- DER AKTIONÄR

Amazon - Der amerikanische Patient

Amazon hat mit seinen Quartalszahlen die Börse enttäuscht, der Aktienkurs des E-Commerce-Riesen brach ein. Ist die Erfolgsstory beendet? Wir haben die aktuelle Unternehmenssituation und die Aktie genau unter die Lupe genommen.

Amazon hat mit seinen Quartalszahlen die Börse enttäuscht, der Aktienkurs des E-Commerce-Riesen brach ein. Ist die Erfolgsstory beendet? Wir haben die aktuelle Unternehmenssituation und die Aktie einer genauen Anaylse unterzogen.

Von Martin Weiß

Als Nummer 136 auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt muss sich Amazon.com-Gründer Jeff Bezos eigentlich keine Sorgen machen: Auf 4,1 Milliarden Dollar taxieren die Experten das Familienvermögen - da dürfte mehr als drei warme Mahlzeiten am Tag und eine Haushaltshilfe für Frau Bezos rausspringen. Eigentlich paradiesische Zustände, würde Herr Bezos nicht gerade von den Auguren an Wall Street vehement dafür kritisiert, dass sein Unternehmen zuletzt trotz steigender Erlöse nur mickrige Profite erzielte.

Der Kunde ist König. Wirklich.

1997 empfahl der AKTIONÄR seinen Lesern erstmals die Aktien von Amazon.com zum Kauf. Damals war Amazon nicht mehr als ein Bücherbestellservice über das Internet, gerade der Garage (von wo aus Bezos sein Geschäft anfangs betrieb) entwachsen. Acht Jahre später ist das Unternehmen das größte Warenhaus im Internet mit einer Million Produkte in 32 Kategorien und einem geschätzten 2005er-Jahresumsatz von 8,6 Milliarden Dollar. Das Sortiment umfasst Waschmaschinen und Unterhaltungselektronik ebenso wie Autozubehör, Urlaubsreisen und Spielzeug.

Nicht zu vergessen die Bücher. Damit diese ganzen Dinge auch möglichst schnell die Warenlager in Richtung Endkunden verlassen, lockt Amazon ab einem Bestellwert von 25 Dollar (circa 21 Euro) mit kostenloser Frei-Haus-Lieferung. Für eine Jahresgebühr von 79,95 Dollar (circa 66 Euro) reduziert sich die Lieferzeit auf - für amerikanische Verhältnisse - schnelle zwei Tage. Der Clou: Das Porto ist in diesem Angebot bereits enthalten.

Ärger im Paradies

Der ausgesprochen großzügige Service gefällt zwar den Kunden, nicht aber den Finanzexperten, die mit Argusaugen den Verfall bei den Gewinnmargen verfolgen. Tatsächlich hat Amazon im dritten Quartal zwar den Umsatz im Jahresvergleich um ein Viertel auf 1,87 Milliarden Dollar ausgeweitet - unter dem Strich blieb von dem Zuwachs aber kaum etwas übrig. Die operativen Margen schmolzen auf 6,4 Prozent und lagen damit deutlich unter den Analystenprognosen. Die Rabattaktionen des E-Commerce-Riesen kurbelten zwar zuletzt die Umsätze an, gehen aber zu Lasten des Ergebnisses. Vergleichszahlungen in Höhe von 40 Millionen Dollar und Steueraufwendungen ließen den Nettoprofit um 45 Prozent auf 30 Millionen Dollar absacken - im Verhältnis zum Umsatz ist der Gewinn verschwindend gering.

Zur Perfektion verdammt

Rechnet man die Sonderfaktoren in das Ergebnis hinein, dann hat Amazon im vergangenen Quartal 50 Millionen Dollar verdient und damit vier Millionen Dollar weniger als 2004. Das ist auf den ersten Blick kein dramatischer Einbruch, allerdings stellt man sich an der Börse nun die Frage, ob ein KGV von 45 (2006e) für die Aktien eines Unternehmens mit stagnierenden Gewinnen nicht zu hoch gegriffen ist. Zumal Firmenchef Jeff Bezos die Margen-belastenden Investitionen in die Technologie und den Service vehement verteidigt hat und mit Aussagen über die Einstellung weiterer Programmierer im kommenden Jahr signalisierte, dass ihm das Umsatzwachstum zunächst einmal wichtiger ist als die Rentabilität.

Die Gerüchteküche brodelt

Am US-Markt kursieren Gerüchte, wonach Amazon den Downloadbereich, der bislang lediglich das Herunterladen von Lese- und Hörproben gestattet, ausbauen will. Mit weltweit 42 Millionen Kunden verfügt das Internet-Kaufhaus zweifelsohne über eine ausreichend große Basis, um von einem solchen Dienst zu profitieren. Fraglich ist jedoch, ob sich mit einem solchen Dienst hohe Gewinne erzielen ließen oder der Markteinstieg nicht in einem Preiskrieg in der Branche mündete - mit dem Marktführer bei Musikdownloads, Apple Computer, und Firmen wie RealNetworks oder Napster wartet hier starke Konkurrenz.

Kein Kauf

Unter kurz- bis mittelfristigen Gesichtspunkten erscheinen die Aktien viel zu teuer und damit als klassische Verkaufsposition. Da Amazon aber über eine einmalige Marktposition verfügt und vom Trend zum E-Commerce überproportional profitieren sollte, geht das Papier für Anleger mit einem langfristigen Investmentansatz noch als Halteposition durch. Charttechnisch hat sich der Break aus dem seit Januar 2004 gültigen Abwärtstrend als "Bullenfalle" erwiesen - nach den Quartalszahlen fiel der Aktienkurs unter die Ausbruchsmarke zurück.

Artikel aus DER AKTIONÄR (46/05).

 

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