- DER AKTIONÄR

"Wirtschaft sind wir alle"

Laut Ex-BDI-Chef Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel kann es in Deutschland nur noch besser werden. DER AKTIONÄR hat mit dem Wirtschaftexperten über die deutsche Wirtschaftspolitik, Gewerkschaften und "Heuschrecken" gesprochen.

DER AKTIONÄR im Gespräch mit Ex-BDI-Chef Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel über die deutsche Wirtschaftspolitik, Gewerkschaften und "Heuschrecken".

Es kann eigentlich nur noch besser werden", so Ex-BDI-Chef Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel im Gespräch mit dem Aktionär. Gemeint ist die deutsche Wirtschaft. Trotz immer neuer Export-Rekorde bleiben die Arbeitslosigkeit und die Frustration der Bevölkerung auf hohem Niveau. Mehr oder weniger geschickt versuchen Regierungsmitglieder derzeit, den Schwarzen Peter an die Wirtschaft und insbesondere an Private-Equity-Fonds weiterzugeben. Doch Wirtschaftsexperte Hans-Olaf Henkel zufolge liegen die Probleme in ganz anderen Bereichen.

Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel: Grundsätzlich ziehen die deutschen Politiker gerne einen Graben zwischen den Interessen der Wirtschaft und dem Rest der Gesellschaft. Sie ignorieren dabei einfach, dass die Wirtschaft wir alle sind. Die Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts. Wir sind alle entweder arbeitslos, beschäftigt oder Konsumenten. Was für die Wirtschaft gut ist, ist meist auch gut für die Bevölkerung. Beispielsweise dürfen Unternehmenssteuern nicht mit Steuern auf Reiche gleichgesetzt werden. Die Senkung der Unternehmenssteuern hilft nicht reichen Leuten, sondern den Unternehmen gesund zu bleiben und neue Leute einzustellen. Die Politik nimmt ihren Job als Aufklärer nicht wahr.

Welchen Schaden richten Private-Equity-Firmen, von Hans Müntefering jüngst "Heuschrecken" genannt, wirklich an?

Gar keinen. Private-Equity-Firmen nehmen eine Aufgabe wahr, die in der Volkswirtschaft sehr nützlich ist. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass zwei Drittel dieser Übernahmen positive Effekte auf die Überlebensfähigkeit des Unternehmens, die Beschäftigung und die Volkswirtschaft haben. Und selbst Flops wären ohne Private-Equity-Firmen schon früher Pleite gewesen. Denn dies sind ja Versuche, meist notleidende Firmen in die richtige Richtung zu bringen.

Ist diese Diskussion schädlich?

Ja, mit Sicherheit. Herr Müntefering benützt einen Ausdruck für Menschen dieser Branche ("Heuschrecken"), welcher starker Tobak ist. Schön früher wurde das internationale Kapital als Ungeziefer bezeichnet. Die Tatsache, dass sogar Personen öffentlich an den Pranger gestellt werden und sich der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann mit Bodyguards schützen muss, hat es lange nicht gegeben. Diese Äußerungen sind nicht mehr durch Wahlkampf zu entschuldigen. Das ist schon eine kolossale Entgleisung.

Guido Westerwelle sagt sogar, Gewerkschaftsfunktionäre seien eine "wahre Plage für Deutschland". Sehen Sie das ähnlich?

Ich würde noch weiter gehen und auch die Arbeitgeberverbände mit hineinziehen und sagen: Die wahre Plage für Deutschland ist das Tarifkartell.

Sollten Ihrer Meinung nach Managergehälter offen gelegt werden?

Ich habe nichts dagegen. Ich finde es aber schon bemerkenswert, dass das Einzige, was in der Diskussion um die so genannten Nebeneinkommen der Bundestagsabgeordneten übrig geblieben ist, Forderungen nach der Offenlegung der Managergehälter sind.

Derzeit wird im Zusammenhang mit der deutschen Wirtschaft viel von Moral der beteiligten Akteure gesprochen. Können auch Aktionäre einen moralischen Beitrag für die deutsche Wirtschaft leisten?

Es wäre sicherlich für die Wirtschaft gut, wenn Aktionäre in deutsche Unternehmen investieren würden. Aber das kann nur auf freiwilliger Basis geschehen. Wobei die Mehrzahl der Dax-Unternehmen ihren Hauptumsatz im Ausland erwirtschaft. Insofern ist so ein patriotischer Schritt von relativ geringer Bedeutung.

Würden Sie selbst in Deutschland investieren?

Die Antwort ist ganz klar ja. Es kann eigentlich nur noch besser werden.

Wenn Sie an Schröders Stelle wären, welche Reformen würden Sie anpacken?

Das erste wäre die Reform der Reformfähigkeit, das heißt die Änderung des politischen Entscheidungssystems. Damit Deutschland endlich mit dem Tempo der anderen Länder mithalten kann.

Experten sprechen in diesen Tagen wieder davon, Deutschland müsste mehr in Forschung und Bildung investieren? Stimmen Sie dem zu?

Kanzler Schröder sollte nur das tun, was er versprochen hat. Nämlich drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Forschung und Entwicklung ausgeben. Die Wirtschaft muss aufpassen, dass der Anschluss an das Ausland nicht verloren wird. Hinter Japan und den USA waren wir hinsichtlich der Forschungsausgaben immer an dritter Stelle. Heute sind Frankreich, Finnland, Schweden und die Schweiz an uns vorbeigezogen. Wenn wir die Aufwendungen nicht erhöhen, werden noch mehr Länder an uns vorbeiziehen. Und das können wir uns nicht leisten.

Artikel aus DER AKTIONÄR (22/02)

 

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