Beispiel in der Unterhaltungsindustrie oder der Verkehrstechnik, weiter an Bedeutung zunehmen.

Um Ihr Geschäft für unsere Leser etwas griffiger zu machen: Könnten Sie uns bitte zwei anschauliche Einsatzmöglichkeiten Ihrer Systeme beschreiben.

Einer unserer Kunden ist Anlagenbauer zur Herstellung von Aluminiumbehältern, die beispielsweise zur Verpackung von Tiernahrung verwendet werden. In den Produktionsanlagen kommt Bildverarbeitung von Stemmer Imaging zur Qualitätskontrolle zum Einsatz. Dieselbe Software, die dabei die Behälter kontrolliert, setzen wir aber auch in anderen Bereichen ein, z. B. wenn es darum geht, Lebensmittel in Qualitätsstufen zu unterteilen oder Fehler in Bodenbelägen zu erkennen. Beim Fußball werden beispielsweise mit Bildverarbeitungssystemen von Stemmer Imaging die Laufwege der Spieler erfasst und aus den gewonnenen Daten detaillierte Bewegungsprofile erstellt.

Mit dem Thema Bildverarbeitung bzw. „Machine Vision“ werden auch immer wieder andere Schlagwörter wie Industrie 4.0 oder Internet of Things (IoT) verbunden. Was sind innerhalb der Branche die besonderen Wachstumstrends?

Bildverarbeitung ist ein Schlüsselfaktor für die konsequente Automatisierung und Rationalisierung in allen Branchen und Bereichen der Industrie. Bildverarbeitungstechnologien und -systeme werden daher als Schlüsselkomponenten der Digitalisierung von Produktions- und Fertigungsprozessen in der „Smart Factory“ erachtet. Die Potenziale der Bildverarbeitung werden heute erst ansatzweise genutzt. Die Perspektiven sind sehr groß und nahezu grenzenlos, im Übrigen auch in nicht-industriellen Anwendungsbereichen, die ergänzende Technologien zur Bildverarbeitung nutzen – wie zum Beispiel im Bereich Entertainment oder Verkehr.

Der Markt für industrielle Bildbearbeitung gilt nach wie vor als sehr fragmentiert. Wer sind Ihre größten Wettbewerber und welche Positionierung, insbesondere auch bei den Wachstumsgrößen, haben Sie dabei erreicht?

Die größten Firmen unter unseren originären Hauptwettbewerbern im Kernmarkt Deutschland sind Rauscher, MaxxVision und Framos. Am Inlandsumsatz gemessen ist Stemmer Imaging aber mindestens dreimal so groß und kann daraus entsprechend positive Skaleneffekte generieren. Zudem grenzen wir uns mit einer eigenentwickelten Software als wesentliches Alleinstellungsmerkmal von unseren Wettbewerbern ab.

Sie sprechen Ihre eigenentwickelte Bildverarbeitungssoftware Common Vision Blox, kurz CVB, an. Was sind die Besonderheiten dieser Software?

Unsere Kernkompetenz ist die Entwicklung, das Design und die Konfiguration kundenspezifischer Bildverarbeitungssysteme und -lösungen. Das Herzstück ist dabei unsere eigenentwickelte Bildverarbeitungssoftware Common Vision Blox (CVB), sie spielt im Einsatz mit verschiedenen Komponenten und Systemen wie zum Beispiel Kameras, Optiken, Beleuchtungen, Bildverarbeitungssysteme oder weiterer Hardware führender Hersteller eine wesentliche Rolle. CVB ist eine leistungsstarke Programmierbibliothek, die eine schnelle und zuverlässige Entwicklung und Implementierung von Einzelkomponenten zu kompletten Bildverarbeitungslösungen ermöglicht und damit für die Funktionalität des Gesamtsystems eine hohe Bedeutung hat.

Noch einmal ein Blick zurück auf das IPO: Nach über 30 Jahren nun der Gang an die Börse. Warum jetzt und was möchten Sie mit den eingesammelten Geldern konkret finanzieren – eher organisches Wachstum oder weitere Akquisitionen?

Da wir in einem dynamischen Markt weiterhin kraftvoll wachsen wollen, war der Gang an die Börse für uns die beste Lösung, unsere ambitionierten Ziele erreichen zu können. Insbesondere gilt es, unsere Wettbewerbsposition im europäischen Markt zu stärken und Wachstumspotenziale zu nutzen. Da das Nachholpotenzial der aufstrebenden asiatischen Länder hinsichtlich industrieller Anwendungen besonders im Bereich von Automatisierungslösungen sehr hoch ist, ergeben sich aber auch hier Chancen, die wir ergreifen möchten. Gleichzeitig wollen wir unsere hohe Innovationskraft stärken und ausbauen. Im Fokus stehen in diesem Zusammenhang die Weiterentwicklung unserer eigenen Bildverarbeitungs-Software „Common Vision Blox“ sowie der Abschluss von Kooperationen und Zukäufen in diesem Bereich.

Nach dem Börsengang verbleibt die bisherige Eigentümerin SI Holding mit 54 Prozent als Mehrheitsaktionärin. Hinter SI verbirgt sich die Beteiligungsgesellschaft Primepuls der Gründer des TecDAX-Unternehmens Cancom. Diese betonen ja immer wieder den Netzwerkgedanken ihrer Beteiligungsstrategie. Wie profitieren Sie als Stemmer Imaging von dieser Konstellation?

Wir sehen viele Vorteile in der aktiven Zusammenarbeit mit den Personen und Unternehmen aus dem Primepulse-Netzwerk. Von der Erfahrung und Expertise vor allem im Bereich M&A und Kapitalmarktumfeld sowie in IT-Themen wie Industrie 4.0 oder IoT können wir stark profitieren. Wir sehen insbesondere durch eine Zusammenarbeit mit Cancom direktes Synergiepotential im IoT- aber auch im Cloud-Umfeld im Interesse unserer beiden Unternehmen und deren Stakeholder.

Herr Böhrnsen, vielen Dank für das Gespräch.

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