DAX
- Michael Schröder - Redakteur

2012: Quo vadis, DAX? Der Ausblick der Profis! (Teil 2)

Ein spannendes Börsenjahr geht zu Ende. Die Schuldenkrise in Europa hat die Aktienmärkte fest im Griff. Doch die Anleger richten den Blick bereits nach vorne. Alle Jahre wieder wird zum Jahreswechsel gerätselt: Was bringt das neue Jahr? Wo steht der heimische Leitindex Ende 2012?

DER AKTIONÄR fragte nach bei Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.

DER AKTIONÄR: Herr Halver, wie lange wird uns die Schuldenkrise noch beschäftigen?

Robert Halver: Die politische Euro-Krise klebt wie Kaugummi am Schuh und lässt sich nicht anstreifen. Die immerhin auf dem letzten EU-Gipfel eingeleiteten Maßnahmen zur Schaffung einer europäischen Fiskal- bzw. Stabilitätsunion sind zwar langfristig richtig. Aber einerseits werden sie bereits wieder vielfältig zerredet und ist der Weg ihrer Umsetzung steinig und mit vielen juristischen, politischen und finanzwirtschaftlichen Fallstricken gespickt. So ist vielfach ungeklärt, wie die EZB, Deutsche Bundesbank, der IWF und die einzelnen Nationalstaaten mit zur Rettung eingesetzt werden sollen. Und andererseits harren die Anleger einer Lösung, wie die Kuh vom Eis kommt, wie also die Finanzmärkte kurzfristig befriedet werden können. Das ist das drängendste Problem. Stattdessen verstrickt sich die Politik nach wie vor in Stabilitätsrhetorik nach dem Motto "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass".

Mit welcher Börsenentwicklung rechnen Sie 2012?

Neben den fundamentalanalytischen müssen Analysten mittlerweile auch politische Entwicklungen einschätzen. Das erschwert Prognosen drastisch. Dennoch könnte ich mir folgendes Szenario vorstellen. Bevor die Stimmung an den Finanzmärkten besser wird, könnte es zunächst noch einmal schlechter werden. Aufgrund der verhaltenen Stimmung könnte im I. Quartal die typische Jahresanfangs-Rallye ausbleiben. Die Marktteilnehmer werden vielmehr den weiteren Verlauf der politischen Entwicklung abwarten. Und auch die umfangreichen Emissionen von Staatsanleihen prekärer Länder werden skeptisch gesehen. Außerdem dürften die Banken mit ihren Kapitalnöten für negative Stimmung sorgen. Und schließlich werden die Rezessionssorgen in der Eurozone im Frühjahr ihren Zenit erreichen. Es spricht also zunächst deutlich mehr gegen als für Aktien. Es ist aber zu erwarten, dass in kritischen Refinanzierungsfragen die EZB alle Instrumentarien ergreifen wird, einer sich noch weiter verschärfenden Krise entgegenzuwirken. Sie ist ja unabhängig. Man kann ihr also nicht verbieten, einzugreifen. Vergessen werden darf hierbei auch nicht, dass die großen Notenbanken den europäischen Banken gemeinsam und beherzt US-Dollarliquidität zur Verfügung stellten. Um ein unkalkulierbares Risiko aus der Euro-Krise für Länder wie die USA, Großbritannien oder auch China, das um seine Exportmärkte bannt, erst gar nicht aufkommen zu lassen, wären weitere konzertierte Aktionen weiter wahrscheinlich. Liquidität mit der Gefahr zunehmender Inflation wäre insofern ein massives Argument für Aktien. Zudem wird die Weltwirtschaft grundsätzlich weiter wachsen. Die USA können ein Double Dip verhindern, China schafft ein Soft Landing und die Schwellenländer insgesamt haben ohnehin den Vorteil des fortgesetzten Aufbaus ihrer Binnenkonjunkturen. Für den weiteren Jahresverlauf wäre insofern mit einer Beschleunigung der Aktienmärkte zu rechen. Gerade der DAX mit seinem hohen Anteil an konjunktursensitiven Werten kann hiervon profitieren. Ein Pro für Aktien ist auch das hohe Ausmaß an negativer Stimmung. Mit einer starken Volatilität ist allerdings ganzjährig zu rechnen.

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Die internationale Geldpolitik hat in diesem Jahr mit der Liquiditätshilfe für die euroländische Finanzindustrie bewiesen, dass sie an keiner verschärften Krise Eurolands interessiert ist. Denn der Euro würde in der Konsequenz deutlich abwerten und die Exporte der USA oder von China in die Eurozone deutlich erschweren. Die im Ausland stärker konjunkturpolitisch orientierten Notenbanken werden diese Problematik wohl kaum zulassen. Ein gutes Beispiel ist hier die Schweizerische Notenbank, die im ureigensten Exportinteresse den Euro gegenüber Franken stützt. Auch sollte nicht vergessen werden, dass gerade angelsächsische Banken in hohem Maße Ausfallversicherungen verkauft haben. Bei Insolvenzen größerer Euro-Staaten könnten die Anleihegläubiger ihre Versicherungsleistungen einfordern. Das würde viele US-Banken überfordern, die ja noch andere Verlustpotenziale im Auge haben müssen. Insofern ist die Globalisierung der Finanzwelt auch ein Argument für die Eurozone und damit die Stabilität der Finanzmärkte.

Wo sehen Sie den DAX am Ende des Jahres 2012?

Bei Eintreffen dieses Szenarios bestehen Chancen, das nächste Jahr mit 6800 Punkten abzuschließen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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