Amazon
- Dennis Riedl

Amazon vs. Alibaba: Großer Fundamentalvergleich der E-Commerce-Giganten

Sie sind die Flaggschiffe der Internetindustrie an der Börse: Die Aktien der amerikanischen Amazon sowie der chinesischen Alibaba Group. Die Unternehmen sind nicht nur hochkapitalisiert, auch ihre Geschäfts- und (teilweise) Kursentwicklungen übertreffen viele der kleineren Konkurrenten. Und ihr Wachstum ist noch lange nicht ausgereizt. Doch welche Aktie ist die bessere Alternative für Anleger? Ein Fundamentalvergleich.

Ein „The Winner takes it all“-Markt
Es ist vielfach und immer wieder zu lesen, wie Amazon seinen Konkurrenten "das Fürchten lehrt". Für beide hier betrachteten Unternehmen gilt, dass sie ganze Branchen disruptieren und trotz ihrer bereits gewaltigen Größe weiter sehr hohe Wachstumsraten (auch im Umsatz) erzielen können. Amazon bringt dabei mehr als doppelt so viel Gewicht (Marktkapitalisierung: 918 Mrd. US-Dollar) auf die Börsenwaage als Alibaba (423 Mrd. US-Dollar). Das E-Commerce-Geschäftsmodell bietet eindeutige Größenvorteile, die derzeit nahezu zu einem „The winner takes it all“-Markt führen. Das heißt, dass es im Extremfall nur einen Akteur auf dem Markt gibt, der langfristig gute Gewinne einzufahren vermag. Aus Anlegersicht wäre man in der Hinsicht also bei diesen zwei Aktien schon einmal an der richtigen Adresse.

Vergleich fundamentaler Kennziffern
Die Frage ist nun, ob die beiden Aktien insgesamt auch „günstig“ bewertet sind – und welche von beiden die bessere Anlage-Alternative darstellt. Betrachten wir hierzu zunächst das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV). Es eignet sich besonders gut für einen Unternehmensvergleich innerhalb einer Branche. Hier erscheint Amazon der deutlich günstigere Titel zu sein: Mit einem laufenden KUV von 3,3, welches zudem bis 2022 auf 2,1 sinken dürfte, erscheint die Aktie sogar insgesamt halbwegs günstig bewertet für ein "wachstumsstarkes Burggrabenunternehmen“. Das KUV von Alibaba soll zwar ebenfalls von aktuell 16,8 auf 7,6 fallen, das Unternehmen bliebe auch in drei Jahren aus KUV-Sicht allerdings noch mehr als drei Mal so hoch bewertet – eine bemerkenswerte Diskrepanz!

 

Starke Unterschiede in der Profitabilität
Dieses Extremergebnis löst sich auf, wenn man die Gewinnentwicklungen der beiden Unternehmen vergleicht. Alibaba ist nämlich gegenwärtig sehr viel profitabler – und soll es Schätzungen zufolge auch in den nächsten Jahren bleiben. So macht man aus der hohen KUV-Bewertung eine immerhin mittelmäßige KGV-Bewertung:

 

Für einen Wachstumstitel sind die KGVs von Alibaba sogar durchaus nicht teuer, die Bewertung von Amazon würde man da schon eher als „sportlich“ bezeichnen. Das sieht man auch am Kurs-Wachstums-Verhältnis, welches das KGV mit dem Wachstum der kommenden Jahre ins Verhältnis setzt. Je niedriger diese Kennzahl, umso besser. Hier punktet ebenfalls Alibaba, da die Wachstumsraten bei beiden vergleichbar ausfallen.

Die entscheidende Frage
Damit kommen wir relativ schnell zur Gretchen-Frage, die sich ein Anleger bei der Entscheidung zwischen Amazon und Alibaba stellen sollte: Wie geht es mit der Profitabilität der beiden Unternehmen weiter? Gibt es strukturelle Unterschiede, die dazu führen werden, dass Alibaba langfristig seine viel höhere Profitabilität halten kann? Und wohin werden sich die Margen insgesamt entwickeln?
Meine Theorie hierzu: Wenn das Wachstum der beiden Unternehmen irgendwann abflacht, werden sich die Gewinnmargen deutlich angleichen (ein häufig zu beobachtendes Phänomen). Weil beide Unternehmen dann zu absoluten Platzhirschen geworden sind, werden sie ihre (im Amazon-Fall sehr hohen) Investitionen herunterfahren können – oder es in Anbetracht ihrer Wettbewerbsstellung zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit schaffen, ihre gegenwäärtige Profitabilität tendenziell zu erhöhen. Der größere Gewinnhebel liegt dann bei Amazon. Unter Bewertungsaspekten ist Amazon tendenziell dann trotz aktuell höherem KGV der bessere Pick (4x so viel Umsatz bei „nur“ rund doppelt so hoher Kapitalisierung). Die insgesamt hohe Bewertung des amerikanischen Internetriesen ist dann (aber auch nur dann) gut vertretbar, sodass man in diesem Fall langfristig weiter gut mit der Aktie fahren dürfte. Wer meine Einschätzung hinsichtlich der Entwicklungen in der Profitabilität nicht teilt, wird allerdings zu einem anderen Urteil gelangen – so ist die Börse...

Mein persönliches Fazit: Wie hoffentlich erkennbar wurde, ist es häufig überhaupt nicht einfach, bei Anlagethemen zu klaren Urteilen zu kommen. Das Chance/Risiko-Verhältnis halte in Anbetracht der Bewertungen übrigens in beiden Aktien zwar nicht für schlecht, es geht aber auch deutlich besser – die Aktienwelt beschränkt sich hier ja zum Glück nicht nur auf diese beiden Titel. Wer mehr von mir und meinen Investmentansätzen sehen oder lesen möchte, sei auf meine wöchentliche TV-Sendung oder meine Börsenbriefe (1, 2) verwiesen.

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