Apple
- Florian Söllner - Leitender Redakteur

Apple: Das Ende eines Märchens?

Trotz toller Zahlen – Apple erschreckte mit einem mauen Ausblick. Die Angst der Anleger: Die märchenhaften Margen verblassen. Die Hoffnung ruht auf einem TV oder neuen Smartphones.

Äußerlich sah der Apfel so schön aus, dass jeder, der ihn erblickte, Lust darauf bekam. Doch unter der glänzenden Schale gärte Gift... Wie verhext hat sich in den letzten Wochen auch die eigentlich so günstige Apple-Aktie entwickelt. Anleger ließen den einstigen Liebling verstört fallen - das Minus beträgt seit Anfang Januar über 20 Prozent.

Die Angst: Der märchenhafte Aufstieg, der mit dem Start des iPhones im Jahr 2007 begann, könnte an Dynamik verlieren. Die mit extremem Wachstum und einer immensen Rentabilität verwöhnten Anleger fürchten, dass sich die Entwicklung des Konzerns normalisiert. Gift für die Stimmung: mögliche Margenrückgänge. Zumindest im abgelaufenen Quartal war davon (noch) wenig zu sehen - Apple hat 13.100.000.000 Dollar Gewinn erzielt - BMW, VW, Allianz, Deutsche Bank und Daimler erreichen gemeinsam nicht mehr.

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Unfassbar hoch waren weiterhin die Überschüsse, die mit dem iPhone eingefahren wurden. Das Smartphone ist für mehr als die Hälfte des Umsatzes und des Gewinns des Konzerns verantwortlich. Die EBIT-Marge des Produkts liegt bei fast 50 Prozent.

Margen-Halbierung?

Doch wie lange noch? Analyst Per Lindberg fürchtet bis 2017 eine Halbierung dieser Marge. Werden die Schlangen vor Apple Stores wirklich kürzer, die Fanboys satt? Ein erstes kleines Indiz dafür ist, dass mit 47,8 Millionen iPhones zwar mehr als im Weihnachtsquartal des Vorjahres verkauft wurden - doch deutlich weniger als die von Analysten erhofften 50 Millionen Stück.


Vor allem eines sorgte für Panikverkäufe - ein Ausblick, der alles andere als „Amazing" war. Apple stellt für das laufende Quartal einen Umsatz von 41 bis 43 Milliarden Dollar in Aussicht -Analysten hatten mit 46 Milliarden gerechnet.

Irritierend auch die Ankündigung von Apple, dass man nicht mehr wie bisher eine betont konservative, punktuelle Prognose abgibt, sondern eine "realistische" Range. Wird Apple unsicher? Das Ziel der Rohmarge liegt bei 37,5 bis 38,5 Prozent - Experten hatten auf 40 Prozent gehofft, im Vorjahr waren es noch 44,7 Prozent.

Experten fürchten, dass im laufenden Quartal 25 Prozent weniger iPhones abgesetzt werden als im Weihnachtsquartal - bislang war der saisonale Rückgang nur einstellig. Branchen-Insider bestätigten dem AKTIONÄR, dass es für das iPhone 5 keine so große Euphorie gibt wie einst für die Vorgängermodelle.

Apple: Marke wird erwachsen

Fakt ist: Apple ist knapp hinter Coca-Cola die zweitwertvollste Marke der Welt - Experten taxieren den Wert des Namens auf 77 Milliarden Dollar. Doch das Image verändert sich allmählich. Mehrere Studien bestätigen, dass Apple von vielen Jugendlichen als „alte" Marke wahrgenommen wird, da meist die Eltern die vergleichsweise teuren Produkte nutzen. In Deutschland hat Samsung vor wenigen Monaten Apple bereits als beliebteste Marke bei Jugendlichen überholt.

Auch bei seinen Partnern, den Mobilfunkbetreibern, war Apple offenbar schon beliebter. Michael Krammer, scheidender Chef des österreichischen Mobilfunkanbieters Orange, sagte in diesen Tagen dem Magazin Format: „Apple hat es überzogen, in allen Bereichen. Das Produkt ist zu teuer, sie machen viel zu viel Theater drumherum, sie behandeln die Partner schlecht und irgendwann rächt sich das."

Ausnahmestellung in Gefahr?

Apple war jahrelang als genialer Erfinder des Smartphones der einzige Anbieter auf dem Markt - quasi unersetzlich. Doch die Konkurrenz hat - angelockt von den hohen Gewinnmargen des Pioniers - ihre Hausaufgaben gemacht. Mittlerweile gibt es mit Sam­sung, Nokia, Blackberry, LG, HTC, TZE, Huawei Dutzende Hersteller von Hunderten Smartphones. Nur so war denkbar, dass der Provider China Mobile Ende des Jahres statt Apple Nokia zum Partner seiner Wahl machte. Hauptproblem für Apple: Das iPhone ist längst nicht mehr das beste Produkt auf dem Markt - aber noch das mit Abstand teuerste.

Kunden haben mehr und mehr Alternativen. Es wäre nur logisch, dass das iPhone Marktanteile verliert - zuletzt waren nur noch 15 Prozent aller weltweit verkauften Smartphones ein Apple-Produkt. Einziger Ausweg: ein erneuter Quantensprung in der Technologie (was eine Überraschung wäre) oder - Preissenkungen. Indirekt geht man diesen Weg bereits beim iPad. Das iPad mini wird deutlich günstiger als das größere iPad-Original angeboten. Zwar ist die Nachfrage hoch, doch die Rentabilität (siehe Grafik) fällt stark.

Smartphone-Schlacht ist eröffnet

Solche Kannibalisierungseffekte fürchtet Apple-Analyst Per Lindberg von ABG Sundal Collier auch beim iPhone - er erwartet ein Billig-iPhone. Lindberg war einer von nur drei Analysten - 60 waren bullish -, welche vor den Zahlen zum Verkauf geraten hatten. Er sieht weiteres Abwärtspotenzial bis 400 Dollar aufgrund einer "beträchtlichen" Konkurrenzsituation. Tatsächlich nimmt der Druck zu. Zwei neue Produkte fallen dabei besonders auf: Das Nexus 4 von Google, welches ähnliche Leistungsdaten wie das iPhone 5 aufweist, aber (falls es nicht gerade ausverkauft ist) per Internet bereits ab 299 Euro erhältlich ist. Zudem könnte das erste richtige Blackberry-Smartphone von Research In Motion, welches am 30. Januar vorgestellt wird, iPhone-User zum Wechsel veranlassen.

Kann sich Apple dem entziehen? Ein Blick in die Wirtschaftshistorie zeigt, dass extreme Margen in freien Märkten meist auf ein normales Maß zurückfallen - eine Erfahrung, welche auch Nokia oder RIM gemacht haben.

(N)one more thing?

Verdient Apple pro Gerät weniger, kann der Ausweg lauten, neue Produktkategorien zu entwickeln. Viel erhoffen sich Anleger von der Entwicklung eines eigenen Fernsehgerätes oder eines 4,8-Zoll-Smartphones - beide Spekulationen hat CEO Cook mit seinen Aussagen (siehe Box) aber eher konterkariert. Dennoch stehen Apple gerade wegen seines noch immens starken Markennamens alle Türen offen, neue Produkte in den Markt zu drücken. Zusätzliche Smartphone-Modelle, vor allem günstige für den asiatischen Markt, sind sehr wahrscheinlich.

Raum für positive Überraschungen bietet vor allem China. Tim Cook verhandelt gerade mit China Mobile - ein Deal könnte die Anleger zumindest temporär versöhnen.

Schäppchen mit Cash?

Auf dem Papier und den ersten Blick ist Apple zum Anbeißen günstig bewertet. Das KGV liegt nur bei 10. Hinzu kommt, dass Apple dank der überaus erfolgreichen letzten Jahre auf rund 150 Milliarden Dollar Nettocash sitzt - das sind 35 Prozent der Marktkapitalisierung. Um das Cash bereinigt liegt das KGV bei lediglich 7.

Der Haken: Die Analysten sind derzeit das erste Mal seit Langem in der Rückwärtsbewegung. Die meisten waren zu bullish und müssen jetzt neu rechnen. Im Schnitt gingen die Gewinnschätzungen für 2014 in den letzten Handelstagen um zehn Prozent zurück.

Fünf Thesen

DER AKTIONÄR geht derzeit von fünf Kernpunkten aus: 1. Die Analystenschätzungen dürften tendenziell weiter sinken. 2. Kurzfristig gibt es die Chance auf News zu neuen Produkten und einer China-Kooperation. 3. Apple wird ein wichtiger Player bleiben, doch die hohen Margen nicht verteidigen. 4. Auch ein Apple-TV könnte einen Negativtrend beim iPhone nicht kompensieren. 5. Aufgrund der schon starken Stellung von Apple bleibt die Wahrscheinlichkeit negativer Überraschungen größer als die von positiven Events.

Teilgewinne mitnehmen

Die Aktie zeigt mittlerweile eine überverkaufte Situation. Es könnte eine Erholungsrallye starten. Anleger, die auf das in Ausgabe 49/2012 vorgestellte bearishe Szenario gesetzt hatten, können daher einen Teil der Gewinne (50,7 Prozent) des Turbo-Bear mitnehmen. Auf längere Sicht bleibt der Chart jedoch angeknackst - der Aufwärtstrend ist gebrochen. Daher scheint das Potenzial der Aktie derzeit begrenzt. Gleichzeitig fällt Apple jedoch nicht allzu weit beziehungsweise auf ein weiches Cash-Kissen von 180 Dollar je Aktie. Dennoch sollten Anleger abwarten.

Übrigens: Schneewittchen hat den Schreck überlebt - es gab ein rauschendes Comeback, doch zwischenzeitlich war die Party "lange lange Zeit" vorbei...

Dieser Artikel ist in der AKTIONÄR-Ausgabe 06/2013 erschienen und aktualisiert.

Die aktuelle charttechnische Einschätzung finden Sie hier ("Apple-Rallye").

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